15.05.2018 | Hintergrund

„Das ist absolut exzellent!“

  • Dr. Henning Blaich sieht einen erheblichen Mehrwert beim gemeinsamen von Ärzten und Notfallsanitätern.
    Dr. Henning Blaich sieht einen erheblichen Mehrwert beim gemeinsamen von Ärzten und Notfallsanitätern.
  • Das mobile Sonographiegerät gehört zur Grundausstattung der Hubschrauber der DRF Luftrettung.
    Das mobile Sonographiegerät gehört zur Grundausstattung der Hubschrauber der DRF Luftrettung.

Ein kleines Kunststoffgehäuse, ein Monitor und eine Tastatur – was auf den ersten Blick wie ein Handy aussehen mag, ist spezielles  Zusatzequipment der DRF Luftrettung. Es handelt sich um das mobile Sonographie- oder Ultraschallgerät. Dieses gehört nicht zur Ausrüstung jedes Rettungswagens, bei der DRF Luftrettung ist es aber schon längst in allen rot-weißen Hubschraubern vorzufinden. Unter anderem kann mit der hochmodernen, kompakten Medizintechnik festgestellt werden, ob ein Patient innere Blutungen erlitten hat.

Dr. med. Henning Blaich erlebte im Sommer 2017 sogar, wie das besondere Hilfsmittel einen kompletten Einsatz verändern kann. Da wurde der Hubschraubernotarzt des brandenburgischen Christoph 64 mit seinen Crew-Kollegen zu einem Verkehrsunfall auf der B 158 bei Platzfelde gerufen.

Was war die Einsatzsituation, als Sie seinerzeit zu dem Unfall auf der Bundesstraße gerufen wurden?

Blaich: Die Leitstelle schickte einen bodengebundenen Notarzt, aber auch uns. Als wir als erste ankamen, sahen wir, dass drei Personen betroffen waren, aber eine von ihnen, eine Frau, schien am wenigsten verletzt zu sein. Sie saß aufrecht im Wagen, war ansprechbar und klagte über Bauchschmerzen.

Wie gingen Sie bei der anschließenden Untersuchung der Patienten vor?

Blaich: Die Versorgung läuft standartisiert ab durch das ,ABCDE-Schema‘, durch das die Verletzungsschwere geprüft wird. A und B stehen für die Atmung. Dazu wird als erstes geschaut, ob die Atemwege frei sind oder ob Maßnahmen ergriffen werden müssen, um sie zu sichern. Das C bedeutet ,Circulation‘ und bezieht sich auf den Kreislauf, beziehungsweise den Puls. Unter D wird die ,Disability‘ ermittelt, der neurologische Status. Darunter fällt beispielsweise eine Querschnittslähmung. Und der Parameter E steht für ,Environment‘, also die Umgebung. Dabei geht es gegebenenfalls um das Auskühlen, ob ein Patient entkleidet werden muss, oder ähnliches.

Während dieser Abfolge kam dann auch das mobile Ultraschallgerät der DRF Luftrettung zum Einsatz?

Blaich: Ja genau, innerhalb des ABCDE-Schemas ist es Routine, das einzusetzen. Es fällt unter den Punkt C. Durch die Sonographie, also den Ultraschall, kann man feststellen, ob innere Blutungen im Bauchraum vorliegen. Wenn das so ist, muss der Patient dann zeitkritisch, also so schnell wie möglich, zum operativen Eingriff gebracht werden. Man kann mit dem Gerät aber auch Herz und Lunge untersuchen, das ist ganz wichtig bei einem einsetzenden oder drohenden Herz-Kreislauf-Stillstand. Denn in so einem Fall kann mit dem Gerät der Zustand des Herzens geprüft werden.

Zurück zum damaligen Unfall: Die Patientin, die in dem Auto an der Bundesstraße saß, schien stabil zu sein. Was haben Sie dann durch das Ultraschallverfahren bei ihr erkennen können?

Blaich: Die Frau hatte freie Flüssigkeit im Bauch, und ich stellte die Verdachtsdiagnose auf innere Blutungen. Die freie Flüssigkeit sieht man auf dem Monitor des Sonographiegeräts und dies ist dann ein Zeichen für verletzte Organe.

Veränderte sich der Einsatz dadurch?

Blaich: Ja, ganz entscheidend. Denn damit hatte sie eindeutig Transportpriorität. Wir hatten also plötzlich mehrere Patienten, die geflogen werden mussten, und deshalb alarmierten wir zur Verstärkung Christoph 49 aus Bad Saarow nach. Bei einem Einsatz geht es einerseits um die Versorgung vor Ort, darum, die Vitalfunktionen zu erhalten, Verletzungen zu versorgen, Medikamentengabe und weiteres. Und im zweiten Punkt darum, wie schnell der Betroffene in dem nächstmöglichen Traumazentrum eintrifft und dort die benötigte Behandlung erfolgen kann. Wir nennen das ,golden hour of shock‘. Das bedeutet, dass der Patient innerhalb einer Stunde versorgt sowie in dem geeigneten Krankenhaus der Maximalversorgung sein muss. Die Patientin, über die wir sprechen, hatte ein Polytrauma. Und ein Polytrauma erfordert immer auch ein gutes Zeitmanagement.

