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2008/02

Über Stock und Stein

Glatte Asphaltstraßen sind langweilig, jedenfalls für Julian Stett. Der Achtjährige radelt am liebsten querfeldein. Im April 2007 stürzt er dabei schwer – doch sein Schutzengel hat aufgepasst: Aufmerksame Nachbarn und die Crew von "Christoph 45" leisten schnelle Hilfe.

Ich geh noch ein bisschen radeln“, ruft Julian Stett am frühen Abend des 17. April seiner Mutter zu. Der Junge weiß genau, wohin er will: Auf einem nahen Feldweg ist Schotter aufgeschüttet worden und mit etwas Anlauf geben die Haufen prima Schanzen ab. Julian ist ein geschickter Radler, aber diesmal geht etwas schief. „Ich weiß nur noch, dass ich den Lenker  hochgerissen hab – und dann lag ich da“, erzählt er ein knappes Jahr später. „Zuerst dachte ich, dass das Lenkerende unter meine kurze Hose gerutscht war. Doch dann schaute ich genau hin und dachte: Mist!“ Der Bremshebel seines Fahrrads hatte sich tief in den Oberschenkel gebohrt. Solche Verletzungen können lebensgefährlich sein, wenn dabei größere Blutgefäße in Mitleidenschaft gezogen sind. Instinktiv reagiert Julian genau richtig: Anstatt sich selber zu befreien, ruft er um Hilfe. „Schon nach dem zweiten Schrei kamen die Nachbarn“, erinnert er sich. Sie setzen sofort unter 112 einen Notruf ab, die Nachbarstochter verständigt Julians Mutter, die bis zu diesem Zeitpunkt nichts von dem Unfall mitbekommen hat.

 

Hubschrauber bringt Zeitvorteil

Um 18:48 Uhr wird die Crew von "Christoph 45" im 20 Kilometer entfernten Friedrichshafen von der Rettungsleitstelle Bodensee alarmiert. Eine Rettungswache gibt es zwar im nahen Salem, aber die Straßen sind eng und kurvig, der Hubschrauber der DRF Luftrettung bringt hier einen klaren Zeitvorteil – ganz im Sinne des kleinen Patienten, der bei jeder Bewegung starke Schmerzen hat. Nur sieben Minuten nach der Alarmierung landet Pilot Harald Kink seinen Rettungshubschrauber nahe des Dorfes Obersiggingen. „Horizontal- und Bodensicht waren optimal, der Wind wehte nur schwach“, erinnert sich Pilot Harald Kink. Schon beim Anflug macht die Crew auf einer Wiese direkt neben der Unfallstelle einen geeigneten Landeplatz aus. Julian ist bei Bewusstsein und ansprechbar, daher gibt ihm Hubschrauber-Notarzt Dr. Heiko End sofort ein Schmerzmittel. „Bei einer sogenannten Pfählungsverletzung ist es wichtig, den Patienten möglichst wenig zu bewegen und den Fremdkörper erst im Krankenhaus operativ zu entfernen“, erklärt Rettungsassistent Ronald Freyer.

 

Julian hatte Glück

„Wir haben unmittelbar nach dem Eintreffen am Unfallort die Feuerwehr alarmiert, weil der Lenker demontiert werden musste“, fährt Pilot Kink fort.

Die Helfer aus der Gemeinde Deggenhausertal trennen vorsichtig den halben Lenker samt Bremshebel ab, er wird mit Bandagen für den Transport ins Klinikum Friedrichshafen fixiert. „Der Bub war unwahrscheinlich gefasst“, erinnert sich Pilot Kink. Als jedoch sein Rad zersägt wird, ist es mit der Tapferkeit vorbei. „Julian fing tatsächlich erst zu weinen an, als die Feuerwehr mit der Säge anrückte“, erinnert sich die Mutter. Nachdem das Kind für den Transport in die Klinik vorbereitet ist, kann der Hubschrauber der DRF Luftrettung wieder abheben.

Im Krankenhaus wird der Siebenjährige sofort in den OP gebracht. Dort zeigt sich, dass Julian großes Glück hatte: Der Bremshebel hat nur Muskelgewebe verletzt, Gefäße und Nerven sind heil geblieben, erfährt Mutter Sonja, die bange Minuten durchlebt, während ihr Sohn operiert wird. „Doch alle waren freundlich und hilfsbereit, das hat mich sehr beruhigt“, erinnert sich die 27-Jährige. Schon zwei Tage nach dem Unfall darf Julian wieder aufstehen, drei Tage später kann er das Krankenhaus verlassen. Kaum zu Hause, strahlt er über das ganze Gesicht: Die Feuerwehrmänner bezahlen aus ihrer Kameradschaftskasse einen neuen Lenker und bauen Julians Fahrrad wieder zusammen. Ob er heute vorsichtiger fährt? „Naja, vielleicht nicht mehr ganz so wild“, sagt Julian. Und lächelt verschmitzt.

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