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2008/04

Mit Tempo 250 in die Handchirurgie

Es sollte der letzte Schnitt vor der Winterpause sein. Doch an jenem Spätnachmittag im Oktober wird Solveig Jacobsen den Rasen nicht fertig mähen. Ständig verstopfen die langen Grashalme den Rasenmäher. Als sie das elektrisch betriebene Gerät zum wiederholten Mal reinigen muss, vergisst sie, den Stecker zu ziehen, und greift in die rotierenden Klingen ...

Solveig Jacobsen denkt angestrengt nach. An viele Momente des 8. Oktober 2007 kann sie sich infolge des Schocks, den sie durch ihren Unfall erlitten hat, nicht erinnern. „Ich bin einfach nur dankbar, dass ich meine Hand behalten konnte“, sagt die Hotelfachfrau. Nach der Arbeit wollte sie noch im Garten den Rasen mähen. Doch das Gras war feucht und verstopfte ständig das Schneidwerk. Schon vier Mal hatte sie den Mäher gereinigt, langsam verlor sie die Geduld: „Außerdem sprang andauernd der Hund um mich herum und nervte. Also drehte ich den Rasenmäher zum fünften Mal auf die Seite und warf Raika ein Stöckchen, um für einen kurzen Moment meine Ruhe zu haben.“

Doch dann unterläuft der 27-Jährigen ein fataler Fehlgriff. Gedankenverloren greift sie in die rotierenden Messer. „Es fühlte sich an, als hätte ich mich gestoßen, doch dann war überall Blut ...“ Ihr Vermieter Karl-Heinz Moritzen, gerade von der Arbeit auf dem Feld zurückgekehrt, hört die Hilferufe und eilt in den Garten. Der Landwirt sieht die zerstückelte Hand und sofort fällt ihm der Rettungswagen (RTW) ein, den er vor ein paar Minuten nur wenige Straßen entfernt bemerkt hat. Er bringt die junge Frau vorsichtig zu seinem Auto und fährt sie zum RTW. Der bodengebundene Notarzt hat den Notfall, zu dem er gerufen worden war, bereits versorgt, sodass er zusammen mit dem Rettungsassistenten unmittelbar mit der medizinischen Erstversorgung von Solveig Jacobsen beginnen kann. Er  erkennt auf den ersten Blick, wie schwer die junge Frau verletzt ist, und fordert den Hubschrauber der DRF Luftrettung aus Niebüll für den schnellen Transport in eine Spezialklinik an.

 

Die Patientin stand unter Schock

„Der Alarm ging um 16:36 Uhr bei uns ein“, entnimmt Pilot Jürgen Voiss dem Einsatzprotokoll. Zwei Minuten später startet er mit Christoph Europa 5 in Richtung Galmsbüll, wo er nur wenige Augenblicke später auf einer Weide in unmittelbarer Nähe von Solveig Jacobsen landet. Mit an Bord sind Notärztin Dr. Ulrike Lamp und Rettungsassistent Sacha Münster. „Wir konnten den Einsatzort schon aus der Luft sehr gut erkennen, da ein Landwirt mit einem Tuch auf sich aufmerksam machte“, erinnert sich Münster. „Als wir aus dem Hubschrauber ausstiegen, war der Koppelzaun schon geöffnet und über einem Graben lag ein Brett, über das wir problemlos die Straße erreichen konnten“, lobt er die Umsicht und das Mitdenken Dritter. „Solveig Jacobsen saß vor einer Scheune. Ihr Kreislauf war soweit stabil, sie stand jedoch unter Schock“, berichtet der Rettungsassistent. Nach einem kurzen Arzt-zu-Arzt-Gespräch mit ihrem bodengebundenen Kollegen entscheiden Notärztin Lamp und Rettungsassistent Münster, die Patientin auf dem schnellsten Weg nach Hamburg Boberg zu bringen. „Dort ist ein Unfallkrankenhaus mit einer exzellenten Handchirurgie“, weiß die langjährige Notärztin.

 

Amputation schnell medizinisch versorgen

Nachdem die medizinische Besatzung von Christoph Europa 5 die Patientin mit starken Schmerzmitteln versorgt und für den Transport vorbereitet hat, hebt Jürgen Voiss auch schon ab in Richtung Hansestadt.

„Die Sicht war gut, nur die Sonne sank langsam immer tiefer“, erinnert sich der Pilot der DRF Luftrettung. Gut 40 Minuten dauert der Flug zu der rund 120 Kilometer Luftlinie entfernten Klinik, ein Rettungswagen hätte für die Strecke über Land (rund 240 Kilometer) mindestens die dreifache Zeit benötigt. „Bei abgetrennten Gliedmaßen oder Fingern kommt es auf Minuten an. Sie müssen schnellstmöglich von Spezialisten versorgt werden, die es aber nur an sehr wenigen Kliniken gibt“, weiß Ulrike Lamp.

Über fünf Stunden operieren die Chirurgen die rechte Hand von Solveig Jacobsen, sodass drei der fünf Finger gerettet werden konnten. „Letztlich gelangte ich mit dem Hubschrauber der DRF Luftrettung auf dem schnellsten Weg in die für mich geeignete Klinik. Diesem Faktor verdanke ich mit, dass ich noch Daumen, Ring- und Zeigefinger der rechten Hand habe, den Daumen ganz normal bewegen und Gegenstände mit dem sogenannte Pinzetten-Griff greifen kann. Damit komme ich inzwischen auch beruflich ganz gut zurecht“, sagt Jacobsen, die ihre Hand auch 14 Monate nach dem Unfall nach wie vor physiotherapeutisch trainiert. Autofahren kann sie problemlos, nur um den Rasenmäher macht sie seither einen großen Bogen. „Darum darf sich jetzt mein Freund kümmern.“

 

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