06.07.2018 | Rettungsbericht

„Die ganze Nacht haben sie im Krankenhaus um Joosts Leben gekämpft“

  • Heute ist der kleine Joost wohlauf, und nichts erinnert mehr seinen dramatischen Start ins Leben. Doch lange Zeit mussten seine Eltern um ihn bangen. Das Motiv auf Joosts Pullover gibt einen Hinweis auf seine Rettung.
    Heute ist der kleine Joost wohlauf, und nichts erinnert mehr seinen dramatischen Start ins Leben. Doch lange Zeit mussten seine Eltern um ihn bangen. Das Motiv auf Joosts Pullover gibt einen Hinweis auf seine Rettung.
  • Familie Wendlandt-Bucholski lebt in Farnewinkel, einem kleinen Dorf, das zur Gemeinde Nindorf gehört. Sie liegt zwischen Büsum und Brunsbüttel, mitten im Kreis Dithmarschen und hat rund 1.200 Einwohner.
    Familie Wendlandt-Bucholski lebt in Farnewinkel, einem kleinen Dorf, das zur Gemeinde Nindorf gehört. Sie liegt zwischen Büsum und Brunsbüttel, mitten im Kreis Dithmarschen und hat rund 1.200 Einwohner.
  • Drei glückliche Geschwister: Matti wird am 19. Juli acht Jahre alt, Mila ist fünf. Und den einjährigen Joost mögen beide sehr, wie man sieht.
    Drei glückliche Geschwister: Matti wird am 19. Juli acht Jahre alt, Mila ist fünf. Und den einjährigen Joost mögen beide sehr, wie man sieht.
  • Ein Geschenk zum ersten Geburtstag seines Sohnes Joost ist eine Fördermitgliedschaft im DRF e. V., verrät Papa Olaf Wendlandt.
    Ein Geschenk zum ersten Geburtstag seines Sohnes Joost ist eine Fördermitgliedschaft im DRF e. V., verrät Papa Olaf Wendlandt. Aber eigentlich ist es eher ein Geschenk für alle Menschen – die vielleicht eines Tages ihrerseits die Hilfe eines Hubschraubers der DRF Luftrettung benötigen könnten. Ganz so, wie der kleine Joost vor einem Jahr.
  • Nach Joosts Genesung schickte die Familie ein „Dankeschön-Paket“ an die DRF Luftrettung in Bremen und das Team von Christoph Weser. Darin war auch dieses Bild, das Bruder Matti gemalt hat.
    Nach Joosts Genesung schickte die Familie ein „Dankeschön-Paket“ an die DRF Luftrettung in Bremen und das Team von Christoph Weser. Darin war auch dieses Bild, das Bruder Matti gemalt hat.

Heute ist Joosts erster Geburtstag. Seine Familie freut sich in besonderer Weise, ihn gemeinsam feiern zu können. Denn wenige Stunden nach der Geburt des kleinen Dithmarschers hatte es – das muss man leider so drastisch darstellen – so ausgesehen, als wenn sein junges Leben nach nur wenigen Stunden schon wieder zu Ende gehen würde… Ärzte kämpften angestrengt, und Christoph Weser stieg außerdem in Bremen auf, um das Schlimmste zu verhindern. Kurz darauf war mit Christoph Europa 5 aus Niebüll abermals ein Hubschrauber der DRF Luftrettung für das Baby im Einsatz, das heute erfreulicherweise ein völlig gesundes, munteres, einjähriges Kind ist.

An der Haustür der Familie Wendlandt-Bucholski hängen Schilder mit allen Namen der hier Wohnenden, und auf einem steht „Herzlich willkommen“. Freunde haben das hübsche Mobile gebastelt und den Wendlandt-Bucholskis geschenkt. Das kleine Holztäfelchen, auf dem Joosts Name aufgemalt ist, ziert zudem ein kleiner Hubschrauber. Er deutet darauf hin, dass die DRF Luftrettung für das junge Leben sehr wichtig gewesen ist…

Am Anfang war noch alles gut

„Direkt nach der Geburt war noch alles gut“, schildert Nadja Bucholski. Ihr Sohn Joost war im Krankenhaus der Dithmarscher Kreisstadt Heide per geplantem Kaiserschnitt zur Welt gekommen, 4.190 Gramm schwer, 52 Zentimeter groß und ihr drittes Wunschkind. „Aber eine Stunde später ging es plötzlich los, dass die Sauerstoffsättigung von Joost zu niedrig war“, legt die Mutter die Stirn in Falten. „‚Olaf!‘, sprach mich auch unsere Hebamme gleich an“, fügt Joosts Vater hinzu, „‚jetzt ist die Sauerstoffsättigung nur noch bei 60 Prozent.“ „Dann hieß es abends, dass sie ihn intubieren und beatmen müssen und er ein Lungenreifungsmittel bekommt“, so die Mutter weiter.

