12.06.2014 | Rettungsbericht

Ein Sturz in die Tiefe

„Es war eine spontane Idee, eine Spritztour mit Freunden von Stuttgart nach Trento. An die Tour selbst habe ich keine Erinnerung mehr. Stuttgart-West, tanken – mehr ist nicht geblieben.“ Vergessen wird Damir Bader-Golubic den 21. Juni 2013 nie, denn die Folgen werden ihn vielleicht ein Leben lang begleiten. Gemeinsam mit vier Freunden bricht der damals 46-Jährige an jenem Freitag früh morgens zu einer Motorradtour Richtung Südtirol auf. „Ich war lange nicht mehr in Trento und wollte gerne mal wieder hin.“ Gegen Mittag erreicht die Gruppe die Alpenstadt im Norden Italiens.

Die Tour führt die Freunde weiter zu einem Bergsee. Auf dem Weg zur Pension schließlich passiert das Unglück: „Kurz vor dem Ziel fuhr ich in einer Kurve gegen die Leitplanke und stürzte fast 30 Meter in die Tiefe. Meine Freunde sahen zunächst nur das Motorrad, das aufrecht stand, und dachten, ich wäre abgestiegen. Als sie das Unglück bemerkten, wählten sie sofort die Notrufnummer.“ Wenige Minuten später trifft ein Rettungshubschrauber ein. Zur weiteren Versorgung wird Damir Bader-Golubic ins Krankenhaus Santa Chiara nach Trento geflogen. Sein Zustand ist kritisch.

„Ein Gefühl der Sicherheit“

Unterdessen benachrichtigt einer der Freunde Nicole Bader-Golubic, die sogleich ihren Fördererausweis zückt und die Alarmzentrale der DRF Luftrettung einschaltet. „Sie haben dann sofort in Italien angerufen, um sich ein Bild vom Zustand meines Mannes zu machen. Danach haben sie mich zurückgerufen und mir empfohlen, so schnell wie möglich nach Italien zu fahren, weil noch nicht abzusehen war, ob er überleben würde. Ich weiß nicht mehr, wen ich von der DRF Luftrettung am Apparat hatte, aber ich erinnere mich gut an das Gefühl, das die Stimme mir vermittelte. Es war ein Gefühl der Sicherheit, es nahm mir die Panik, trotz der ernsten Situation“, erinnert sich die 45-Jährige, die mit ihrem Mann seit über zehn Jahren Förderer beim DRF e.V. ist. Gemeinsam mit ihrer Schwägerin fährt sie am späten Abend los, gegen 5:30 Uhr erreichen sie Trento.

Bei seinem Unfall erleidet Damir Bader-Golubic schwere Verletzungen: „Meine Lunge war durchbohrt von drei völlig zertrümmerten Rippen. Mein Schlüsselbein und meine Schulter waren gebrochen, ebenso ein Brustwirbel. Zwei weitere Brustwirbel waren angebrochen. Dazu kamen Quetschungen der Leber und Milz. Im Prinzip blieben fast nur die Beine verschont, und zum Glück auch der Kopf.“ Eine Woche lang ist der gebürtige Kroate nicht transportfähig. Auch eine Operation kommt zunächst nicht infrage. „Mein Mann lag im künstlichen Koma und ich konnte nur eine Stunde täglich zu ihm. Das war eine Ausnahmesituation, die ich ohne die Unterstützung der DRF Luftrettung kaum ertragen hätte“, schildert Nicole Bader-Golubic die ersten Tage nach dem Unfall in Italien. „Worum es auch ging, ich stieß immer auf ein offenes Ohr. Ich habe täglich, teils mehrmals, bei der Alarmzentrale angerufen und unendlich viele Fragen gestellt. Änderungen am Zustand meines Mannes wurden mir ebenfalls umgehend durch die DRF Luftrettung mitgeteilt. Diese Betreuung war unglaublich und ging weit über das Normale hinaus. Dafür bin ich sehr dankbar!“

