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2006/03

Hand in Hand

Eigentlich war Heinrich Hauser an jenem Mittwochmittag zu seinem Wäldchen gefahren, um in Ruhe Holz für die Heizung zu spalten. Doch der Tag sollte eine dramatische Wendung nehmen. Kurz nach 13 Uhr kehrt der Tiroler mit seinem Mähtrac nach Hause zurück – rechts neben sich, abgetrennt, seine linke Hand. Die Rettungskette unter Einbindung des ARA-Notarzthubschraubers RK-2 funktioniert blitzschnell. Noch in der Nacht erhält der 64-Jährige seine Hand in einer langen Notoperation zurück.

Foto: Irina Wonneberg

Ein schwerer Prügel war das, erinnert sich Bauer Hauser, den er da am 31. Mai in den Holzspalter legt. Ein Baumstamm von 40 Zentimetern Dicke, schwer kaputt zu kriegen. Irgendwie muss er aber zu früh mit dem Fuß an den Spalthebel gekommen sein – und die Hand lag samt Handschuh allein auf dem harten Stück Holz. „Erst hab ich mich nur gefragt: Was ist denn da los?“, erinnert sich der Mann aus dem Tiroler Örtchen Steeg. Wenig später kam der riesige Schmerz.

Doch der Lechtaler Landwirt behält die Nerven und reagiert beherzt. Er legt seine linke Hand neben den Fahrersitz seines Mähtrac und steuert mit der Rechten zum Hof zurück. Endlose fünf Minuten benötigt er für die 400 Meter mit dem kleinen Spezialtraktor, während der Arm furchtbar blutet. „Zuhause hab ich zu meiner Frau gesagt: Hol mal den Hubschrauber und die Rettung.“ Die Familie holt auch eine Schüssel und Eis, wickelt die Hand ein und kühlt sie. Gut, dass Hauser selbst viele Jahre Bergretter war. „Da weiß man, was zu tun ist“, sagt der Rentner.

Danach geht alles ganz schnell. Als Erster ist Hausarzt Franz Lackner zur Stelle. Ihn hatte Frau Hauser – wie es auf dem Land Tradition ist – zuerst verständigt, eine Viertelstunde später ist er da. Der Arzt verbindet den Arm und legt eine Infusion. Nur wenige Minuten später steht der ARA-Notarzthubschrauber RK-2 aus Reutte vor dem Hof. Eigentlich wäre es ein Einsatz für Christoph 5 aus dem - Luftlinie - näher gelegenen Zams gewesen. Doch eine dichte Wolkendecke verhindert dessen Einsatz. Christoph 5 wäre nicht über die Berge gekommen. Der ARA-Notarzthubschrauber aus Reutte kann hingegen problemlos das Lechtal entlang fliegen und muss keine Gipfel überqueren.

„Um 13:49 Uhr, nach zwölf Minuten Flugzeit, sind wir gelandet“, berichtet RK-2-Pilot Jörg Redetzky. 22 Minuten bleibt das vierköpfige Team am Boden. Notarzt Günter Böcking, Rettungsassistent Andreas Inwinkl und Bergespezialist Roland Lorenz tun alles Nötige. Die Hand wird in einem Amputationsbeutel verpackt und in einem zweiten Beutel mit Eis gelagert. Heinrich Hauser werden Schmerzmittel verabreicht und der Arm steril verbunden. „Er wirkte stabil, gefasst“, erzählt Böcking im Rückblick. „Das war ein scharfer, anatomischer Marzipanschnitt.“

Um 14:19 Uhr hebt der RK-2 wieder ab, an Bord neben dem Team auch der Schwerverletzte und seine Tochter Susanne. Nach 29 Minuten landet die Maschine an der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck. Keine zwei Stunden nach dem Unfall. „Es muss alles sehr schnell gehen, damit die Hand nicht abstirbt“, unterstreicht der Hubschraubernotarzt die Dringlichkeit. „Da gilt die Regel: Je früher, je besser. Mit dem Rettungswagen hätte der Transport zu  lange gedauert. Außerdem ist der Flug viel schonender, da erschütterungsfreier.“

Glück im Unglück

Glück im Unglück hat Hauser auch mit den Innsbrucker Experten für plastische Chirurgie. Erst am Wochenende zuvor haben sie einem Ukrainer zwei Hände transplantiert, die dieser bei einem Sprengstoffunglück verloren hatte. In einer elfstündigen Marathon-Operation versteifen nun Unfallchirurgen zunächst Hausers durchtrenntes Gelenk und befestigen die Hand mit einer Platte. Dann verbinden das Team der Oberärzte um Professor Hildegunde Piza und Dr. Thomas Bauer bis drei Uhr früh auch kleinste Arterien, Venen, Sehnen und Nervenstränge, um alle Funktionen der Hand wieder herzustellen. Zudem verpflanzen sie Haut vom Oberschenkel an den Unterarm. Eine Operation, die alles andere als Routine ist. „So etwas kommt nur ein oder zwei Mal im Jahr vor“, weiß der 36-jährige Oberarzt.

Die Operation gelingt. Nur wenige Tage später kann Heinrich Hauser die ersten Finger schon wieder bewegen. Doch für den Patienten beginnt die harte, schmerzhafte Hand-Arbeit erst danach. In monatelanger Therapie muss er die Funktionen wieder erlernen, zweimal die Woche in Imst, einmal wöchentlich in Innsbruck: Wasserbaden, Finger trainieren, Dinge aufheben und wieder fallen lassen. Bisher reicht es kaum, um sich anzuziehen. Doch ganz langsam kehrt das Gefühl zurück. „Wie kleine Stromschläge“, beschreibt Hauser.
„Nach etwa zwei Jahren“, so erklärt Chirurg Bauer, „ist die Heilung vorerst abgeschlossen.“ Doch weitere kleine Eingriffe, etwa zur Sehnenspannung, können später folgen. Einig sind sich alle beteiligten Helfer, dass der Einsatz optimal gelaufen ist. „Unser Patient wird seine Hand bei der Arbeit auf dem Hof wieder einsetzen können“, ist der Oberarzt sicher.

 

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