Zunächst vermuteten die Mediziner auf der Kinderintensivstation im Heider Krankenhaus nämlich noch, dass eine bei Kaiserschnitten durchaus nicht seltene Anpassungsstörung im kleinen Körper der Grund für die Komplikationen wäre und die Lungenfunktion einfach noch nicht völlig ausgeprägt. Doch wie sich herausstellte, war ein Infekt im Mutterleib die wahre Ursache, der vorher nicht zu erkennen gewesen war – und der auf die Lunge schlug!

„Die ganze Nacht haben sie im Krankenhaus um Joosts Leben gekämpft“, führt Nadja Bucholski nach einem tiefen Atemzug aus. „Aber es tat sich nichts...“, entfährt es Vater Olaf Wendlandt fast zugleich. Tatsächlich wurde der Zustand des Babys unter Beatmung sogar immer schlechter wie es da so lag, im künstlichen Koma, auf einer Rüttelplatte, die die Atemfunktion anzuregen helfen sollte.

Ein „ganz normales Kind“

Während seine Eltern vom dramatischen Start ins irdische Leben berichten, interessiert sich Joost auf dem Arm seines Vaters für die Schale mit den schokoladenüberzogenen Keksen auf dem großen Esstisch im Haus der Familie Wendlandt-Bucholski. Das kleine Kind findet die Süßigkeiten verständlicherweise überaus reizvoll. Und Bruder Matti nascht schließlich auch schon die ganze Zeit daraus! Joost ist heute ein „ganz normales Kind“, wie man so gerne wie nichtssagend formuliert. Es gibt keinerlei Einschränkungen, gerade hat die Vorsorgeuntersuchung U5 einen üblichen Entwicklungsstand bestätigt. Nichts erinnert daran, nichts ist zurückgeblieben von diesen ersten schweren Stunden in seinem Leben, die doch immer dramatischer wurden.

Denn nachdem alle Maßnahmen im Heider Krankenhaus keine Besserung brachten, hieß es irgendwann, dass nur noch ein letzter Ausweg bleibe: eine Therapie mittels „ECMO“. Die Abkürzung steht für eine Maschine namens „Extracorporale Membranoxygenierung“. Sie übernimmt, vereinfacht ausgedrückt, die Atmung eines Patienten, indem dessen Blut außerhalb des Körpers mit lebenswichtigem Sauerstoff angereichert und das Blut permanent in den Körper zurückgeleitet wird.

„Wir haben zu jenem Zeitpunkt gemerkt, dass die Ärzte in Heide am Limit waren. Und wir sind so dankbar, dass sie das ehrlich gesagt haben“, betonen die Eltern zufrieden. „Dass sie nicht lange weiter herumprobiert haben, sondern signalisierten, dass andere Mittel notwendig sind.“ Mittel, die es in Heide jedoch nicht gab.

Nun ist eine Beatmung mittels ECMO schon im Erwachsenenalter keine ganz so einfache Sache wie ein Pflaster aufzukleben – im Säuglingsbereich ist der Anschluss an die Maschinerie erst recht etwas, das nicht überall erfolgen kann. Für Joost gab es damals vier Häuser, die zum einen über die Gerätschaften und zum anderen über Spezialisten mit viel Erfahrung zum ECMO-Einsatz bei Säuglingen verfügten.

Theoretisch kamen Kliniken in Mannheim, Hannover, Bremen und Hamburg in Frage. Doch das nahe Hamburg fiel damals von vornherein aus, da der zeitgleich stattfindende G20-Gipfel weitreichende Flugverbotsregelungen über der Stadt zur Folge hatte, die sogar die Luftrettung berührten!

So kümmerten sich die Heider Ärzte aus der Entfernung selbstlos darum, dass sich Mediziner in Bremen des jungen Schleswig-Holsteiners annehmen und die weitere Therapie durchführen würden. Inzwischen war Joost den dritten Tag auf der Welt – und weiterhin sehr schlecht zurecht. Am Abend des 8. Juli flog darum die Bremer Crew der DRF Luftrettung los nach Heide: Joost sollte eilig per Christoph Weser zu den Spezialisten in Bremen gebracht werden.

Wir wussten nicht, ob wir ihn lebend wiedersehen

Das war auf dem Landweg nicht möglich, wie die Eltern erzählen, da man in Heide das erforderliche medizinische Team nicht für eine mehrstündige Hin- und Rückfahrt entbehren konnte. Doch für die lebensrettende ECMO-Therapie musste Joost unbedingt nach Bremen! Zudem hätte der Transport auf der Straße erheblich länger gedauert als per Luftweg, durch die Engstelle Elbtunnel geführt und sicher je Richtung bis zu zweieinhalb Stunden in Anspruch genommen. „Es war aber klar, dass wir ohnehin nicht mehr viel Zeit hatten“, blickt Nadja Bucholski zurück.

Für die rot-weiße BK 117 der DRF Luftrettung jedoch stellten der Auftrag und die Entfernung kein Problem dar. Der 250 Stundenkilometer schnelle Hubschrauber konnte die Distanz in nur 30 Minuten überwinden. Zudem ist er wie eine Intensivstation ausgerüstet, so dass das Baby auch unterwegs optimal überwacht und versorgt werden konnte.