Mit dem Learjet der DRF Luftrettung von Mailand nach Stuttgart

Auch die Information über die Transportfähigkeit ihres Mannes erhält die Stuttgarterin telefonisch aus Rheinmünster. Als sie erfährt, dass Damir Bader-Golubic wie erhofft mit dem Hubschrauber nach Mailand gebracht wird, wo die Besatzung des Learjets der DRF Luftrettung den Patienten übernehmen kann, fällt ihr ein Stein vom Herzen: „Ich hatte einfach Angst, dass jede kleine Bewegung zur Querschnittslähmung führen könnte.“ Die Übergabe am Flughafen Mailand verläuft reibungslos. Rettungsassistent Christoph Lind, der an diesem Tag gemeinsam mit Notarzt Dr. Michael Beier sowie den Piloten Joachim Zabler und Rainer Godon im Einsatz ist, erinnert sich gut an den Patienten: „Das Hauptproblem war das Thoraxtrauma, also der Thorax (Brustkorb) und die Lunge an sich. In Folge des Unfalls hatte sich durch eine beidseitige Rippenserienfraktur Blut im Pleuraraum (Raum zwischen Lunge und Brustkorb) angesammelt. Mithilfe von Thoraxdrainagen förderten wir angesammeltes Sekret und Blut heraus, sodass die Lungen sich wieder entfalten konnten und eine adäquate Beatmung möglich war. Die Narkose während des Transports musste folglich so tief wie möglich bleiben – auch, um beispielsweise zu verhindern, dass sich durch ein Husten des Patienten frische Operationswunden öffneten oder der Blutdruck im Gehirn extrem anstieg. Außerdem haben wir die Flughöhe gering gehalten, auf Luftdruckniveau des Meeresspiegels. Dies war notwendig, damit sich kleine Lufteinschlüsse im Kopf und im Abdomen nicht in Folge eines sinkenden Kabinendrucks ausweiten.“

In Stuttgart angekommen, begleitet die Besatzung der DRF Luftrettung den Patienten in einem Rettungswagen bis ins Katharinenhospital, wo Dr. Michael Beier die Verletzungsmuster und bisherige Maßnahmen schildert und der Patient damit dem zuständigen Arzt der Klinik übergeben werden kann. Eine Woche später kann operiert werden, wobei u. a. eine rund 15 cm große Platte eingesetzt wird, die die Wirbelsäule stabilisiert. Die drei zertrümmerten Rippen werden durch Titanrippen ersetzt.

„Die Ärzte konnten es kaum glauben“

Nach einer weiteren Woche im Koma lassen die Ärzte den Patienten aufwachen. „Sie sagten mir damals, dass mein Mann vielleicht zu Weihnachten das Krankenhaus verlassen könnte“, erinnert sich Nicole Bader-Golubic, „doch sobald es ihm möglich war, begann er zu trainieren wie verrückt, um schnellstens wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Die Ärzte konnten es kaum glauben, als er bereits Anfang August wieder nach Hause konnte.“ Auch die Lunge ist wieder vollständig verheilt: „Es ist, als ob nie etwas gewesen wäre. Das ist unglaublich, ich kann es bis heute nicht begreifen“, erzählt der 47-Jährige.

Doch der Weg bleibt steinig. Anfänglich erträgt Damir Bader-Golubic die vielen Übungen bei seiner Reha nur unter Schmerzmitteln. „Das verlangt einem viel ab. Man muss jedoch den Willen haben und sagen: Da muss ich nun durch.“ Inzwischen kann er weitgehend auf Schmerzmittel verzichten, die Schmerzen jedoch sind sein täglicher Begleiter. „Es ist ein langwieriger Prozess, da muss ich geduldig sein – schließlich geht es um meine Gesundheit. Manchmal fühlen sich die Schmerzen nur wie ein Muskelkater an, das sind dann die guten Tage. Manchmal jedoch sind sie unerträglich. Ob sie wieder verschwinden, ist noch nicht abzusehen. Aber ich bin froh und dankbar zu leben und nicht im Rollstuhl zu sitzen.“

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