31.08.2018 | Hintergrund

„Eine bessere Versorgung in kürzerer Zeit“

  • Dr. Marcus Rudolph mit einem mobilem Sonografiegerät
    Dr. Marcus Rudolph mit einem mobilem Sonografiegerät
  • Mit einem mobilen Sonografiegerätkönnen Notärzte innere Verletzungen direkt am Unfallort erkennen.
    Mit einem mobilen Sonografiegerät können Notärzte innere Verletzungen direkt am Unfallort erkennen.

Dr. med. Marcus Rudolph ist Abteilungsleiter der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung bei der DRF Luftrettung. Im Interview erklärt er den Nutzen des (c)ABCDE-Schemas, erläutert den Vorteil des gemeinsamen Trainings von Notärzten und Notfallsanitätern und erklärt, wie in speziellen Kursen der Einsatz eines mobilen Sonografie-Gerätes geübt wird.

Bei der Versorgung eines Polytraumas wenden Mediziner einen besonderen Algorithmus an. Was hat es damit auf sich?

Rudolph: Die Polytraumaversorgung ist komplex, weil verschiedene Verletzungsmuster in Kombination vorliegen können. Der Algorithmus hilft einerseits, nichts zu vergessen, und andererseits, alles in einer sinnvollen Reihenfolge abzuarbeiten, damit die bedrohlichen Sachen als erstes adressiert werden.

Wie lautet dieser Algorithmus?

Rudolph: Es gilt der Merkspruch cABCDE. C steht für „catastrophic haemorrhage control“, also die katastrophale Blutung, die als erstes behandelt wird. A ist der Atemweg oder „airway“, bei B geht es um „breathing“, also Beatmungsprobleme wie Luftansammlungen im Brustkorb. C befasst sich mit „circulation“, mit Kreislaufproblemen also, und D sind neurologische Probleme, „disability“ im Englischen. E steht für „environment“ oder „exposure“, da geht es um den Gesamtblick auf den ganzen Patienten.

Frage: Wie wird dieser Merkspruch in der Praxis angewandt?

Rudolph: Die Diagnostik und Therapie gehen verzahnt nach diesem Schema vor: Bei der „katastrophalen Blutung“ legt man zum Beispiel eine Abbindung an oder drückt auf die Wunde. Der Atemweg wird durch einen Tubus gesichert, bei B kann man dann Drainagen in den Thorax, also den Brustkorb einlegen. Für C gibt es Infusionen und Gerinnungsprodukte. Bei D schaut man etwa nach dem Blutzucker oder, wenn jemand bewusstlos ist, ob man eine Narkose machen sollte, um den Atemweg des Bewusstlosen zu sichern. Und bei E, ob weitere Verletzungen vorliegen, danach erfolgt der Wärmeerhalt und ggf. die Anlage weiterer Schienen. Das ist der Algorhithmus, den wir abarbeiten. Ursprünglich hieß er ABCDE, jetzt kommt seit neuestem das C davor, da man in der Militärmedizin gemerkt hat: kritische Blutungen muss man sofort stoppen!

Sie leiten die Fortbildung bei der DRF Luftrettung. Eine Besonderheit ist, dass bei Ihnen nicht nur die Hubschraubernotärzte, sondern auch die HEMS-TC – die Notfallsanitäter der DRF Luftrettung, die eine Zusatzqualifikation erlangt haben, um die Piloten im Cockpit bei der Navigation zu unterstützen – geschult werden, richtig?

Rudolph: Wir schulen in den meisten medizinischen Konzepten das Gesamtteam, weil dieses gemeinsam am Patienten arbeitet. In manche Trainings sind darüber hinaus externe Mitarbeiter vom bodengebundenen Rettungsdienst integriert, weil wir ja tagtäglich auch mit diesen Kollegen eng zusammen arbeiten. Ein Schulungskonzept umfasst zudem den Piloten, weil der ebenso Teil des Teams ist. Wir haben also mehrere Schulungskonzepte, die letztendlich strategisch ineinander greifen, um das Gesamtteam weiterzuentwickeln.

