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20.12.2016 | Rettungsbericht

Eine Geschichte des Lebens, nicht des Sterbens

  • Freudiges Wiedersehen nach sieben Jahren: Pilot Martin Beitzel lud Franziska Liebhardt zu einem Stationsbesuch in Mannheim ein. Für beide ein ganz besonderer Moment.
    Freudiges Wiedersehen nach sieben Jahren: Pilot Martin Beitzel lud Franziska Liebhardt zu einem Stationsbesuch in Mannheim ein. Für beide ein ganz besonderer Moment.
  • In der Kabine des Hubschraubers tauschen Franziska Liebhardt und Pilot Martin Beitzel Erinnerungen aus an den Tag, als die Bremer Luftretter die schwerkranke Sportlerin nach Hannover transportierten.
    In der Kabine des Hubschraubers tauschen Franziska Liebhardt und Pilot Martin Beitzel Erinnerungen aus an den Tag, als die Bremer Luftretter die schwerkranke Sportlerin nach Hannover transportierten.
  • Anschließend erklärt der frühere Bremer Pilot und heutige Stationsleiter in Mannheim seinen Arbeitsbereich: das Cockpit der BK 117.
    Anschließend erklärt der frühere Bremer Pilot und heutige Stationsleiter in Mannheim seinen Arbeitsbereich: das Cockpit der BK 117.
  • Gespannt lauschen die Mannheimer Luftretter Franziska Liebhardts unglaublicher Geschichte. "Ich kann nur den Hut ziehen vor dem, was Franzi geleistet hat, und bin beeindruckt, wie sie ihr Leben meistert", so Pilot Martin Beitzel.
    Gespannt lauschen die Mannheimer Luftretter Franziska Liebhardts unglaublicher Geschichte. "Ich kann nur den Hut ziehen vor dem, was Franzi geleistet hat, und bin beeindruckt, wie sie ihr Leben meistert", so Pilot Martin Beitzel.
  • Und auch die Erlebnisse in Rio dürfen nicht fehlen, allen voran der Gewinn der beiden paralympischen Medaillen, die Franziska Liebhardt mitgebracht hat.
    Und auch die Erlebnisse in Rio dürfen nicht fehlen, allen voran der Gewinn der beiden paralympischen Medaillen, die Franziska Liebhardt mitgebracht hat.

Rio 2016, Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt kämpfen in der Stadt am Zuckerhut um paralympisches Edelmetall. Eine von ihnen ist Franziska Liebhardt. Während der letzten Jahre hat die 34-jährige Kugelstoßerin nur für diesen einen Moment trainiert. Dafür hat sie ihre Heimatstadt verlassen, ihren Beruf auf Eis gelegt und sich einer neuen Trainerin, der früheren Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, angeschlossen. Das Ziel ist die Goldmedaille. Doch um die große Favoritin Na Mi aus China zu schlagen, die seit 2008 jeden Wettbewerb gewann, muss an diesem Tag alles stimmen. Franziska Liebhardt hat nur eine Chance, um sich ihren großen Traum zu erfüllen.

Würzburg 2008, von ihrem Arzt erhält Franziska Liebhardt eine Nachricht, die sie bis ins Mark erschüttert: Die Autoimmunerkrankung, unter der sie seit 2005 leidet, zerstört ihre Lunge. Retten kann sie nur noch ein Spenderorgan. Ihr bleibt maximal noch ein Jahr Lebenszeit. „Wenn du Mitte 20 bist, glaubst du nicht, dass du in einem Jahr tot sein kannst. Ich wollte keine Transplantation, habe viel recherchiert und intensiv nach Alternativen gesucht. Doch die einzige war der Tod“, erinnert sich die Würzburgerin.

