DRF
Presse | Shop | Kontakt | Impressum | english


2010/02

Katzenfrau, durch und durch

Im Winter 2009 wird eine Tierpflegerin von einem Tiger angegriffen. Die Frau überlebt, doch wie schwer sie wirklich verletzt ist, können erst die Ärzte in der Magdeburger Universitätsklinik sagen. Dorthin bringt sie die Crew von Christoph 36 schnell und schonend, nachdem sie die Luftretter im Zoo von Aschersleben professionell versorgt haben...

Minus 15°C zeigt das Thermometer am Morgen des 19. Dezember 2009 in Aschersleben. Tierpflegerin Linda Gruhn zieht sich warm an, bevor sie an diesem Wintertag ihren Dienst im Zoo antritt. Ihre Füße packt sie in dicke Filzstiefel und um den Hals wickelt sie einen flauschigen Schal. Wenig später reinigt sie die Box von Karim. Der Kater bleibt so lange im Außengehege. Denkt sie. Doch plötzlich erstarrt die Tierpflegerin vor Schreck: „Ich hörte ein Schnüffeln neben meinem Ohr, dann hat mich Karim auch schon am Hals gepackt.“ Der weiße Tiger zerrt die Tierpflegerin rund zehn Meter weit durch zwei Boxen und legt sie im Außengehege ab. „Ich muss vergessen haben, den Schieber zwischen den Gehegen zu schließen“, sagt sie nachdenklich und ist erleichtert, dass durch ihre Nachlässigkeit nicht mehr passiert ist. Obwohl Linda Gruhn nicht sicher sein kann, ob ihr der Tiger in der nächsten Sekunde vielleicht nicht doch noch den Kopf abbeißt, verhält sie sich beherrscht und überlegt. „Ich hielt die Augen geschlossen und habe mich tot gestellt, weil ich hoffte, dass er dann  das Interesse an mir verliert“, schildert sie ihre Reaktion in Momenten der Todesangst. Aus Sicherheitsgründen müssen beim Umgang mit den Raubtieren immer zwei Mitarbeiter vor Ort sein. Der stellvertretende Zooleiter Jörgen Kallas, der mit seiner Kollegin die Boxen reinigt, bemerkt den Tiger jedoch erst, als es schon zu spät ist. Er muss mit ansehen, wie das Tier die Pflegerin nach draußen schleift. „Ich habe immer wieder versucht, Karim mit Lockrufen abzulenken“, so der stellvertretende Zooleiter. Schließlich ist seine Methode erfolgreich und er kann die Raubkatze wegsperren.

 

Patiententransport durch Katzenklappen

Zur gleichen Zeit haben die Luftretter der Magdeburger Station der DRF Luftrettung gerade den morgendlichen Check des Hubschraubers abgeschlossen, als sie von der Rettungsleitstelle Salzland noch vor Dienstbeginn nach Aschersleben alarmiert werden. „Ich konnte die EC 135 direkt auf dem Besucherparkplatz des Zoos landen, die Polizei hat unseren Notarzt und Rettungsassistenten mit dem Einsatzfahrzeug zur Patientin gefahren“, erinnert sich Pilot Björn Hüdepohl. „Der Kreislauf von Frau Gruhn war so weit stabil, nur war sie etwas unterkühlt und hatte starke Schmerzen“, berichtet Rettungsassistent Marek Pecher. Notarzt Dr. Michael Hansen verabreicht der schwer verletzten Patientin zunächst ein Schmerzmittel. Dann wird sie auf eine Vakuummatratze gebettet und auf einer Trage aus dem Gehege gebracht. „Das war gar nicht so einfach“, erinnert sich der Rettungsassistent. „Der einzige Weg führte durch das Innere des Geheges, wo wir die Patientin durch zwei circa 70 x 70 cm große Katzenklappen bringen mussten.“ Doch dank der Mithilfe von Zooangestellten und bodengebundenen Einsatzkräften, die von der Leitstelle ebenfalls alarmiert worden waren, ist diese Aufgabe schnell gelöst.

 

Schonender Transport

Vor dem Flug in die Uniklinik Magdeburg entscheidet die medizinische Crew, die junge Frau aus Sicherheitsgründen in Narkose zu legen. „Die Patientin konnte zwar ihre Zehen bewegen, doch letztlich mussten wir davon ausgehen, dass sie schwere Verletzungen an der Halswirbelsäule davongetragen hatte“, so der Rettungsassistent.

Gerade bei einem Verdacht auf Verletzungen der Wirbelsäule ist ein Transport mit dem Hubschrauber angeraten, da er im Flug weitaus schonender erfolgen kann als mit dem Rettungswagen. Zwei Tage später erwacht die Tierpflegerin nach erfolgter OP aus der Narkose und erfährt, dass sie Frakturen an einem Lenden- und zwei Halswirbeln erlitten hat. „Karim hat das Rückenmark und die Wirbelarterie nur knapp verfehlt, ich habe wirklich wahnsinniges Glück gehabt“, ist die passionierte Tierpflegerin erleichtert. Nach monatelanger Reha beginnt sie im April 2010 mit der beruflichen Wiedereingliederung, „allerdings erst einmal in einem Revier, das körperlich weniger anstrengend ist“, wie Linda Gruhn betont. Sie hat noch ein leichtes Taubheitsgefühl im Arm und kann den Daumen der rechten Hand nicht beugen. „Doch das wird schon“, ist sie zuversichtlich. „Schließlich möchte ich wieder zu den Raubtieren in mein altes Revier, da gefällt es mir einfach am besten!“

Zurück zur Übersicht Rettungsberichte


Helfen Sie uns helfen - werden Sie Förderer!