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01.09.2017 | Rettungsbericht

„Alle dachten, es handelt sich um eine Übung“

  • Nach einem Treppensturz war ein schnelles Eingreifen der Villingen-Schwenninger Luftretter notwendig.
    Nach einem Treppensturz war ein schnelles Eingreifen der Villingen-Schwenninger Luftretter notwendig.
  • Sie weiß, dass alles ganz anders hätte enden können. Heute kann sie wieder ihren Beruf als Krankenschwester auf der Intensivstation ausüben.
    Sie weiß, dass alles ganz anders hätte enden können. Heute kann sie wieder ihren Beruf als Krankenschwester auf der Intensivstation ausüben.

Mit der linken Hand taucht sie den Wattebausch in das Puder und mit der Rechten setzt sie den Farbstift an. Mit gleichmäßigen Bewegungen lässt sie auf ihren Kollegen Bluttropfen, Schnittverletzungen und Wunden entstehen – alles künstlich. Angela Zuckschwerdt ist Krankenschwester und schminkt Notfalldarsteller zu Übungszwecken. Ziel ist es, realitätsnah Unfall- und Notfallsituationen darzustellen. An jenem Tag im April vor zwei Jahren sind ihre Künste wieder gefragt, damit sich angehende Notfallsanitäter auf ihre Prüfung vorbereiten können.

Nach dem Abschluss ihrer Schminkarbeit sitzen vor Angela zahlreiche Leicht- und Schwerverletzte. Ihre Arbeit ist damit getan. Draußen haben sich inzwischen dunkle Wolken über dem Schulungszentrum ausgebreitet. Es regnet. Nachdem sie ihre Sachen gepackt hat, verlässt sie den Raum, greift zu ihrem Mobiltelefon und nähert sich mit großen Schritten der Außentreppe am Eingangsbereich. Kaum hat sie die Stufen erreicht, gerät sie auf den rutschigen Treppen plötzlich ins Straucheln, verliert den Halt und fällt nach hinten. Sie spürt einen heftigen Schlag auf den Rücken, aber keine Schmerzen. Als sie wieder aufstehen will, passiert nichts. „Ich fühlte meine Beine nicht mehr“, erzählt Angela Zuckschwerdt. So sehr sie sich auch anstrengt, es regt sich nichts. Schlagartig wird ihr bewusst, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Sie ruft um Hilfe, hofft, dass sie irgendjemand im Schulungszentrum hört. Doch weit und breit Stille. Niemand rührt sich. Nur das Prasseln der Regentropfen ist zu vernehmen. Mit jedem Atemzug wächst die Verzweiflung in ihr.

Dann fällt ihr auf, dass sie noch ihr Mobiltelefon verkrampft in der Hand hält. Die 112 ist schnell gewählt. Am anderen Ende der Leitung wird ihr Notruf von der Leitstelle Villingen-Schwenningen entgegengenommen. Sofort werden verfügbare Rettungskräfte alarmiert. Darunter auch Ersthelfer, die im Schulungszentrum vor Ort sind. Wenige Augenblicke später wird Angela auf der Treppe liegend entdeckt. Dann treffen der Rettungsdienst und ein bodengebundener Notarzt am Ort des Geschehens ein und beginnen sie medizinisch zu versorgen. Aber bereits nach wenigen prüfenden Blicken wird ihm klar: Der Hubschrauber muss kommen. „Das waren die letzten Worte, die ich vernommen habe, ehe sich ein schwarzer Schleier vor meine Augen legte“, schildert Angela Zuckschwerdt diesen Moment.

Hubschrauber im Anflug

Kurz darauf ertönt der Alarm bei den Luftrettern in Villingen-Schwenningen. Umgehend macht sich die Besatzung von Christoph 11, dem rot-weißen Hubschrauber der DRF Luftrettung, auf den Weg zum Unfallort, den sie bereits nach wenigen Flugminuten erreichen. Die Patientin wurde zwischenzeitlich auf ein Spineboard gelegt, um die Wirbelsäule zu stabilisieren und die Gefahr weiterer Verletzungen zu unterbinden. „Bei Wirbelsäulenverletzungen ist es wichtig, die Patienten ruhig zu lagern, so dass keine weitere Schädigung durch Bewegungen entsteht. Auch der Transport in die geeignete Klinik sollte so schonend wie möglich erfolgen, daher hat der Notarzt vor Ort direkt einen Hubschrauber nachalarmiert“, erklärt Hubschraubernotarzt Dr. Max Simon. Aber auch die Entfernung zur geeigneten Zielklinik sprach für die Luftretter. „Wer die Region hier kennt, der weiß, dass sich auf der Straße durchaus lange Fahrtzeiten ergeben können.“

Als die rot-weiße Maschine auf dem angrenzenden Volleyballfeld landet, erntet sie zunächst nur ungläubige Blicke. „Die angehenden Notfallsanitäter dachten, es handelt sich um eine Übung und der Hubschrauber gehört zum Szenario“, erfährt die Krankenschwester später aus den Erzählungen der Kollegen. Doch den Beteiligten wird schnell klar, dass die Situation real ist. Als die Besatzung bei der Patientin eintrifft, bereitet sie sie mit geübten Griffen für den Transport vor. Angela bekommt von all dem nichts mehr mit.