Ihr Gesundheitszustand nimmt rapide ab, die Zerstörung der Lunge schreitet weiter voran, der Körper wird immer schwächer. „Im Sommer 2008 konnte ich schon keine Treppen mehr gehen, musste mich die Stufen teilweise mühsam hinaufschieben. Ende des Jahres lag ich schließlich nur noch im Bett, konnte mich nicht einmal mehr selbst waschen. Jede kleinste Bewegung war für mich eine enorme Anstrengung.“

Wie ein Gürtel, der einen zu fest umschnallt

Anfang Februar 2009 wird Franziska Liebhardt auf der Warteliste der Organvergabezentrale Eurotransplant in die Kategorie „urgent – dringend“ und bereits im März 2009 weiter in die Kategorie „high urgent – hochdringlich“ eingestuft. Zu diesem Zeitpunkt kann sie nicht mehr sitzen, nicht mehr sprechen, nicht mehr essen. „Das Atmen fühlte sich an, als ginge keine Luft in die Lunge, als würde man vergeblich gegen einen Gürtel atmen, der einen fest umschnallt hat – zu fest.“ Die junge Frau wird in die Klinik in Bad Fallingbostel überwiesen, wo man auf die Versorgung schwer lungenkranker Patienten spezialisiert ist. Dort beginnt sie gedanklich mit ihrem Leben abzuschließen.

An die wohl schwierigsten Tage ihres Lebens wird sich Franziska auch am 14. September 2016 in Rio noch erinnern. Zunächst gilt ihre volle Konzentration jedoch der Kugel, die sie in der rechten Hand hält. Tausende Zuschauer füllen das legendäre Maracanã-Stadion in Rio, feiern die Athleten frenetisch, immer wieder brandet Jubel auf. Doch Franziska Liebhardt blendet alles um sich herum aus. Unzählige Male hat sie den nun folgenden Ablauf trainiert, das optimale Zusammenspiel von Kraft und Technik. Kleinigkeiten werden über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

Kleinigkeiten können auch über Leben und Tod entscheiden. Doch der Gedanke, mit dem Franziska im März 2009 konfrontiert wird, ist alles andere als eine Kleinigkeit: Ihre Zukunft hängt vom Tod eines anderen Menschen ab. „Dieser Gedanke, dass jemand für mein Leben sterben muss, war sehr schwierig für mich, denn man darf ja nicht darauf hoffen, dass jemand stirbt. Meine Seelsorgerin hat mir beim Umgang mit diesem Thema sehr geholfen.“ Auch der eigene Tod ist ein zentrales Thema dieser Gespräche. Denn je länger Franziska auf eine geeignete Lunge warten muss, desto größer ist die Gefahr, dass sie diese nicht rechtzeitig erhalten wird.

„Aufgeben entfällt heute“

Ein Abschied von der Familie ist zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Option: „Wir haben nur über organisatorische Dinge besprochen, zum Beispiel wo was zu finden ist, falls ich mal nicht mehr da sein sollte. Vielleicht traut man sich in einer solchen Situation einfach nicht, sich emotional zu verabschieden, weil man sich dem Tod dann schon zu sehr hingibt.“ Doch Franziska hat bereits festgehalten, was sie ihrer Familie noch mitteilen möchte, falls sie sterben sollte. Dieser Abschied liegt daheim auf ihrem Schreibtisch, verpackt in einem Briefumschlag. Keiner würde diesen Umschlag auch nur berühren, solange noch ein Funken Hoffnung besteht. Ein Schild an der Zimmerwand in der Klinik Fallingbostel, gestaltet von einer Freundin, steht sinnbildlich für den Kampf, den Franziska mit letzter Kraft führt: „Aufgeben entfällt heute, wegen is‘ nicht“, ist darauf zu lesen.

Doch die Hoffnung scheint endgültig zu schwinden, als sich Franziskas Zustand erneut dramatisch verschlechtert. Die Ärzte in der Klinik Fallingbostel entscheiden, die damals 27-Jährige ins Transplantationszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zu verlegen. Ein Spenderorgan ist zwar noch immer nicht gefunden, aber wenn es so weit sein wird, zählt jede Minute. Und dies gilt auch für den anstehenden Transport der geschwächten Patientin. Dieser muss aber nicht nur möglichst schnell erfolgen – vor allem muss die Beatmung exakt beibehalten werden.

