10.12.2014 | Rettungsbericht

Auf alles gefasst

Es sind Bilder, die Tim Hohlfeld nie vergessen wird. Sein jüngerer Bruder Henning will mit seinem Fahrrad gerade die Straße überqueren, als von links ein Lkw angefahren kommt. Tim schreit, will seinen Bruder warnen, zurückhalten, doch alles geht viel zu schnell an diesem bewölkten Sommermorgen.

Noch wenige Minuten zuvor ist der 9-jährige Henning dabei, seinen Rucksack zu packen. Der 20. Juni 2014 soll kein gewöhnlicher Schultag für ihn werden, an der Grundschule findet eine Projektwoche statt. Im Stadtmuseum Pirna will Henning heute erfahren, wie die Generation seiner Großeltern früher gereist ist. Den Rucksack über die Regenjacke geschnallt, schnappt sich der Schüler seinen Fahrradhelm und schwingt sich auf sein Mountainbike. Den ersten Teil seines Schulwegs fährt er in der Regel gemeinsam mit seinem 16-jährigen Bruder Tim, bis dieser in eine andere Richtung abbiegen muss. Auch an diesem Morgen ziehen die Brüder gemeinsam los. An der Hauptstraße entlang fahren sie auf dem Gehweg, an einer Kreuzung passiert schließlich das Unglück.

„Die beiden hielten gegen 6:45 Uhr an einer Stelle, wo eine Stichstraße von der Hauptstraße abging“, erzählt Vater Thomas Hohlfeld, der zu diesem Zeitpunkt noch gemeinsam mit seiner Frau Anke zu Hause ist. „Tim sah, wie der Lkw, der von hinten kam, nach links ausscherte und wusste sogleich, was dies bedeutete. Henning wiederum schätzte die Situation falsch ein und lief los, um das Fahrrad über die Straße zu schieben.“ Der Lkw biegt nach rechts ab, zu spät bemerkt Tim, dass sein Bruder, der eben noch neben ihm stand, bereits losgelaufen ist. Als Henning die Gefahr wahrnimmt, ist es bereits zu spät. Der Lkw-Fahrer übersieht den 9-Jährigen, erwischt ihn frontal mit der Vorderachse und überrollt ihn. Als der Fahrer den Zusammenprall bemerkt, bremst er sofort ab.

"Mein erster Gedanke war: Es gibt ihn nicht mehr"

Sofort greift Tim zu seinem Handy und wählt die 112. Als Sohn eines Berufsfeuerwehrmannes weiß er genau, dass es nun auf jede Sekunde ankommt. Was er noch nicht weiß, ist, dass ein geschulter Ersthelfer den Unfall von seinem Auto aus ebenfalls beobachtet hat und sofort zu Henning eilt. Unterdessen erhalten die Eltern die Nachricht vom Unfall ihres jüngsten Sohnes. „Erst klingelte das Telefon, dann läutete es auch schon an der Tür. Die Unfallstelle war ja nur wenige Meter Luftlinie von zu Hause weg.“ Thomas Hohlfeld ist es gewohnt, bei einem Notfall die Nerven zu bewahren und sofort zu helfen. Er zögert keine Sekunde und fährt mit seiner Frau zum Unfallort. Dort angekommen, sind ein Rettungswagen, ein Notarzteinsatzfahrzeug und der Dresdner Hubschrauber der DRF Luftrettung bereits da. Während der 47-Jährige sofort aussteigt und zu seinem Sohn eilt, bleibt Anke Hohlfeld wie paralysiert sitzen. „Als ich die Unfallstelle sah, war mein erster Gedanke: Es gibt meinen Henning nicht mehr, das kann nicht funktionieren …“, beschreibt die 46-jährige Dresdnerin den Moment. „Es war nicht zu fassen, ich hatte einfach keine Kraft, hinzugehen. Als Thomas wiederkam, rechnete ich mit dem Schlimmsten.“

Doch ihr Mann wirkt optimistisch: „Als ich Henning sah, war ich zunächst einfach froh, dass er noch da war. Er war ansprechbar und er wiederholte ständig, man müsse der Schule Bescheid geben, dass er nicht kommen kann. Alles lief in geordneten Bahnen, die Rettungskräfte wussten genau, was sie zu tun hatten. Dadurch hatte ich ein sehr gutes Gefühl. Und rückblickend muss ich sagen, dass alles, was direkt nach dem Unfall passierte, zu unseren Gunsten ablief. Wie ein Länderspiel, dass wir souverän 5:0 gewinnen. Die Rettungskette funktionierte reibungslos.“

"Ich fürchtete die Diagnose"

