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16.02.2017 | Rettungsbericht

„Alles in allem bin ich einfach nur dankbar“

  • Ihre Freude am Leben hat Laura W. nicht verloren, auch wenn sie fast täglich an das Geschehen zurückdenkt.
    Ihre Freude am Leben hat Laura W. nicht verloren, auch wenn sie fast täglich an das Geschehen zurückdenkt.
  • Nach der Befreiung aus dem Wrack und der medizinischen Versorgung durch die Mannheimer Luftretter wurde Laura W. in das Klinikum Heidelberg geflogen. Fotoquelle: Freiwillige Feuerwehr Fürth Odw.
    Nach der Befreiung aus dem Wrack und der medizinischen Versorgung durch die Mannheimer Luftretter wurde Laura W. in das Klinikum Heidelberg geflogen. Fotoquelle: Freiwillige Feuerwehr Fürth Odw.

Leicht zögernd steht Laura W. vor ihrem Auto und greift behutsam an den Türgriff. Noch immer baut sich eine unsichtbare Barriere vor ihr auf, wenn sie sich Fahrzeugen nähert. Sie öffnet zaghaft die Tür und steigt ein. In solchen Momenten spürt sie mit jeder Faser ihres Körpers, was ihr damals widerfahren ist. „Es wird zwar immer besser, aber ganz verarbeiten lässt sich so was wohl nie“, lässt Laura einen Blick in ihr Seelenleben zu. Viereinhalb Jahre sind seit jenem Tag vergangen, an dem sich ihr Leben von einem Moment auf den anderen änderte …

Es passiert an einem frühen Morgen im August 2012. Laura befindet sich in ihrem Auto auf dem Weg zum Bahnhof, um mit dem Zug weiter zur Arbeit nach Frankfurt zu pendeln. Sie fährt außer Orts auf einer Bundesstraße nahe Heppenheim hinter einem Kleintransporter, der eine große Holzplatte geladen hat. Plötzlich fliegt diese ihr entgegen. Im Affekt reißt sie das Steuer herum, um auszuweichen. Dabei gerät sie mit ihrem Auto ins Schleudern – und auf die Gegenfahrbahn. Ein entgegenkommendes Fahrzeug kann nicht mehr rechtzeitig bremsen und bohrt sich frontal in die Seite des Kleinwagens …

Wettlauf gegen die Zeit

Florian W., ein Rettungsassistent in Ausbildung, ist an diesem Morgen ebenfalls auf der Bundesstraße bei Heppenheim unterwegs. Seine Gedanken sind bereits bei der bevorstehenden Prüfung. Doch seine Prüfung beginnt früher als erwartet, denn vor ihm gerät ein Auto auf die Gegenfahrbahn und wird von einem zweiten Fahrzeug erfasst. Der junge Mann zögert keine Sekunde, eilt Laura sofort zu Hilfe, befreit die lebensgefährlich Verletzte vorsichtig aus dem Wrack und leistet erste Hilfe. In diesem Moment tippt jemand auf seine Schulter und bietet Hilfe an. Als sich Florian W. umblickt, schaut er in ein bekanntes Gesicht. Andy N. ist ein befreundeter Rettungssanitäter. Mit einer Halskrause, die Florian W. zufällig im Kofferraum mitführt, stabilisieren sie gemeinsam Lauras Nacken, um weitere Verletzungen der Halswirbelsäule zu vermeiden.

Kurze Zeit später trifft der Hubschrauber der DRF Luftrettung aus dem nahegelegenen Mannheim an der Unfallstelle ein. Mit an Bord ist Notarzt Dr. med. Erik Popp, der sich sofort um die Schwerverletze kümmert. Alles deutet auf ein schweres Schädel-Hirn-Trauma hin. Unter einem Trauma versteht man in der medizinischen Fachsprache eine Verletzung von Gewebe durch eine Gewalteinwirkung von außen. Zudem erlitt Laura beim Unfall mehrere lebensbedrohliche Knochenbrüche am Becken und an der Halswirbelsäule. Für Dr. Erik Popp ist klar, dass seine Patientin unverzüglich in eine Spezialklinik transportiert werden muss. „Wir haben sie zunächst in Narkose versetzt und einen Beatmungsschlauch in ihre Luftröhre gelegt, über den sie maschinell mit Sauerstoff versorgt wurde. Anschließend haben wir ihre Brüche geschient und eine Beckenschlinge um die Hüfte gelegt“, erklärt der erfahrene Hubschraubernotarzt.