„Franziska wurde nicht über einen Schlauch beatmet, was eine Narkose vorausgesetzt hätte, sondern über eine Maske, die so fest auf dem Gesicht sitzt, dass ein Druck in der Lunge aufrecht erhalten werden kann“, erklärt Torsten Freitag, Rettungsassistent der DRF Luftrettung in Bremen. „Es gab 2009 noch nicht viele Geräte, die diese Beatmungsform unter Beibehaltung aller voreingestellten Beatmungsparameter während eines Intensivtransports fortführen konnten. Bei der DRF Luftrettung verfügten wir aber bereits über ein solches Gerät.“

Am 1. April 2009 um 12:53 Uhr starten die Bremer Luftretter in Richtung Bad Fallingbostel, wo Pilot Martin Beitzel den Hubschrauber auf einem abgesperrten Bereich landet. „Ich erinnere mich noch genau an die Stimmung vor Ort, für alle war es etwas Besonderes, dass der Hubschrauber kam“, beschreibt Franziska Liebhardt die Situation. Notarzt Dr. Frank Kallmeyer und Rettungsassistent Torsten Freitag übernehmen die Patientin von den Klinikärzten. „Der Wechsel auf unser Beatmungsgerät musste schnell gehen, denn ein Druckverlust hätte zum Kollabieren der Lunge führen können“, so der Bremer Rettungsassistent. Alles läuft reibungslos, schon kurz darauf befinden sich Patientin und Luftretter bereits an Bord von Christoph Weser, dem Bremer Hubschrauber der DRF Luftrettung.

Die fliegende Hoffnung

Pilot Martin Beitzel startet die Rotoren, die Kufen verlassen den Boden – und in Franziska Liebhardt keimt Hoffnung auf: „Ich dachte: Wenn es noch jemand schafft, mich lebend nach Hannover zu bringen, dann sind das diese Menschen. Sie machten mir Mut, ich fühlte mich sehr gut aufgehoben und zuversichtlich.“ Und auch Torsten Freitag erinnert sich noch gut an die Patientin: „Sie wirkte sehr robust, ihre positive Einstellung und ihr ausgeprägter Lebenswillen waren deutlich zu spüren. Das waren beste Voraussetzungen für den steinigen Weg, der noch vor ihr lag. Doch dieser weitere Weg hing zunächst von einer Spenderlunge ab. Und es war nicht abzusehen, ob diese rechtzeitig zur Verfügung stehen würde.“

Die Ärzte der MHH übernehmen den Kampf um Franziskas Leben und müssen sie nach wenigen Tagen bereits in ein künstliches Koma versetzen. Dann ein Anruf, eine mögliche Spenderlunge. Doch der behandelnde Chirurg entscheidet sich dafür, die Lunge abzulehnen. Denn das Organ ist nach seiner Einschätzung nicht als dauerhafte Lösung geeignet und er hat Zweifel daran, dass seine Patientin eine zweite Operation überleben würde. „Für mich war es gut, dass ich diese schwierige Entscheidung nicht habe mittragen müssen“, erzählt Franziska Liebhardt. „Der Chirurg hat mir im Nachhinein davon berichtet und sagte dann zu mir: ‚Wenn ich Sie heute so sehe, war das die beste Entscheidung meines Lebens.‘“

„Heute“ – das ist die Franziska Liebhardt, die sich ins Leben zurückgekämpft hat. Und die Leistungssportlerin, die sich im Sommer 2016 im Maracanã-Stadion in Ausgangsposition bringt. Noch einmal durchatmen, volle Konzentration, alles muss nun passen. Franziska gleitet in Stoßrichtung, richtet sich auf und stößt die Kugel von sich. Und sie fliegt, fliegt immer weiter … und landet schließlich bei unglaublichen 13,96 Metern – Weltrekord! Die favorisierte Chinesin kann nicht kontern. Franziska Liebhardt gewinnt Gold, es ist der größte sportliche Erfolg ihres Lebens bei ihren ersten Paralympischen Spielen, die auch ihre letzten sein werden. Kleinigkeiten haben an diesem Tag zugunsten ihres Erfolgs entschieden.

Und eine Kleinigkeit hat 2009 auch zugunsten ihres Lebens entschieden: „Es war die bewusste Entscheidung einer Frau, die ich nie kennenlernen konnte und die ich doch für immer in meinem Herzen tragen werde.“ Diese Frau verunglückte bei einem Motorradunfall, doch sie trug einen Organspendeausweis bei sich, um im Falle eines Unglücks ihrem Tod zumindest noch einen Sinn zu geben. „Und ich denke, dass es für sie noch etwas Versöhnliches hätte, wenn sie wüsste, dass sie mit dieser Entscheidung einem anderen Menschen das Leben schenkte.“

