Wolfgang Bieber ist Spediteur, schon seit vielen Jahren. Da sitzt jeder Handgriff. Doch an diesem Freitag im August greift er wenige Zentimeter neben die Leiter des Fahrerhauses und stürzt zwei Meter in die Tiefe. Herbeigerufene Notärzte stellen wenig später einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch fest. Besser gesagt eine „fracture of the femoral neck“. Denn der 49-Jährige prallte nicht auf deutschen, sondern auf englischen Boden.

„Ich hab’s noch knacken hören, dann war nichts mehr“, erinnert sich Wolfgang Bieber an seinen unglücklichen Sturz. Bei schönstem Sonnenschein fährt der 49-jährige Fernfahrer am 25. August mit seinem Sattelschlepper an einem Werkstor vor, um neue Ladung abzuholen. Für die Anmeldung muss er jedoch kurz aussteigen, da die Gegensprechanlage weit unten am Tor angebracht ist. Bieber stellt noch den Motor ab, dann passiert es. Der sportliche Mann verfehlt um wenige Zentimeter die Leiter am Fahrerhaus und stürzt geradewegs auf den Asphalt. Statt mit seiner Fracht nach Hause zu rollen, findet sich der Unglücksrabe kurz darauf mit großen Schmerzen in einer Klink im nahen Bradford-Dewsbury wieder.
Dabei hatte er all das gerade erst erlebt. Im Juni 2005 war Bieber mit seinem Motorrad schwer gestürzt, er zog sich Trümmerbrüche in beiden Beinen zu. Seine Knie sind noch immer verschraubt. Nun liegt er wieder im Krankenhaus und wartet auf die Chirurgen. „Da brach für mich eine Welt zusammen“, erzählt der Kraftfahrer. Es ist Freitagnachmittag, und ihm wird klar, dass vor Montag mit einer Operation in England nicht zu rechnen ist. Da gab es nur eine Lösung: „Ich musste unbedingt nach Hause.“ Erst wenige Monate zuvor war Bieber Förderer der DRF Luftrettung geworden: „Nach meinem Motorradunfall wusste ich ja, wie schnell etwas passieren kann“.

Von Bradford-Dewsbury aus setzt er sich noch am Freitagabend mit der Alarmzentrale der DRF Luftrettung in Filderstadt in Verbindung.
Nach Rücksprachen mit den behandelnden Ärzten in England steht schon Samstagmittag fest: Die Rückholung des transportfähigen Patienten wird stattfinden. Eine medizinische Notwendigkeit liegt vor, denn es muss von einer komplizierten Operation ausgegangen werden, da in Biebers Beinen zwischen Knien und Oberschenkeln noch je eine Platte steckt. Bereits am Nachmittag ist der lückenlose Transport von Krankenhausbett zu Krankenhausbett organisiert, Bieber wird in einem Krankenwagen zum Flugplatz Bradford-Leeds gebracht. Dort nimmt ihn eine erfahrene Ambulanz-Crew der DRF Luftrettung in Empfang. „Ich bekam eine Dosis Schlafmittel verabreicht und wurde so ein wenig aus dem Verkehr gezogen“, sagt Bieber scherzhaft. „Erst kurz vor Stuttgart bin ich wieder aufgewacht – das war wirklich angenehm.“

Die Kurznarkose bestätigt auch Rettungsassistent Harald Hartmann. Zusammen mit Notärztin Dr. Monika Brandt war er an Bord der Beech Super King Air B200, die an jenem Abend auf dem kleinen Rollfeld bereit steht.
„Schwere Frakturen sollten so schnell wie möglich operiert werden. So kann der Knochen bestmöglich erhalten bleiben“, erklärt die Anästhesistin den Grund für die zügige Rückholung. Während des Fluges wird der Gesundheitszustand des Patienten aufmerksam kontrolliert. Atmung, Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffsättigung haben Notärztin und Rettungsassistent stets im Blick.
90 Minuten dauert der Flug. Um 20:05 Uhr landen Flugkapitän Marcus Schwab und der Erste Offizier Christian Fischer das Ambulanzflugzeug sicher in Stuttgart. Der Krankenwagen, der Wolfgang Bieber nach Backnang bringt, steht schon bereit. Auch im dortigen Kreiskrankenhaus wird der „alte Bekannte“ von Ärzten und Pflegern bereits erwartet - und wenige Stunden später operiert. Bieber, der Glück im Unglück hatte, ist auch im Rückblick dankbar, dass ihn die DRF Luftrettung so reibungslos aus seiner Notlage gerettet hat: „Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass ich heute, sechs Wochen nach meinem Sturz, wieder in den Weinbergen spazieren gehen kann.“
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