Was genau macht ein Traumazentrum aus?

Blaich: Ein kleines Krankenhaus kann leichte Verletzungen ebenso behandeln, aber für schwere braucht es dann ein Traumazentrum für die Maximalversorgung des bestimmten Verletzungsbildes. Wir müssen vor Ort entscheiden, welches das geeignete ist, und das hängt von der Fachdisziplin ab, die für den betroffenen Patienten vorhanden sein muss. Einen Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma etwa kann ein normales Krankenhaus gar nicht versorgen. Die Frau damals hatte ein schweres Abdominaltrauma und brauchte ein Krankenhaus, in dem operative Möglichkeiten für ihr gesamtes Verletzungsbild gewährleistet waren.

Inwiefern liegen die Hubschrauber der DRF Luftrettung gegenüber einem Rettungswagen hier im Vorteil?

Blaich: Sie können Schwerverletze in kürzester Zeit auch in weiter entlegene Krankenhäuser der Maximalversorgung bringen. So konnte die Frau damals auf schnellstem Wege zum Traumazentrum des Unfallkrankenhauses Berlin in Marzahn geflogen werden. Wofür ein Rettungswagen da mindestens eine Dreiviertelstunde gebraucht hätte, war per Lufttransport in unter 20 Minuten zu schaffen. So wird die Spanne zwischen der Erstversorgung und dem operativen Eingriff so kurz wie möglich gehalten.

Und dazu war auch die Untersuchung mit dem Sonographiegerät dienlich?

Blaich: Genau. Denn ohne das hätten wir die inneren Blutungen ja gar nicht erst erkennen können. In so einem Fall wäre die Patientin in ein anderes, nahegelegenes, aber ungeeignetes Krankenhaus gefahren worden. Erst dort hätten die Ärzte dann erkannt, dass die Frau dringend in ein Traumazentrum gehört. Sie hätte also noch verlegt werden müssen. Auf diese Weise hätten wir und vor allem die Schwerverletzte kostbare Zeit verloren.

Die DRF Luftrettung stellt mit dem mobilen Sonographiegerät nicht nur Medizintechnik zur Verfügung, die im Rettungswesen kein Standard ist, sondern betreibt auch viel Schulungsaufwand auf den einzelnen Stationen. Zu welchem Zweck dient das?

Blaich: Man muss eingewiesen werden in den Umgang mit dem Gerät, um es handhaben zu können. Die Untersuchungszeit mit dem mobilen Ultraschallgerät ist auf eine Minute begrenzt, um im Einsatz keine Zeit zu verlieren. Dafür muss der Umgang aber fachlich geübt und auch wiederholt in Simulationstrainings geschult werden. Wir haben dafür von der DRF Luftrettung den Kurs „FAST Sonographie“ vermittelt bekommen, zur Untersuchung des Brustkorbs, des Bauches und des Herzens. Es geht dabei einerseits um das Handling an sich und zum anderen um den Ablauf der Untersuchung. Und für genau so etwas macht die DRF Luftrettung diese Fortbildungen, an denen das gesamte Team teilnimmt. Man übt, dann gibt es eine Nachbesprechung. Das ist sehr aufwändig und teuer, aber der DRF Luftrettung ist es wichtig, dass kontinuierlich trainiert wird, und zwar innerhalb einer Station.

Warum legt die DRF Luftrettung Wert darauf, dass auch Notfallsanitäter gemeinsam mit den Ärzten geschult werden?

Blaich: Das ist so wichtig, weil wir im Einsatz zusammenarbeiten müssen, und das nach dem gleichen Standard. Durch so eine Schulung kann der Notfallsanitäter auch selbstständig und eigenverantwortlich einen Notfallpatienten versorgen. Gerade bei einer zeitkritischen Behandlung und der Nachforderung weiterer Kräfte ist das sehr wichtig, wie es oft bei Verkehrsunfällen mit einer Vielzahl von Patienten der Fall ist. So können Unfallopfer gleichzeitig und nach dem gleichen Standard versorgt werden.

Wie bewerten Sie den Aufwand als Mediziner? Wozu ist das sinnvoll?

Blaich: Das ist absolut exzellent! Weil es die Versorgungsqualität erheblich verbessert. So haben wir erweiterte Möglichkeiten zur Diagnose und zur optimalen Versorgung eines Notfallpatienten. Und das dient  letztendlich der Patientensicherheit.