Das Team des Dresdner Rettungshubschraubers der DRF Luftrettung, bestehend aus dem Notarzt Dr. Jaroslaw Pyrc, dem Piloten Ulrich Michalski und dem Rettungsassistenten Heiko Roth, ist an diesem Tag Teil dieser Rettungskette. Heiko Roth erinnert sich an den Moment, als die Besatzung der DRF Luftrettung am Unfallort eintrifft: „Der Ersthelfer hatte sich gut um Henning gekümmert, ihn immer wieder abgelenkt und positiv auf ihn eingewirkt. Als wir nach 7 Minuten Flugzeit ankamen, konnten wir direkt die Versorgung des Patienten übernehmen. Beim Unfall hatte sich Henning fast ausschließlich auf der linken Körperseite verletzt. Er hatte sich den Ellenbogen verrenkt, das Schlüsselbein und die Schulter gebrochen. Dazu waren mehrere Rippen gebrochen, was lebensbedrohlich sein kann, wenn dadurch beispielsweise die Lunge oder das Rippenfell verletzt werden. Die schwerste offene Verletzung hatte er am linken Arm, eine großflächige Ablederung der Haut, teilweise bis zum Knochen. Wir wussten schon, dass dies ein Fall für die plastische Chirurgie werden würde. Allerdings bestand auch die Gefahr, dass Nerven und Blutgefäße betroffen waren. Im schlimmsten Fall hätte Henning den Arm nicht mehr bewegen können.“

Die Besatzung versorgt die Wunde mit einem sterilen Verband, stellt den linken Arm ruhig und stabilisiert Hennings Halswirbelsäule. Dann bringt sie den jungen Patienten in die Uniklinik Dresden. Anke und Thomas Hohlfeld bleiben zunächst am Unfallort und unterstützen ihren Sohn Tim bei dessen Zeugenaussage. „Wir wussten, dass Henning nun in den richtigen Händen war. Darauf konnten wir vertrauen.“ Danach eilen sie nach Hause, um ein paar Sachen für ihren Sohn einzupacken, und fahren weiter ins Krankenhaus, wo ein angefordertes Kriseninterventionsteam die Familie bereits erwartet. „Das hat uns sehr geholfen, mit der Situation umzugehen“, erinnert sich Thomas Hohlfeld. Als seine Eltern und sein Bruder im Krankenhaus eintreffen, hat Henning die erste Operation bereits hinter sich. „Ich fürchtete die Diagnose, denn nach einem solchen Unfall muss man auf alles gefasst sein“, beschreibt Anke Hohlfeld den Moment, als der zuständige Arzt die Familie aufsucht. „Als er uns die Diagnose mitteilte, habe ich die ganze Zeit gedacht: Wann kommt der große Hammer? Doch er kam einfach nicht.“

Henning kam glimpflich davon, und das lag keineswegs nur am Glück. „Er hat diesen Unfall aufgrund seines Fahrradhelms überlebt, der ihn vor schweren Kopfverletzungen geschützt hat“, weiß Rettungsassistent Heiko Roth. „Der Helm war stark  verformt, aber er hatte gehalten. Noch am selben Tag wurden wir erneut zu einem Radunglück alarmiert, als ein Mann in der Sächsischen Schweiz schwer stürzte und keinen Helm trug. Hirnblutungen waren leider eine der Folgen dieses Unfalls. Wir können daher jedem nur raten, immer einen Helm zu tragen. Natürlich kann er keine Unfälle verhindern, aber die Schwere der Verletzungen ist häufig erheblich geringer.“ Auch Thomas Hohlfeld weiß, wie wichtig ein Fahrradhelm sein kann: „Wir haben von unseren Söhnen immer verlangt, einen Helm zu tragen, und hatten zum Glück nie Mühe, diese Forderung durchzusetzen. Das hat sich nun ausgezahlt.“

Inzwischen geht es Henning wieder gut. Nur noch gelegentlich leidet der unter leichten Schmerzen. Die Knochenbrüche sind ausgeheilt, Schmerzmittel muss er keine nehmen. „Er ist auf einem guten Weg, seinen Arm kann er wieder ganz normal belasten und bewegen“, freut sich Thomas Hohlfeld. Nach mehreren Hauttransplantationen wird Henning noch etwa anderthalb Jahre ein Kompressionshemd tragen, das eine Narbenmissbildung verhindern soll. Dem 9-Jährigen fällt es noch schwer, den Anblick seines Arms zu akzeptieren. „Gerne wäre ich wieder wie vor dem Unfall“, sagt er häufig. Doch er weiß, dass er riesiges Glück hatte – und den richtigen Schutz auf dem Kopf.

Die Station zum Beitrag:

Standorte DRF Luftrettung

Auswählen und mehr erfahren

Von wo starten unsere Hubschrauber und Ambulanzflugzeuge zu ihren Einsätzen? Wer koordiniert eine Patientenrückholung aus dem Ausland? Und wo wird unsere Flotte eigentlich gewartet? Lernen Sie die Hubschrauberstationen, das Operation-Center und den Ambulanzflugbetrieb der DRF Luftrettung kennen. Mit einem Klick auf eine unserer Stationen können Sie den jeweiligen Einsatzradius des Hubschraubers erkennen. Weitere Einblicke und Hintergrund- informationen erhalten Sie auf den Stationsseiten.

Minuten- und Kilometerzahl sind durchschnittliche Angaben

Alle Standorte

Mehr zur Station:

13.12.2019 | Ticker
CHRISTOPH 38 wird zum Krankenhaus Hoyerswerda gerufen. In der Notaufnahme befindet sich ein Mann, der durch einen Winkelschleifer schwere Handverletzungen erlitten hat. Die…