„Ich dachte, dass die Ärzte mich verwechseln“

Am 22. April 2009 wird Franziska Liebhardt operiert, alles verläuft problemlos, der Körper nimmt die Lunge an. Als Franziska wieder aufwacht, ahnt sie von all dem noch nichts. „Ich hörte ein Gespräch zwischen zwei Ärzten, die über die gelungene Transplantation sprachen. Und ich dachte zunächst, dass sie mich verwechseln.“ Auch in den Folgetagen wagt sie nicht zu glauben, dass alles gut gegangen ist. Erst als nach etwa einer Woche die Atemwerte gemessen werden und sie die Ergebnisse sieht, laufen Tränen über ihre Wangen. „Das war für mich der Moment, in dem klar war: Es hat wirklich funktioniert.“

Vor ihrer Erkrankung hat Franziska Liebhardt Leistungssport betrieben. Ihre Ärzte ermutigen sie, auch mit der Spenderlunge etwas Sport zu treiben. Doch mit „etwas Sport“ gibt sich Franziska nicht zufrieden. „Man sollte nie sagen, dass etwas nicht geht, bevor man es nicht versucht hat. Ich spürte schnell, dass ich meinen Körper zunehmend belasten kann. Und obwohl die Ärzte meinten, dass Leistungssport wohl nicht mehr möglich wäre, merkte ich immer weitere Fortschritte.“ Franziska Liebhardt gewinnt Medaillen bei mehreren Wettkämpfen von Organtransplantierten.

Doch ihre Autoimmunerkrankung bleibt unheilbar – und greift erneut Organe an: Im Jahr 2012 sind beide Nieren zerstört. Eine Lebendspende ihres Vaters verhindert eine längere Zeit an der Dialyse. Dann der nächste Rückschlag, die Erkrankung greift das Nervensystem an. Franziska erleidet einen Schlaganfall, der zu Teillähmungen ihrer rechten Körperhälfte führt. Doch die gebürtige Würzburgerin setzt ihren Weg unbeirrt fort. „Man muss rausgehen, leben so gut es geht. Und versuchen, was möglich ist. Denn dann wird man sehen, was alles möglich ist. Auch Dinge, an die man vorher nicht geglaubt hat.“

Aufgrund ihrer Halbseitenspastik kann Franziska als körperbehindert klassifiziert werden und im paralympischen Sport antreten. Die Koordination ihrer rechten Körperhälfte ist gestört, der Muskelonus ist zu hoch, wegen der Teillähmungen kann z. B. ihre rechte Hand nicht immer von alleine loslassen. Es ist genau die Hand, mit der sie paralympisches Gold stößt. Und schon wenige Stunden später gewinnt Franziska Liebhardt in Rio Silber im Weitsprung – durch einen Absprung mit dem teilgelähmten Bein.

Organspende bedeutet nicht einfach ein Weiterleben

All diese Momente hätte Franziska Liebhardt nie erlebt, hätte sie nicht rechtzeitig eine neue Lunge erhalten. „Ich weiß, dass ich großes Glück hatte. In Bad Fallingbostel waren wir damals ein Clique von mehreren Leuten. Davon leben heute nur noch zwei, eine davon bin ich. Leider sind noch immer viel zu wenige Menschen bereit, im Todesfall die eigenen Organe zu spenden. Ich bin schon mehreren Menschen begegnet, die sagen, sie seien keine Organspender, weil man nach einer Transplantation ja nicht gesünder wäre. Das stimmt aber nicht. Ich bin nur eines von vielen Beispielen dafür, die zeigen, dass eine Organspende nicht einfach nur ein Weiterleben bedeutet, sondern ein besseres Leben. Viele haben auch Angst, dass man bei der Entnahme eines Organs noch etwas spüren könnte. Das ist bei einem irreversiblen Ausfall der Gehirnfunktion jedoch unmöglich.“

Franziska Liebhardt hofft, dass sie durch ihre Geschichte darauf aufmerksam machen kann, was ein Organspendeausweis bewirken kann. „Man muss sich doch nur fragen: Würde ich ein Spenderorgan annehmen, wenn ich es benötige oder einer meiner Angehörigen? Wer das bejaht, sollte auch bereit sein, selbst zu spenden. Man sollte nicht nur nehmen wollen, sondern auch geben können.“

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