Es sollte ein schöner Motorradausflug unter Kollegen werden. War es anfangs auch. Doch im Lechtal findet der Fahrspaß für Martin Stadler ein jähes Ende ....
ür gewöhnlich geht das Ehepaar Stadler gemeinsam mit dem Motorrad auf Tour. Doch am ersten Augustwochenende hat Martin Stadler andere Pläne. „Ich wollte meinen Arbeitskollegen einmal die Strecke durch das Namlostal zeigen, die zu den schönsten Motorradrouten in Österreich zählt“, erzählt der Deutsche aus Flintsbach am Inn (Bayern), der auf rund 40 unfallfreie Motorradjahre zurückblickt – zumindest bis zum Mittag des 6. August. „Ich habe keine Ahnung, wie es passiert ist, vielleicht lag etwas auf der Straße“, erzählt Stadler, wie ihm in einer Kehre plötzlich das Vorderrad wegrutscht. Ungebremst knallt er seitlich auf den Asphalt, seine Yamaha schlittert über die Böschung und stürzt rund 150 m den Abhang hinunter.

Das Ehepaar Stadler verbringt seine Freizeit gerne miteinander.
„Dös Mopped is hie!“, war Stadlers erster Gedanke. Zeitgleich durchzucken stechende Schmerzen seinen Oberkörper, die ihm fast den Atem rauben. Er rutscht ebenfalls über die Böschung, kann sich aber an einem kleinen Nadelbaum festhalten. Und wieder hat er Glück im Unglück: Ein Arzt passiert mit seinem Motorrad die Unfallstelle und setzt sofort einen Notruf ab. Es ist 12:29 Uhr, als die Besatzung des Reuttener Notarzthubschraubers von der Leitstelle Tirol zur Rettung des verunfallten Motorradfahrers alarmiert wird. Zum Einsatzort benötigt die Crew mit Pilot Jörg Straub, Notfallsanitäter Gerd Amann, Flugretter Fritz Engel und Hubschraubernotärztin Dr. Carolin Nebl nur wenige Flugminuten. Darüber ist Martin Stadler sehr dankbar, dem es von Minute zu Minute schlechter geht. „Ich habe kaum Luft bekommen“, erinnert sich der 61-Jährige. Wie sich später in der Klinik herausstellen sollte, hatte er acht Rippen, Schlüsselbein und Schulterblatt gebrochen. Die Rippen hatten die Lunge perforiert, dadurch war der linke Lungenflügel eingefallen. „Er war kaltschweißig und nervös. Sein Herzschlag war stark beschleunigt bei erniedrigtem Blutdruck – alles Symptome, die auf einen Schock hindeuten“, berichtet Notfallsanitäter Amann.

RK-1 der ARA Flugrettung auf dem Weg zum Unfallort.
Doch zuvor muss Jörg Straub die BK 117 der ARA Flugrettung sicher landen, „was in den Alpen sehr anspruchsvoll sein kann“, erzählt der erfahrene Pilot. „In steilem, felsigem Gelände ist es nicht ganz einfach, den Abstand zum Hang und zum Boden einzuschätzen. Ich musste den Hubschrauber direkt auf der Straße landen, eine andere Möglichkeit gab es in unmittelbarer Nähe zum Patienten nicht“, so Straub.
Die Landung auf der Straße sei auch nur möglich gewesen, da Autofahrer die Straße bereits abgesperrt hatten. „Für uns eine echte Erleichterung, da wir häufig vor der Polizei oder den bodengebundenen Rettungskräften am Einsatzort sind. Gerade in den Alpen mit den kurvenreichen Straßen ist der Hubschrauber oft als erstes Rettungsmittel vor Ort.“ Amann und Notärztin Dr. Nebl steigen den Steilhang hinab, um Martin Stadler zu versorgen. „Wir haben die Wirbelsäule stabilisiert und eine Infusions- und Sauerstofftherapie begonnen. Aufgrund seiner Schocksymptomatik erhält er kreislaufstabilisierende und schmerzstillende Medikamente. Gleichzeitig musste er vor weiterem Abrutschen gesichert werden“, berichtet die Notärztin.
„Anschließend lag die oberste Priorität darauf, den Patienten in sicheres Terrain zu bringen, um bei möglicher weiterer Verschlechterung einen größeren Handlungsspielraum zu erhalten“, fährt die Notärztin fort.Gemeinsam mit dem Notfallsanitäter bettet sie den Patienten auf eine Schaufeltrage, in die ein Seil eingeklinkt wird, um ihn zur Straße hochzuziehen. Hierzu hat Flugretter Engel das Seil um starke Baumstämme oberhalb der Straße gelegt, um so den Effekt eines Flaschenzugs zu erhalten. Mit vereinten Kräften ziehen Flugretter, Pilot sowie umstehende Motorradfahrer den Patienten aus dem steilen Gelände. Dann wird Stadler für den Transport in die Klinik vorbereitet und innerhalb weniger Minuten in das etwa 50 km entfernte Klinikum nach Garmisch-Partenkirchen geflogen.

Martin Stadler blickt zuversichtlich in die Zukunft.
Dort wird er drei Tage lang intensivmedizinisch behandelt, zehn Tage später kann Stadler die Klinik verlassen und zu seiner Familie nach Flintsbach heimkehren. Von seiner Rettung zeigt er sich auch Monate nach seinem Unfall nachhaltig beeindruckt: „Ich habe erlebt, welch hervorragende und absolut professionelle Arbeit die Luftretter leisten. Für meine Rettung bin ich sehr dankbar“, betont Stadler, der wenige Wochen nach seinem Unfall Mitglied beim Förderverein der DRF Luftrettung wurde. „Die schnelle Hilfe aus der Luft muss erhalten werden, dazu möchte ich mit meiner Unterstützung beitragen.“