Eine kurze Sequenz im Hubschrauber

Es sind kleine Gesten, die einem das Gefühl geben, in guten Händen zu sein. Dieses Gefühl verspürt Angela während des Fluges. „Ich kann mich an diesen einen Augenblick erinnern, als der Notarzt meine Hand hielt und drückte. Mir wurde im Nachhinein gesagt, dass er mich dadurch nicht nur beruhigen wollte, sondern auch meine Reaktion überprüft hat.“

Nach wenigen Flugminuten ist das Ziel erreicht: der Schockraum der Tübinger Unfallklinik. Dort übergeben die Luftretter sie in die Hände des Klinikpersonals. Ihre Mission endet hier. Die anschließende Computertomographie bringt Gewissheit: inkomplette Querschnittlähmung. Durch Einblutung am Rückenmark ist ein Hämatom entstanden. Was das bedeutet, erklärt Notarzt Dr. Simon: „Unter einem kompletten Querschnitt wird die Durchtrennung des Rückenmarks verstanden. Als Folge verliert der Betroffene in der Regel einen Teil seiner Beweglichkeit und Sensibilität. Wird das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt, die Wirbelsäule beispielsweise bei einem Sturz erschüttert oder es kommt zu einer Einblutung am Rückenmark und es entsteht ein sog. Hämatom, kann das eine inkomplette Querschnittlähmung verursachen, wie bei der Patientin der Fall. Dies kann mit einem zumindest vorübergehenden Verlust von Körperfunktionen einhergehen.“

Die Prognose ist zu diesem Zeitpunkt unklar. Vermutlich werde sie von nun an im Rollstuhl sitzen, meinten die Ärzte zu ihr. „Das war ein Schock für mich“, erinnert sich Angela. Eine Operation am Rückenmark war nicht möglich. Es heißt also warten, regenerieren und hoffen, dass sich alles zum Positiven entwickelt. Was folgt, sind sechs Wochen absolute Bettruhe in der Klinik. Viel Zeit sich Gedanken zu machen über das, was kommt. „Für mich eventuell zu viel Zeit. Wie wird ein Leben im Rollstuhl? Kann ich meinen Job weiter machen? Zudem wohnen ich und auch fast alle meine Verwandten in Dachgeschosswohnungen ohne Aufzug. Wie soll das gehen?“, fragt sich die Krankenschwester beinahe täglich.

Zahlreiche Freunde und Verwandte besuchen sie in dieser schweren Zeit, stehen ihr bei und geben ihr Kraft und Mut. Angela gibt nicht auf. Kämpft. Und wird belohnt. Eines Tages kehrt plötzlich ein Kribbeln in die Beine zurück. Erst langsam, dann immer stärker. Es folgen sechs Wochen im Rollstuhl und mit jedem Tag wird die Hoffnung größer, wieder laufen zu können. 

Wie eingeschlafene Füße

Es grenzt fast an ein Wunder: Heute kann Angela wieder frei laufen, ohne Gehhilfen. Auch wenn das Gefühl noch nicht zu hundert Prozent wieder in die Beine zurückgekehrt ist. „Das Kribbeln ist noch da und fühlt sich stellenweise so an wie eingeschlafene Füße“, sagt Angela. Auch in ihren Beruf als Krankenschwester auf der Intensivstation kann sie wieder zurückkehren. Wenn auch mit kleinen Einschränkungen. Dennoch ist sie froh, weil sie weiß, dass alles ganz anders hätte enden können. Sie geht weiterhin regelmäßig zur Krankengymnastik und kämpft um jedes Prozent ihrer alten Lebensqualität.

Für ihre Schwester war schon zu Beginn der Behandlung klar: Angela kommt wieder auf die Beine. Sie habe es schon immer geschafft. „Ich bin meinen Freunden und meiner Familie ebenso dankbar wie den rot-weißen Luftrettern. Durch meine Tätigkeit im Krankenhaus war mir die DRF Luftrettung bereits vorher ein Begriff. Ich war auch schon bei mehreren Tag der offenen Türen von Christoph 51 in Stuttgart und wollte immer mal mit einem Hubschrauber fliegen“, so Angela. „Aber nicht als Patient.“ Geschrieben hat sie der Station Villingen-Schwenningen bereits. Sie freut sich auf den Moment, den Hubschrauber noch einmal von innen zu betrachten – dieses Mal aber nicht als Patientin, sondern als Besucherin – und ganz besonders ihren ehemaligen Rettern irgendwann einmal persönlich Danke sagen zu können. Sie ist sich sicher: „Die Hubschrauberbesatzung hat ihren Teil dazu beigetragen, dass ich heute nicht an den Rollstuhl gefesselt bin, und dafür bin ich überaus dankbar!“

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