Nach der medizinischen Versorgung der Patientin wird Laura auf einer Vakuummatratze stabilisiert, um weitere schädigende Bewegungen zu unterbinden. Anschließend wird sie auf der Trage in den Hubschrauber gebracht und innerhalb weniger Minuten in das Heidelberger Klinikum geflogen. Hubschraubernotarzt Dr. Erik Popp weiß, dass der schnelle und schonende Transport entscheidend für den späteren positiven Heilungsverlauf ist.

Ein langer Weg zurück ins Leben

In Heidelberg angekommen, übergeben die Luftretter ihre Patientin in die Hände der Ärzte des Klinikums, die den Kampf um Lauras Leben fortsetzen. Mehrere Operationen folgen, am Ende verlaufen alle gut. Das mehrfach gebrochene Becken und ihre gebrochene Halswirbelsäule werden mit Titanplatten und Schrauben fixiert.

„An den Unfall selbst habe ich keinerlei Erinnerung mehr, und auch die ersten Wochen danach sind für mich wie ein schwarzer Fleck“, so Laura heute. „Ich war wochenlang ans Krankenbett gefesselt, wurde künstlich ernährt und beatmet. Während dieser Zeit haben sich meine Muskeln stark zurückgebildet. Meine Physiotherapeutin sagte, dass ich wahrscheinlich nie wieder richtig laufen kann.“ Es folgten mehrere Wochen im Rollstuhl und am Rollator, doch sie kämpfte. „Ich musste wieder laufen lernen, hatte anfangs Gleichgewichtsprobleme und auch das Essen, Schreiben und Sprechen fiel mir schwer.“ Noch heute spürt sie die Nachwirkungen des Unfalls und es gibt keinen Tag, an dem sie nicht an das Geschehene erinnert wird – sei es durch starke Kopfschmerzen, Sensibilitätsstörungen der rechten Körperhälfte oder einen steifen Nacken.

Neben den körperlichen Beeinträchtigungen im Alltag sind es vor allem Gefühle der Angst, die sie immer wieder einholen. „Ich habe lange Zeit gebraucht, wieder ein Auto zu fahren, geschweige denn einzusteigen“, erzählt Laura. „Um all dies zu verarbeiten, war ich in psychologischer Behandlung. Auch mit Freunden und der Familie darüber zu reden hat mir viel geholfen.“ Heute kann Laura wieder ins Auto steigen, den Zündschlüssel drehen und losfahren, ohne ständig daran zu denken, ob sie unbeschadet ankommt. Weite Strecken traut sie sich in ihrem neuen Gefährt mit acht Airbags und viel Knautschzone jedoch alleine noch nicht zu. Laura hofft, dass die Zeit auch diese Wunden heilen wird.

Auch wenn es bis hierher ein langer, schwieriger und schmerzhafter Weg war, ihre Freude am Leben hat die 27-Jährige nicht verloren. „Letztlich hatte ich großes Glück und kann ein relativ normales Leben führen. Ich verbringe viel Zeit in der Natur, die frische Luft hilft auch gegen die Kopfschmerzen, die mich ständig begleiten.“

Inzwischen ist Laura Förderin der DRF Luftrettung und unterstützt damit die lebensrettende Arbeit der Luftretter. Sie weiß, dass am Tag ihres schweren Unfalls viele glückliche Fügungen ihr Leben gerettet haben und dass der rot-weiße Hubschrauber einen wesentlichen Teil dazu beitrug. „Wenn man bedenkt, wie es hätte enden können, bin ich einfach nur dankbar darüber, wie es ausgegangen ist. Davon möchte ich ein Stück zurückgeben – als Förderin und mit einer Spendenaktion.“ Gemeinsam mit ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen wird sie Süßes und Salziges backen und im Großraumbüro ihres Arbeitgebers in Frankfurt anbieten, mit einer kleinen Spendenbox daneben. Hierzu hat sie einen Aufruf an 112 Mitarbeiter – eine symbolträchtige Zahl – gestartet und im Gegenzug um eine Spende gebeten. „Zwar bin ich bereits Fördermitglied, aber mit der zusätzlichen Einmalspende möchte ich die DRF Luftrettung noch etwas mehr unterstützen und zum Ausdruck bringen, dass ich ohne die Luftretter heute vermutlich nicht hier wäre. Das wissen auch meine Kolleginnen und Kollegen, die es damals mitbekommen haben. Wenn man mit einer Spende ein medizinisches Gerät oder die Ausstattung der Hubschrauber mitfinanzieren kann, die einem Menschen wie mir damals das Leben rettet, ist das ganz ein besonderes Gefühl.“

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