22.01.2014 | Rettungsbericht

Ein unbekannter Schmerz

  • Carmen Bockfeld beim Besuch der Station Bremen, wo sie von Pilotin Adriana Langer und Rettungsassistent Torsten Freitag herzlich empfangen wurde.
    Carmen Bockfeld beim Besuch der Station Bremen, wo sie von Pilotin Adriana Langer und Rettungsassistent Torsten Freitag herzlich empfangen wurde.
  • Als Dankeschön brachte Carmen Bockfeld u. a. eine eigens angefertigte "Heldin der Lüfte" mit.
    Als Dankeschön brachte Carmen Bockfeld u. a. eine eigens angefertigte "Heldin der Lüfte" mit.

„Zunächst war ich sprachlos“, beschreibt Carmen Bockfeld den Moment, als sie erstmals vor dem Bremer Hubschrauber der DRF Luftrettung steht. Für Pilotin Adriana Langer und Rettungsassistent Torsten Freitag war es ein freudiges Wiedersehen mit einer Patientin, an die sie sich gut erinnerten. „Die beiden waren total nett und haben sich viel Zeit genommen, um mir alles zu zeigen und zu erklären. Ich war so überwältigt, dass ich mich gar nicht richtig freuen konnte. Erst zu Hause kamen mir die Tränen.“ Für die 30-jährige Niedersächsin war es ein ganz besonderer Moment, einer, auf den sie lange gewartet hatte. Denn der Bremer Hubschrauber ist eng mit ihrem persönlichen Schicksal verknüpft.

Als sich Carmen Bockfeld an einem Sonntagnachmittag im Sommer 2010 vor ihren Computer setzt, ist ihr die DRF Luftrettung noch gänzlich unbekannt. An diesem Tag beschließt sie, Fotos hochzuladen und zu sortieren. Es sind die Fotos ihrer Hochzeit, die gerade einmal zwei Wochen zurückliegt. Mehrere Monate hatten sich Carmen Bockfeld und ihr Mann auf diesen Tag gefreut, viel Liebe, Zeit und Geld hatten sie investiert, damit es der schönste Tag im Leben wird. Und es sollte das erhoffte rauschende Fest werden.

Ein Schmerz aus dem Nichts

Während sie in Erinnerungen schwelgt, ereilt sie plötzlich ein heftiger Schmerz im Kopf, aus dem Nichts war er aufgetaucht und wird nun immer stärker. Carmen Bockfeld nimmt zwei Kopfschmerztabletten ein und legt sich ins Bett. An alles, was anschließend passiert, wird sie sich später nicht mehr erinnern. Ihr Mann zeigt sich besorgt, doch seine Frau spricht ganz normal mit ihm – auch am nächsten Morgen, als ihr Schmerz noch anhält und sie daher nicht zur Arbeit gehen kann.

Bei der Arbeit sind Marco Bockfelds Gedanken an jenem Montag weiterhin bei seiner Frau, er spricht mit einer Kollegin über den Vorfall. Diese befürchtet Schlimmes und empfiehlt, schnellstmöglich einen Arzt zu konsultieren. Sofort macht er sich auf den Heimweg, setzt seine Frau ins Auto und fährt sie zur nächsten Klinik. Die Ärzte dort reagieren sofort.

Schneller Transport dank "Christoph Weser"

Nur wenige Minuten später erreicht die Besatzung des Bremer Hubschraubers „Christoph Weser“ das Klinikum in Bassum. „Die Patientin hatte einen Schlaganfall mit Hirnblutung erlitten, daher war ein schneller Transport in ein auf die Behandlung spezialisiertes Klinikum wichtig“, erzählt Adriana Langer, Pilotin und Stationsleiterin der DRF Luftrettung in Bremen. „Glücklicherweise waren wir gerade in der Nähe.“

Carmen Bockfeld bekommt von all dem nichts mit. Erst später erfährt sie, dass sie mit dem Hubschrauber der DRF Luftrettung geflogen worden ist. „Trotzdem ist etwas hängengeblieben. Ich hatte vorher nicht so sehr darauf geachtet, aber inzwischen bin ich fasziniert, wenn ich den Hubschrauber fliegen sehe. Ich war sogar beim Tag der offenen Tür an der Bremer Station der DRF Luftrettung. Der Hubschrauber war jedoch nur einmal aus der Ferne zu sehen und leider ständig im Einsatz.“ Beim Besuch der Station im Dezember 2013 konnte sie ihn endlich von Nahem sehen, den Hubschrauber, der sie an jenem Sonntagmorgen im Sommer 2010 von Bassum nach Bremen transportiert, während ihr Mann mit dem Auto nach Hause fährt, um Kleidung für seine Frau einzupacken.  

