Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland in freier Natur von einer Schlange gebissen zu werden, ist geringer als ein Sechser im Lotto. Der Kindergärtnerin Monika Meise wäre der Lottogewinn auch lieber gewesen …
Hat es sehr wehgetan?“ Als Monika Meise an jenem Morgen Ende Juni wieder in den Kindergarten kommt, überfallen sie die Kleinen förmlich mit Fragen. Sechs Tage war sie in der Klinik, davon zwei auf der Intensivstation. „Wer weiß, was geschehen wäre, hätte die DRF Luftrettung nicht binnen weniger Stunden das für mich so wichtige Gegengift mit dem Hubschrauber eingeflogen“, grübelt die 55-Jährige. „Dabei hatte der Tag so schön angefangen“, erinnert sich ihr Mann Thomas Meise. „Es war Traumwetter und wir haben mit dem Cabrio eine Spritztour unternommen.“

An der Schwarzwaldhochstraße steigen die beiden aus und gehen nur wenige Schritte bis zum Panorama-Ausblick. Monika Meise läuft dicht hinter ihrem Mann, vorsichtig setzt ihre Sandalen im niedrigen Gras auf. Plötzlich spürt sie einen stechenden Schmerz auf dem Spann ihres rechten Fußes. Sie dreht sich um und sieht gerade noch, wie die Schlange ins Unterholz flüchtet. „Thomas, mich hat eine Schlange gebissen!“, ruft die gebürtige Berlinerin ihrem Mann zu. „Nur gut, dass es hier keine Giftschlangen gibt“, ist sie sicher.
Das jedenfalls hatte sie erst vor wenigen Wochen bei einer Veranstaltung im Kindergarten erfahren. Doch die Körperreaktion der Gebissenen lässt Gegenteiliges vermuten. Innerhalb von wenigen Sekunden schwillt die Bissstelle am Fuß fingerdick an. „Ich habe meine Frau sofort in eine Klinik nach Baden-Baden gefahren“, berichtet Thomas Meise. Eine Entscheidung, die Dr. Jörg Braun, Ärztlicher Leiter der DRF Luftrettung, als riskant einstuft. „Die Gefahr, einen allergischen Schock zu erleiden, ist nach einem Giftschlangenbiss immer gegeben. Innerhalb von Minuten kann eine lebensbedrohliche Situation entstehen. Daher sollte nach einem Giftschlangenbiss über die Notrufnummer 112 immer sofort der Rettungsdienst alarmiert werden!“
Als Thomas Meise nach 60 Minuten Autofahrt im Krankenhaus eintrifft, kann seine Frau schon nicht mehr auftreten. Schnell war klar: Ein passendes Gegenserum muss her. Wie die Schlange aussah, wusste Monika Meise noch ganz genau: „Zwei Daumen dick, braun-schwarz und etwa 80 Zentimeter lang.“
Aufgrund der Beschreibung vermuten die Ärzte, dass Monika Meise von einer Aspisviper gebissen wurde. „Unwahrscheinlich“, zweifelt hingegen Isabel Koch, Schlangenfachfrau der Stuttgarter Wilhelma, die das Antiserum für die Patientin bereitstellt. „Doch das Serum ist polyvalent, es wirkt bei allen europäischen Vipern, also auch gegen das Gift einer Kreuzotter“, fährt die Diplombiologin fort.
Die Rettungsleitstelle Bühl alarmiert „Christoph 43“, den Hubschrauber der DRF Luftrettung aus Karlsruhe, um das Medikament in Stuttgart abzuholen und ins Klinikum nach Baden-Baden zu bringen. Knappe 45 Minuten nach der Alarmierung setzt Pilot Michael Niegisch „Christoph 43“ auf dem Hubschrauberlandeplatz des Klinikums Mittelbaden auf. Mit an Bord ist Rettungsassistent Rolf Bronner, der dem Piloten während des Fluges in seiner Funktion als HEMS-Crew-Member assistiert. „Ich fliege seit 17 Jahren für die DRF Luftrettung: Es war das erste Mal, dass ich ein Serum gegen Schlangengift transportiert habe“, berichtet Stationsleiter Niegisch.
Als die Besatzung der DRF Luftrettung in Baden-Baden eintrifft, ist das Bein der Kindergärtnerin schon doppelt so dick und tiefblau angelaufen. Das Gift hatte bereits begonnen, das Gewebe zu zersetzen. Frau Meise ist es übel, sie muss sich mehrfach übergeben. Höchste Zeit also, das Antiserum zu injizieren. Danach bleibt Monika Meise noch zwei Tage zur Beobachtung auf der Intensivstation.
Nach vier weiteren Tagen auf der Normalstation darf ihr Mann Thomas sie mit nach Hause nehmen. Ihren Alltag kann sie allerdings noch nicht bewältigen. „Mein Hausarzt hat mich für drei Wochen krank geschrieben, ich musste mein Bein noch einige Zeit kühlen und hochlegen, bei Belastung wurde es sofort wieder dick.“ Doch die Wochen zu Hause vergehen wie im Flug. Sie lächelt: „Meine Kindergartenkinder haben mit Anrufen und Besuchen schon dafür gesorgt, dass mir die Decke nicht auf den Kopf fällt.“
Zurück zur Übersicht Rettungsberichte