Jedes Jahr trainieren Rettungskräfte der DRF Luftrettung, der Feuerwehr Greifswald und der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) das schnelle Auffinden und Retten hilfloser Personen aus der Ostsee. Ende Oktober 2008 zeigte sich einmal mehr der Erfolg der Übungen: Dank der reibungslosen Zusammenarbeit aller Rettungskräfte konnten zwei Angler vor dem Ertrinken bewahrt werden.

Dorsche wollten wir angeln, die beißen den ganzen Tag“, erinnert sich Thies Kohlen aus Lubmin. 20 Fische zappeln schon im Eimer, als der Hobbyangler feststellt, dass das Boot leckt. „Schöpfen können Sie vergessen, das Boot läuft binnen weniger Minuten voll!“ Kohlen atmet tief durch. Er weiß, dass er und ein Angelpartner Hans Andersch (Namen von der Redaktion geändert) am 23. Oktober 2008 nur knapp dem Ertrinkungstod entkommen sind.
Etwa zwei Kilometer vor der Westküste Hiddensees kentert das Boot der beiden Männer. „Natürlich war es fahrlässig, ohne Schwimmwesten in See zu stechen“, gibt Kohlen zu, der schon als kleiner Junge mit der Angelrute loszog und noch nie Vergleichbares erlebt hat. „Glücklicherweise konnten wir uns am Boot festhalten, das kieloben trieb“, schildert der 51-Jährige. Allerdings macht beiden die nur neun Grad kalte Ostsee schnell zu schaffen. Die Männer legen sich mit den Oberkörpern über das Boot, sodass nur die Beine im Wasser sind.
Geistesgegenwärtig setzt Thies Kohlen mit dem Handy kurz vor dem Kentern einen Notruf ab. Noch zehn Minuten bleibt das Mobiltelefon empfangsbereit, dann dringt Wasser in das Gehäuse und das Display färbt sich Schwarz. Bange Minuten des Wartens beginnen. „Ich hatte wenig Hoffnung, dass uns die Rettungskräfte rechtzeitig finden. Zwei dunkel gekleidete Personen, die auf dem dunklen Rumpf eines kleinen Bootes auf dem Meer treiben, sind sehr schwer zu erkennen“, räumt Kohlen ein. Doch die Besatzung des Rettungshubschraubers der DRF Luftrettung aus Greifswald entdeckt die Schiffbrüchigen rechtzeitig.

Um 9:27 Uhr geht der Alarm an der Station in Greifswald ein. Neben Christoph 47 wurde außerdem je ein Hubschrauber der Polizei Mecklenburg-Vorpommern
und der Bundespolizei alarmiert, die Wasserschutzpolizei sowie ein Schiff und zwei Boote der DGzRS.
Burkhard Piper, Pilot von Christoph 47, steuert Hiddensees Küste an, mit an Bord sind Rettungsassistentin Ines Schneer, Notarzt Dr. Matthias Drüner und Ralf Hahn, Rettungsschwimmer der Berufsfeuerwehr Greifswald. Piper sucht das küstennahe Gebiet ab. Doch die Beschreibung der Unglücksstelle ist vage, exakte Koordinaten gibt es nicht. „Nachdem wir das Boot im angegebenen Gebiet nicht sichten konnten, habe ich eine Stelle mit ähnlicher Beschreibung auf der Westküste angeflogen“, so Piper. Und tatsächlich, dort treibt das Boot im Wasser.

Tief schwebt der Rettungshubschrauber der DRF Luftrettung über der Ostsee, damit sich der Rettungsschwimmer beim Sprung ins Wasser nicht verletzt. Vorher hat er eine Rettungsinsel ins Wasser geworfen, die er vor dem gekenterten Boot aktiviert: Er zieht dabei an einer Leine, und die Rettungsinsel bläst sich innerhalb weniger Sekunden selbst auf. Kaum bei den Männern angelangt, hilft er beiden in die Insel. Der Hubschrauber steht währenddessen über dem Einsatzort, um dem anfahrenden Seenotrettungskreuzer der DGzRS die genaue Position anzuzeigen. Kaum ist „Theo Fischer“ eingetroffen, dreht der Hubschrauber ab. Über Funk wurde der Crew mitgeteilt, dass ein Notarzt an Bord des Kreuzers ist.
Christoph 47 nimmt Kurs auf Barhöft, um dort im Hafen auf den Rettungskreuzer zu warten. Solange nicht feststeht, wie stark die Männer unterkühlt sind oder ob noch weitere Personen vermisst werden, ist der Einsatz für den Rettungshubschrauber der DRF Luftrettung nicht beendet. Die Angler werden auf dem Schiff notärztlich behandelt, in Decken gewickelt und mit einer heißen Tasse Tee versorgt. Thies Kohlen kommt mit dem Schrecken davon. „Mein Blutdruck war etwas erhöht, doch meine Körpertemperatur pendelte sich sehr schnell wieder bei 37,5 °C ein.“ Sein Bootspartner Andersch jedoch war stärker unterkühlt, „er zitterte am ganzen Körper und musste zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht werden“, berichtet Kohlen.
Ob er wieder zum Angeln aufs Meer hinausfährt? „Erst muss ich das Boot reparieren und hell lackieren.“ Außerdem sticht er nur noch mit Schwimmweste in See. „Ein drittes Mal wird mir das Leben sicher nicht geschenkt.“
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