Ungeborene lassen sich von exakt berechneten Geburtsterminen wenig beeindrucken. Sie überraschen selbst mehrfache Mütter, die auf einen routinierten Geburtsablauf sowie seine Dauer vertrauen. Kathrin Awe war vergangenen Sommer schon etwas verdutzt, in welchem Tempo ihr Sohn Darius auf die Welt drängte. Doch die Besatzung des Rendsburger Hubschraubers der DRF Luftrettung war noch schneller.

Kathrin Awe (28) aus Gettorf hatte sich die Geburt ihres zweiten Kindes in etwa so vorgestellt: Sobald die ersten Wehen einsetzen, würde sie ihr Lebensgefährte Henry Thonn in die Klinik fahren. Dort würde sie an einen Wehenschreiber angeschlossen werden, später ihren Sohn im Kreißsaal entbinden und schließlich ihr Neugeborenes erschöpft, aber glücklich in die Arme nehmen. Doch es kam ganz anders. Der 3. August ist erst wenige Stunden alt, als die hochschwangere Frau durch die aufkommenden Wehen erwacht. „Da die Geburt meines ersten Kindes rund zwölf Stunden gedauert hatte, war ich nicht in Eile. Meinen Partner weckte ich deshalb erst um sechs Uhr.“ Doch schon eine Stunde später platzt die Fruchtblase, der werdende Vater verständigt unverzüglich die Hebamme. Ihre telefonische Aufforderung lautet: Sofort ins Krankenhaus. „Aber das schaffte Kathrin nicht mehr. Die Wehen waren inzwischen so heftig, dass sie nicht mehr vom Sofa aufstehen konnte“, erinnert sich ihr Lebensgefährte. Deshalb fordert die Hebamme, die mittlerweile eingetroffen war, um 7:50 Uhr über die Rettungsleitstelle einen Notarzt an. Nur wenige Minuten später ist der Rendsburger Hubschrauber der DRF Luftrettung vor Ort. An Bord sind Notarzt Jens-Heiko Möller, Rettungsassistent Frank Schmelzkopf und Pilot Heiner Hinze. „Direkt vor der Haustür konnte ich nicht landen, da wäre das Risiko zu groß gewesen, dass Gegenstände aufgewirbelt werden. Aber eine nahe gelegene Rollschuhbahn war als Landeplatz gut geeignet“, erklärt Pilot Hinze seine fliegerische Sorgfaltspflicht. Dort wartet bereits ein Polizeiwagen, der die medizinische Crew zum Ort des Geschehens bringt.

Notarzt und Rettungsassistent haben sich bereits während des Anflugs mental auf den Einsatz vorbereitet. „Das ist der gleiche Vorgang wie bei anderen Einsätzen auch“, bestätigt Notarzt Möller. „Das Besondere bei einer Geburt ist jedoch, dass wir zwei Patienten versorgen, die Mutter und das Kind“, so Möller. Für die medizinische Crew der DRF Luftrettung ist das Erleben einer Geburt jedes Mal aufs Neue beeindruckend. Möller: „Es ist für uns eine Ehre dabei zu sein, wenn ein Mensch auf die Welt kommt. Vor allem weil wir sehr oft auf Patienten treffen, deren Leben akut bedroht ist.“ Das unterstreicht auch Rettungsassistent Schmelzkopf: „Wir werden überwiegend zu schwer verletzten oder erkrankten Menschen gerufen, da freuen wir uns über ein neues Leben umso mehr.“
Doch muss hierfür ein Rettungshubschrauber alarmiert werden? „Bei einer unplanmäßigen Hausgeburt sollte immer ein Arzt vor Ort sein, da Komplikationen auftreten können, die ein unmittelbares ärztliches Eingreifen erforderlich machen“, erklärt Möller. Christoph 42 war im Falle Darius der schnellste Notarztzubringer, der zu diesem Zeitpunkt verfügbar war. Als die medizinische Crew der DRF Luftrettung im Haus Awe eintrifft, ist die Geburt schon voll im Gange. Notarzt Möller ist als Geburtshelfer darauf vorbereitet, möglicherweise einen Notkaiserschnitt durchzuführen, während Frank Schmelzkopf mit beruhigenden Worten dem werdenden Vater zumindest etwas Nervosität nehmen kann. Um 8:33 Uhr bringt Kathrin Awe im Wohnzimmer der eigenen vier Wände einen gesunden Jungen zur Welt: 4.060 Gramm schwer und 51 cm groß. Notarzt Möller ermuntert den frischgebackenen Vater, die Nabelschnur seines Sohnes zu durchtrennen, und gibt genau Anweisung, wie er dabei vorgehen soll. „Das war ein großer, bewegender Moment, den ich nie vergessen werden“, ist Thonn noch Monate nach der Geburt gerührt. Nachdem Darius im wahrsten Sinne des Wortes in trockenen Tüchern ist, kehren Möller und Schmelzkopf zum Hubschrauber zurück. Dort wartet Pilot Hinze schon gespannt auf Neuigkeiten. „Als Pilot bleibe ich während eines Einsatzes immer in Sichtweite des Hubschraubers und konnte so bei der Geburt nicht dabei sein. Nach der Rückkehr meiner Crew habe ich mich aber sehr über die gute Nachricht gefreut.“