Um halb acht abends war es soweit: Joost wurde von Heide nach Bremen geflogen. „Wir haben uns vorher von Joost verabschiedet – und wussten nicht, ob wir ihn lebend wiedersehen“, sagt Nadja Bucholski mit stockender Stimme. Doch als die Eltern dann wenig später, es muss so um 22 Uhr herum gewesen sein, in Bremen anriefen, um sich nach dem Zustand ihres Kindes zu erkundigen, da gab es eine erlösende Nachricht. „Wir haben ihn stabil!“

Am nächsten Morgen fuhren Nadja Bucholski und Olaf Wendlandt nach Bremen, sahen nach ihrem Kind. Die Mediziner an der Weser bekamen den Infekt in den Griff – die ECMO-Behandlung war schlussendlich gar nicht mehr erforderlich und alle verständlicherweise sehr, sehr froh und erleichtert.

Insgesamt neun Tag blieb Joost in Bremen. Ab dem Moment, wo es hieß, er werde aus dem Koma geholt, war die Mutter permanent anwesend, damit der kleine Erdenbürger sich nicht zu allein fühlen würde beim Aufwachen. Die fürsorglichen Bremer Ärzte wollten darüber hinaus unbedingt auch eine rasche Verlegung zurück nach Heide: Die Familie sollte schnell wieder zusammengeführt werden. Denn schließlich haben Olaf Wendlandt und Nadja Bucholski noch zwei weitere Kinder, Mila und Matti, die über die dramatischen Stunden und Tage ebenfalls ihre Eltern brauchten.

Sicherer Transport mit Christoph Europa 5 zurück nach Heide

Erneut war da das Problem begrenzter Transportmöglichkeiten unter intensivmedizinischen Bedingungen. Deswegen riefen die Ärzte abermals die DRF Luftrettung zur Hilfe: Dieses Mal war es Christoph Europa 5 aus Niebüll, der aufstieg. Er flog Joost von Bremen aus zurück nach Heide. Und selbst, wenn Joost anschließend weitere vier Wochen im dortigen Krankenhaus liegen musste – insbesondere, um einen einsetzenden Medikamentenentzug zu behandeln –, so war die fünfköpfige Familie doch wieder glücklich vereint in der Heimat.

„Ich fand Wahnsinn, was alles getan wird, um einer Familie wie uns zu helfen“, unterstreicht Nadja Bucholski, „und dass von jedem alles dafür getan wurde, dass die Situation gut ausgeht!“ „Überhaupt: Die ganzen herzlichen Menschen in beiden Krankenhäusern, die sich um uns gekümmert haben – das gibt uns ganz viel“, pflichtet Olaf Wendlandt bei. „Und alles lief super professionell ab, in den Kliniken und ebenso die perfekt organisierten Flüge mit den Hubschraubern. Wir sind so froh, dass wir an jedem Platz zur rechten Zeit immer die richtigen Leute hatten.“

Mit vollem Namen heißt der Einjährige Dithmarscher Joost Lillebror Wendlandt. Lillebror bedeutet bekanntlich „der kleine Bruder“, der er für Matti und Mila ist. Ihren beiden anderen Kindern hatten die Eltern vor einem Jahr ganz offen signalisiert, dass ihr noch junger Bruder sehr, sehr schwer krank sei und vielleicht nie nach Hause kommen würde. Doch sein erster Name steht für „der Kämpfer“. Ins Leben gekämpft hat sich Joost Lillebror erfolgreich. Jetzt muss es nur noch gelingen, von den Schokokeksen auf dem Tisch vor ihm doch noch ein Exemplar zu ergattern.

Die Station zum Beitrag:

Standorte DRF Luftrettung

Auswählen und mehr erfahren

Von wo starten unsere Hubschrauber und Ambulanzflugzeuge zu ihren Einsätzen? Wer koordiniert eine Patientenrückholung aus dem Ausland? Und wo wird unsere Flotte eigentlich gewartet? Lernen Sie die Hubschrauberstationen, das Operation-Center und den Ambulanzflugbetrieb der DRF Luftrettung kennen. Mit einem Klick auf eine unserer Stationen können Sie den jeweiligen Einsatzradius des Hubschraubers erkennen. Weitere Einblicke und Hintergrund- informationen erhalten Sie auf den Stationsseiten.

Minuten- und Kilometerzahl sind durchschnittliche Angaben

Alle Standorte

Mehr zur Station:

Am Strand der Insel Langeoog versorgt das Bremer Team der DRF Luftrettung einen Mann mit Schmerzen in der Brust.
23.09.2019 | News-Bericht
Ein einsatzreicher Tag liegt vor der Besatzung von Christoph Weser. Bereits am Morgen bricht die Crew um Pilot Ingo Reckermann, Hubschraubernotarzt Jorrit Willrodt und…