"Bis heute kein Buch mehr gelesen"

Eine Woche dauert ihr Aufenthalt in der sogenannten Stroke Unit, der speziellen Organisationseinheit eines Krankenhauses zur Erstbehandlung von Schlaganfallpatienten. Als allmählich das Bewusstsein wiederkehrt, weiß Carmen Bockfeld zunächst nicht, wo sie sich befindet und was passiert ist. Schonend bringt man es ihr bei. Sie erfährt von ihrem Schlaganfall mit Hirnblutung, dass es ihr großes Glück war, die ganze Zeit auf dem Rücken gelegen zu haben, wodurch das Blut über das Rückenmark ablaufen konnte und die Blutung von alleine aufhörte.

Kurze Zeit später bemerkt Carmen Bockfeld, dass sie vieles nicht mehr weiß: „Einmal kamen meine Schwiegereltern zu Besuch, aber ich konnte mich einfach nicht mehr an ihre Namen erinnern“, erzählt die 30-Jährige. Doch nicht nur die Erinnerung spielt ihr einen Streich, auch das Lesen klappt nicht mehr. „Der Vorfall liegt inzwischen drei Jahre zurück, aber ich habe bis heute kein Buch mehr gelesen.“ Schuld daran ist eine sogenannte Gesichtsfeldeinschränkung, die nach einem Schlaganfall häufig auftritt, sich aber oft zurückbildet. „In meiner ersten Reha in Oldenburg musste ich daher vor allem die Augen trainieren, aber letztlich ist es nur ein wenig besser geworden.“ Bis heute ist ihr Gesichtsfeld eingeschränkt. „Für mich heißt das: kein Autofahren, kein Fahrradfahren. Ich finde zu Hause nichts wieder, wenn es sich nicht an einem festen Platz befindet. Einmal habe ich draußen sogar ein ganzes Auto einfach nicht gesehen.“

Ein zweites Angiom

In Hamburg wird bei einer gründlichen Untersuchung festgestellt, wie es zum Schlaganfall kam: Ein sogenanntes Angiom – eine Gefäßfehlbildung – hatte die Blutung verursacht. Schlimmer noch: ein zweites Angiom wird in ihrem Kopf entdeckt, das schnellstmöglich operativ versorgt werden muss. Die Operation läuft erfolgreich, aber nicht ohne Folgen: Beim Einkaufen am Silvestermorgen steht Carmen Bockfeld gerade an der Tiefkühltruhe, als sie zusammensackt. Zum Glück stürzt sie bei ihrem ersten Krampfanfall nicht schwer.

Die starken Medikamente, die sie seither nehmen muss, schlagen an. Die Nebenwirkungen hingegen erschweren ihren Kampf um Normalität, den Carmen Bockfeld seit ihrem Schlaganfall führt. Doch die Niedersächsin gibt nicht auf: „Früher hatte ich immer viele neue Ziele vor Augen. Heute ist das Ziel, möglichst viel alleine zu schaffen. Die Fortschritte fühlen sich derzeit zwar nur minimal an, aber ich übe täglich. Ich war immer schon ein ehrgeiziger Mensch.“

"Heldin der Lüfte"

Unterstützung erhält sie dabei vor allem von ihrem Mann, ihrer Mutter und ihrer Schwester, die alle im selben Haus wohnen. Auch ihre beiden Hunde geben der 30-Jährigen Kraft und halten sie auf Trab: „Beide sind ein Jack-Russel-Mix – die sind den ganzen Tag auf 180. Das ist ein gutes Training für mich.“ Vieles muss Carmen Bockfeld neu lernen. Derzeit scheint der Weg zurück auf den Arbeitsmarkt versperrt, daher hat sie sich verstärkt ihrem Hobby zugewandt: Seit einer Weile betreibt sie eine „Kreativ-Ecke“, fertigt insbesondere Eulen aus Stoffen an, die ihr Mann online vertreibt.

Eine eigens angefertigte Eule hat Carmen Bockfeld der Pilotin Adriana Langer beim Besuch der Bremer Station mitgebracht: eine rot-weiße Heldin der Lüfte, „als Dankeschön für die Einladung an die Station und weil sie mich damals geflogen hat.“ Und sie hat auch ein Anliegen im Gepäck, eine Botschaft, die sie beschäftigt: „Viele Menschen wissen nicht, dass man auch in jungen Jahren einen Schlaganfall erleiden kann. Mir ging es so, um ein Haar wäre es noch viel schlimmer ausgegangen. Ich möchte zur Aufklärung beitragen, denn schnelle Hilfe kann entscheidend sein. Und diese gibt es, wenn man sie ruft.“

Die Station zum Beitrag:

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