Bei Ihren Trainings üben Sie auch den Umgang mit einem mobilen Sonografie-Gerät. Wofür sind diese Schulungen gut und wie laufen sie ab?

Die DRF Luftrettung verwendet bei ihren Rettungseinsätzen bereits seit 2004 erfolgreich mobile Ultraschallgeräte – mittlerweile solche der dritten Generation. Dieses Wissen geben wir in speziellen Kursen an Notärzte, Klinikärzte und Notfallsanitäter bzw. Rettungsassistenten weiter. In unseren zweitätigen Sonografiekursen trainieren wir mit echten Patienten und Probanden den Einsatz des mobilen Ultraschallgerätes. Die Teilnehmer werden dabei auf die Durchführung der präklinischen Sonographie am Notfallort vorbereitet. Im Vordergrund stehen Schwerverletzte, die Verletzungen im Brust- und Bauchbereich erlitten haben, aber auch internistische Patienten, die Herz- oder Kreislauferkrankungen erleiden. Auch im Rahmen von Wiederbelebungsmaßnahmen kommt das mobile Sonografie-Gerät zum Einsatz. Unsere Kurse sind von der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall (DEGUM) zertifiziert – somit stellen wir sicher, dass unser Personal optimal qualifiziert ist, um die Notfallsonographie zielführend einzusetzen.

Seit einiger Zeit kommt bei Ihren Kursen auch eine App zum Einsatz. Was genau hat es damit auf sich?

Ja, in unseren Auffrischungskursen verwenden wir eine App, die ein mobiles Sonografie-Gerät simuliert. Die Kursteilnehmer begutachten mit einer speziellen Ultraschallsonde eine Person oder Puppe, und der Trainer bestimmt auf einer App den Schweregrad der verletzten Person. Auf einem Tablet erscheinen echte Bilder von inneren Verletzungen, anhand derer der Kursteilnehmer die weitere Behandlung bestimmen muss. Dadurch verzahnen wir die theoretischen Kenntnisse der Teilnehmer mit realistischen Fällen, optimieren die Denkprozesse und somit die Leistung des Teams.

Welchen Vorteil hat es, wenn man nicht nur die Notärzte schult, sondern auch die HEMS-TC mit einbezieht?

Rudolph: Der Notarzt ist der medizinische Gesamtverantwortliche und Einsatzleiter, er führt invasive Prozeduren durch. Zum Beispiel legt er Schläuche in den Brustkorb. Aber de facto kann er das nicht allein bewerkstelligen. Das ganze Drumherum ist sehr aufwändig; gleichzeitig Sauerstoff und EKG anzubringen, Infusionen vorzubereiten und zu legen, Medikamente aufzuziehen, Narkosen, Trage und Schienen vorzubereiten... – das kann der Notarzt natürlich nicht alles allein. Er ist eher Entscheidungsfinder und muss wie ein Dirigent sein Team ineinander verzahnen, damit alles möglichst flott und ohne Missverständnisse klappt. Dafür braucht es eine gute Kommunikation.

Zum anderen ist der Notfallsanitäter des Hubschraubers ständiger Bestandteil des Teams; man kennt sich, die Kollegen haben sehr viel Erfahrung, gerade weil sie schon jahrelang auf dem Hubschrauber tätig sind. In der Luftrettung sieht man sehr häufig schwer verletzte oder erkrankte Menschen, kann somit sehr viel Expertise sammeln.Wenn man das dann miteinander paart, die Erfahrung, den Blick, das Vorausdenken, Organisieren und Vorbereiten, resultiert daraus eine deutlich bessere Versorgung des Patienten in deutlich kürzerer Zeit.

Ist das Niveau der DRF Luftrettung aufgrund dieses großen Schulungsaufwands vergleichsweise sehr hoch?

