Nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sind 2009 in Deutschland 24 Kinder im Vorschulalter ertrunken. Kein Notarzt konnte ihnen das Leben wiedergeben. Anders bei dem heute sechsjährigen Daniel Martin, der seinen Ertrinkungsunfall folgenfrei überstanden hat: dank einer beispielhaften Rettungskette, bei der alle Glieder perfekt ineinandergegriffen haben.
Schon viele erholsame Ferientage haben die Martins auf einem Campingplatz an der Nagold verbracht. Für Kinder und Eltern ist es der perfekte Platz, um zu entspannen und Kraft für den Alltag zu tanken. Doch an Ostern 2009 hat Mutter Jaroslava Martin gar keine Lust, mit der Familie in den Osterferien nach Altensteig zu fahren. „Es war nur so ein Gefühl“, erinnert sich die gebürtige Tschechin. Ob sie eine Ahnung hatte, was bald darauf geschehen würde?
Der Ostermontag 2009 fiel auf den 13. April. Einen Tag, den die Martins ihr Leben lang nicht vergessen werden. „Nach dem Frühstück gingen Andreas (10) und Daniel (5) nach draußen, um mit den anderen Kindern zu spielen“, schildert die Mutter der beiden. Was danach genau passiert ist, lässt sich nicht mehr exakt rekonstruieren. Direkt neben einem Kanal muss sich Daniel nach etwas gebückt haben und dabei in das kalte Wasser gefallen sein. Die Strömung riss den Jungen mit sich in Richtung Kraftwerk ...
„Eines der Kinder schrie wie am Spieß ‚Daniel ist ins Wasser gefallen‘“, berichtet die 36 Jahre alte Mutter. „Mein Mann und ich haben die Fahrräder geschnappt und uns die Stelle zeigen lassen, wo es passiert ist.“ Etwa 200 Meter Kanal abwärts entdeckt Andreas seinen Bruder, wie er Kopf unter im Wasser treibt. Gemeinsam mit dem Vater eines Freundes zieht Andreas den leblosen Daniel an Land. Dann ist auch schon Daniels Vater an Ort und Stelle. Sein Sohn hat weder Atmung noch Puls, die Körpertemperatur beträgt nur noch 28 °C. Während die Männer mit der Reanimation beginnen, rufen Campingplatzbewohner die Notrufnummer 112 an. „Es dauerte nur wenige Minuten, bis Rettungskräfte vor Ort waren, doch mir kam es vor wie eine Ewigkeit“, berichtet die Mutter, die einen Schock erlitten hatte. „Mein Kind lag vor mir auf dem Kies, war kreidebleich, überall lief Wasser aus ihm heraus, es war schrecklich! Ich dachte, ich hab ihn für immer verloren.“ Zusätzlich zum bodengebundenen Notarzt wird Christoph 41 aus Leonberg von der Rettungsleitstelle Calw in das etwa 40 Kilometer Luftlinie entfernte Altensteig alarmiert. Pilot Michael Klippert landet den Hubschrauber der DRF Luftrettung auf dem Parkplatz des Campingplatzes.
Von dort wird die medizinische Hubschrauberbesatzung zu Daniel gebracht. „Als wir eintrafen, lag das Kind im Rettungswagen auf einer Trage. Es hatte schon wieder Puls, doch war es bewusstlos und konnte nicht selbstständig atmen“, erinnert sich Notärztin Josy Spira. Gemeinsam mit Rettungsassistent Joachim Böttinger legt Spira den 5-Jährigen in Narkose und beatmet ihn künstlich. „Kurz darauf hoben wir mit unserem kleinen Patienten ab in Richtung Uniklinik Tübingen, die wir nach wenigen Flugminuten erreicht haben.
Um Folgeschäden weitgehend zu minimieren, war es sehr wichtig, Daniel schnellstmöglich in eine geeignete Klinik zu bringen. Unser Hubschrauber war dafür das optimale Transportmittel“, berichtet Rettungsassistent Böttinger. Auf dem Rückflug zur Station ist die Stimmung gedrückt. „Wir hatten wenig Hoffnung, dass der Junge seinen Ertrinkungsunfall unbeschadet überstehen wird“, erinnert sich Böttinger. „Niemand wusste, wie lange sein Gehirn ohne Sauerstoff gewesen war.“ Die Mediziner in Tübingen sind ebenfalls skeptisch. „Daniel lag noch weitere vier Tage auf der Intensivstation im künstlichen Koma, seine Körpertemperatur wurde anfangs weiter tief gehalten, damit sich das Gehirn so gut wie möglich erholen kann“, erzählt Jaroslava Martin. Doch kaum ist ihr Sohn wieder bei Bewusstsein, erholt er sich in einem fast unglaublichen Tempo. „Die Ärzte auf der Station haben nur noch vom ‚Wunder von Tübingen‘ gesprochen“, freut sich die Mutter, die ihren Jüngsten nach nur 14 Krankenhaustagen mit nach Hause nehmen darf. Daniel ist wieder ganz gesund geworden, er hat nicht einmal Angst vor Wasser. Ganz im Gegenteil, wie er freudig erzählt: „Ich mach jetzt nämlich einen Schwimmkurs!“