22.12.2014 | Rettungsbericht

Ein kleines Wunder

  • So sah der erste Hubschrauber der DRF Luftrettung aus, der ab dem 19. März 1973 die Luftrettung im Großraum Stuttgart sicherstellte.
    So sah der erste Hubschrauber der DRF Luftrettung aus, der ab dem 19. März 1973 die Luftrettung im Großraum Stuttgart sicherstellte.
  • Nach mehreren Umzügen ist "Christoph 41" inzwischen in Leonberg stationiert.
    Nach mehreren Umzügen ist "Christoph 41" inzwischen in Leonberg stationiert.

Jos Kumpf weiß noch ganz genau, wann er zum allerersten Mal einen Rettungshubschrauber sah. Er kennt nicht nur den Ort, sondern auch das Datum und die genaue Uhrzeit. Und das, obwohl der Tag inzwischen 40 Jahre zurückliegt. Die Luftrettung war damals ein Novum, Jos Kumpf hatte vorher nie davon gehört. „Etwas Schlimmes muss passiert sein“, waren die Worte, die er an seine Frau richtete, als er den Hubschrauber der DRF Luftrettung bemerkte. Damit hatte er recht. Was er allerdings nicht ahnte: Es ging um das Leben seiner ältesten Tochter.

„Ich erzähle häufig von damals, die Geschichte berührt mich immer noch sehr“, verrät der heute 85-Jährige. „Wir waren gerade mit dem Auto auf dem Weg nach Ulm, unsere mittlere Tochter saß auf dem Rücksitz. Keine hundert Meter von uns entfernt entdeckten wir plötzlich den Hubschrauber.“

Es war der erste Rettungshubschrauber der DRF Luftrettung, der seit dem 19. März 1973 die Luftrettung im Großraum Stuttgart sicherstellte und auch am Morgen des 23. Aprils 1974 im Einsatz war. Jos Kumpf erblickte ihn auf der alten Bundesstraße bei Weinstadt, während er mit seinem Auto auf einer Parallelstraße fuhr. Was er nicht sehen konnte, waren das Fahrrad, das er selbst gekauft hatte, und das 11-jährige Mädchen, dem er es einst geschenkt hatte. „So kam es, dass wir bis Ulm weiterfuhren, wo uns dann der Anruf meiner Schwiegermutter erreichte“, erinnert sich Jos Kumpf. „Ich hatte ihr die Telefonnummer notiert, über die sie uns erreichen konnte, Mobiltelefone gab es damals ja noch nicht. Als wir hörten, was sie uns zu sagen hatte, wusste ich gleich: dieser Unfall, das war meine Isabel.“

Isabel Kumpf war an diesem Dienstagmorgen auf dem Weg zum Gymnasium. Der Radweg führte sie entlang der alten Bundesstraße. „Kurz vor Großheppach musste sie dann die Straße überqueren, weil der Radweg auf der anderen Seite weiterging“, erzählt ihr Vater. „Im selben Moment passierte ein Auto den Ortsausgang mit deutlich über 50 km/h.“ Der Bremsversuch kam zu spät, frontal erfasste das Fahrzeug das 11-jährige Mädchen, das mit der linken Gesichtshälfte auf die Windschutzscheibe knallte und auf dem Asphalt aufprallte.

„Bei einem solchen Unfall muss man davon ausgehen, dass der Patient ein Polytrauma erlitten hat, also lebensbedrohlich verletzt ist“, erklärt Dr. Gregor Lichy, Notarzt der DRF Luftrettung in Stuttgart. „Er muss dann schnellstmöglich versorgt und in ein zur Behandlung geeignetes Krankenhaus transportiert werden.“ Aus diesem Grund wurde sofort die Besatzung der DRF Luftrettung alarmiert, die nur wenige Minuten später am Unfallort eintraf und das Mädchen versorgte. Die starken Blutungen im Gesicht mussten gestillt, die Wirbelsäule immobilisiert werden. Dann ging es auf schnellstem Wege ins Stuttgarter Katharinenhospital, wo die Besatzung das Mädchen zur weiteren Behandlung übergeben konnte. „Der schnelle Transport von Isabel war auch deshalb wichtig, weil sich innere Blutungen manchmal erst später bemerkbar machen. Heute können wir das bereits am Unfallort mithilfe mobiler Sonografiegeräte überprüfen, das war damals jedoch noch nicht möglich. Bei Kindern kann der Kreislauf innere Blutungen oft länger kompensieren. Im Krankenhaus konnte Isabel entsprechend beobachtet werden, um weitere Traumafolgen auszuschließen oder gegebenenfalls unmittelbar einzugreifen.“

Der Schock saß tief, als die Eltern vom Unfall ihrer Tochter erfuhren. Jos Kumpf wusste genau, was es bedeutet, einen Menschen auf tragische Weise zu verlieren, erlebte er doch die letzten Kriegsjahre als junger Mann, die letzten Tage sogar in der Ausbildung zum Soldaten. Sein Vater geriet 1945 in sowjetische Gefangenschaft, er sah ihn nie wieder. Umso größer war folglich seine Angst, nun noch die eigene Tochter verlieren zu müssen. Doch was stattdessen passierte, gleicht für Jos Kumpf bis heute einem Wunder.