Rudolph: Sicherlich. Es fängt schon damit an, dass man je nach Weiterbildungsordnung des Bundeslandes nach 24 Monaten ärztlicher Tätigkeit die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin erwerben kann, um als Notarzt tätig zu sein. Unsere Notärzte hingegen sind allesamt Fachärzte, die zuvor mindestens fünf Jahre in einer Klinik verbracht und eine Zusatzweiterbildung Intensivmedizin und Kindernarkosen gemacht haben. Und auch unsere Notfallsanitäter sind alle lange Jahre im Rettungsdienst tätig, haben eine umfangreiche medizinische Weiterbildung erfahren und darüber hinaus den Speziallehrgang zum HEMS-TC absolviert, hierdurch fungieren sie im Flug als Co-Pilot – alles Menschen mit langjähriger Erfahrung und Know-how. Man hat also Leute an Bord, die extrem gut qualifiziert sind, um dem Patienten die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen.

Frage: Reicht es, die Schulungen einmal durchzuführen, oder sind Wiederholungen vonnöten, um dieses Qualitätsniveau so extrem hoch zu halten?

Rudolph: Wiederholungsschulungen sind obligatorisch nötig. Wir sehen häufig Schwerverletzte, auch im Vergleich zum städtischen, bodengebundenen Rettungsdienst, invasive Maßnahmen sind aber dennoch relativ selten. Allein durch den täglichen Kontakt, das täglichen Tun hat man nicht genügend Routine, all diese hochinvasiven Prozeduren weiterhin zu beherrschen. Das heißt, nach dem Erlernen müssen diese Maßnahmen immer wieder geübt werden, das Know-how muss warmgehalten und trainiert werden. Damit ich, wenn ich vielleicht einmal im Jahr oder auch nur alle drei Jahre eine spezielle Technik durchführen muss, diese dann auch kann. Wenn zum Beispiel der Atemweg verloren geht, dann steht der Luftröhrenschnitt an. Wir haben letztes Jahr in der gesamten Organisation keinen einzigen gemacht, weil wir es nie gebraucht haben. Trotzdem muss man es können und beherrschen, dafür muss man es trainieren.

Frage: Am Unfallort ist häufig der Ersthelfer zuerst zur Stelle. Mit der stabilen Seitenlage, die wir noch aus dem Führerscheinkurs kennen, ist einem Verunfallten mit Polytrauma sicher wenig geholfen. Kann der Laie trotzdem etwas tun?

Rudolph: Natürlich kann auch der Laie etwa Blutungen stoppen. Ohne eine Laienhilfe kommt auch der beste professionelle Retter in manchen Situationen zu spät. Die Laienhilfe ist somit für uns immens wichtig. In einigen europäischen Ländern gibt es Initiativen, auf deren Betreiben hin im Verbandkasten ein Tourniquet enthalten ist, um starke Blutungen schnellstmöglich zu lindern. Der Ersthelfer kann außerdem versuchen, den Patienten so zu lagern, dass es ihm am angenehmsten ist. Wiederbelebungsmaßnahmen kann der Laie ebenso durchführen. Beim Herz-Kreislaufstillstand ist die Chance auf ein Überleben um ein Vielfaches höher, wenn eine Laienreanimation begonnen wird. In Skandinavien werden bereits Vorschulkinder geschult, man sieht dort hohe Raten an Ersthelfermaßnahmen. Wir sind aber durch die Initiative des Deutschen Rat für Wiederbelebung auf einem guten Weg.

Frage: Engagiert sich die DRF Luftrettung auch in dieser Hinsicht: Laien mutzumachen, Kranken und Unfallopfern zu helfen?

Rudolph: Durchaus, wir präsentieren die Möglichkeiten zum Beispiel bei Tagen der offenen Tür. Auch jeder Mitarbeiter im Büro, jeder Bufdi (Anm. d. Red.: Teilnehmer am Bundesfreiwilligendienst) bekommt bei uns einen Erste-Hilfe-Kurs und ein jährliches Reanimationstraining, sodass auch Kollegen aus der IT oder dem Fahrdienst gut im Beherrschen der Erste-Hilfe-Maßnahmen sind.