Im Krankenhaus angekommen, zeigten sich die Ärzte optimistisch. Isabels Wirbelsäule war unverletzt geblieben, alle Knochen waren heil, ein Schädel-Hirn-Trauma hatte sie ebenfalls nicht erlitten. Auch innere Blutungen konnten ausgeschlossen werden. Lediglich ihre linke Gesichtshälfte war durch den Aufprall stark verletzt. „Weichteilverletzungen sind typisch bei einem solchen Aufprall, vor allem dann, wenn die Patienten nach dem Sturz auf die Fahrbahn noch über den Asphalt rutschen“, so Dr. Gregor Lichy. „Die Haut kann dabei in erheblichem Umfang verletzt werden, sogar Muskeln können durchtrennt werden. Es kann in der Folge zu massiven Blutungen aus den Weichteilen kommen. So war es auch bei Isabel.“ Der erfahrene Notarzt der DRF Luftrettung wurde schon zu zahlreichen ähnlichen Unfällen alarmiert und weiß genau: „Weichteilverletzungen sind schmerzhaft, sollten zeitnah versorgt werden und bedürfen einer teils langwierigen Behandlung. Aber bei einem Aufprall auf ein rund 50 km/h schnelles Auto muss man schon von sehr großem Glück sprechen, wenn es so glimpflich ausgeht.“

Im Krankenhaus erfuhren die Eltern, dass ihre Tochter bereits die erste Gesichtsoperation hinter sich hatte. Einige weitere sollten in den nächsten Monaten nötig sein, um das Gesicht vollständig zu rekonstruieren. „Isabel haderte damals aber keine Sekunde mit ihrem Schicksal“, erinnert sich Jos Kumpf, der seinen Augen kaum trauen wollte, als er am dritten Tag Isabels Zimmer auf der Intensivstation betrat. „Unsere Tochter empfing uns mit einem strahlenden Lächeln. Sie sagte, es gehe ihr gut, und schaute positiv der Zukunft entgegen. Ich glaube, sie hat das alles damals nicht richtig eingeschätzt. Heute weiß sie, dass sie an jenem Tag ein Schutzengel begleitete.“

Nach der Rettung seiner Tochter war für Jos Kumpf klar, dass er die gemeinnützig tätige Organisation fortan unterstützen wollte. „Wir sind sicher, dass wir im Besonderen der DRF Luftrettung verdanken, dass unsere Tochter heute überhaupt noch am Leben ist“, schrieb er vor 40 Jahren in einem Dankesbrief und entschied sich zu einer Fördermitgliedschaft, die bis heute besteht. „Die Luftrettung  war damals neu und ich habe es als eine tolle Sache empfunden. Heute ist doch jeder froh, dass es Rettungshubschrauber gibt. Und ich bin dankbar und glücklich, dass es ihn damals schon gab, als meine Tochter dringend Hilfe benötigte.“

Die Station zum Beitrag:

Standorte DRF Luftrettung

Auswählen und mehr erfahren

Von wo starten unsere Hubschrauber und Ambulanzflugzeuge zu ihren Einsätzen? Wer koordiniert eine Patientenrückholung aus dem Ausland? Und wo wird unsere Flotte eigentlich gewartet? Lernen Sie die Hubschrauberstationen, das Operation-Center und den Ambulanzflugbetrieb der DRF Luftrettung kennen. Mit einem Klick auf eine unserer Stationen können Sie den jeweiligen Einsatzradius des Hubschraubers erkennen. Weitere Einblicke und Hintergrund- informationen erhalten Sie auf den Stationsseiten.

Minuten- und Kilometerzahl sind durchschnittliche Angaben

Alle Standorte

Mehr zur Station:

Die optimale Versorgung verletzter Patienten stand im Zentrum des 2. Christoph 41/51-Tags. Symbolbild.
27.05.2019 | News-Bericht
Wie werden Verletzungen, in der Medizin Traumata genannt, optimal versorgt? Um diese Frage ging es am vergangenen Wochenende an der Station Leonberg. Zusammen mit ihren…