03.06.2016 | Rettungsbericht

Eine unsichtbare Gefahr mitten im Schwarzwald

  • Beinahe verloren Konrad und Thomas Hermann ihr Leben in einem Gülleschacht. Heute sind sie dankbar für ihre schnelle Rettung.
    Beinahe verloren Konrad und Thomas Hermann ihr Leben in einem Gülleschacht. Heute sind sie dankbar für ihre schnelle Rettung.
  • Die Besatzungen der DRF Luftrettung aus Villingen-Schwenningen und Freiburg waren vor Ort, um den Landwirt und dessen Sohn medizinisch zu versorgen und anschließend schnell in ein geeignetes Krankenhaus zu transportieren.
    Die Besatzungen der DRF Luftrettung aus Villingen-Schwenningen und Freiburg waren vor Ort, um den Landwirt und dessen Sohn medizinisch zu versorgen und anschließend schnell in ein geeignetes Krankenhaus zu transportieren.

Eine weiße Schneekrone ziert die Spitze des Felsbergs. Noch glitzert in höheren Lagen die weiße Pracht in der Sonne, doch sie schmilzt langsam dahin. Es ist einer der letzten richtigen Wintertage in diesem Jahr. Perfekt für Spaziergänge. Dies sollte sich noch als Glücksfall für Landwirt Konrad Hermann und seinen Sohn Thomas herausstellen.

Gegen Nachmittag nutzt eine Frau das schöne Wetter für eine Wanderung durch die winterliche Landschaft. Auf einem Schwarzwälder Bauernhof trifft sie den Landwirt bei der Arbeit. Gerade beugt er sich über einen geöffneten Schacht im Boden vor zwei Güllebehältern. Über den Winter hat sich im linken Behälter mehr und mehr Kuhmist angesammelt, welcher nun durch den Verbindungskanal zum rechten Container fließt. Interessiert spricht die Spaziergängerin Konrad Hermann an. „Warten Sie einen Moment“, entgegnet dieser. „Irgendetwas klemmt unten im Schacht. Ich muss kurz die Schieber zu machen, sonst läuft hier Gülle über.“ Dann steigt er ein Stück hinunter in das zwei Meter tiefe Loch, um die Schiebevorrichtung mit einem kräftigen Tritt zu schließen. Doch plötzlich verliert Konrad Hermann den Halt, stürzt und bleibt auf dem Schachtboden reglos liegen.

Helfender Sohn in Lebensgefahr

Erschrocken ruft die Spaziergängerin laut nach Hilfe. Um die Hausecke herum eilt der 29-jährige Sohn Thomas Hermann herbei. Völlig außer Atem entdeckt er seinen Vater auf dem Schachtboden liegen. „Ich dachte nur, dass er gestürzt sei, und wollte ihm schnell helfen“, erzählt Thomas Hermann. Voller Angst um seinen Vater klettert er sofort die Sprossenleiter hinunter. Unten angekommen, rüttelt der junge Mann an seinem Vater, versucht, ihn hochzuziehen. „Doch auf einmal drehte sich alles um mich …“

Thomas Hermann verliert ebenfalls das Bewusstsein und fällt auf seinen Vater. Die weiteren herbeigeeilten Helfer ahnen: Hier sind giftige Gase im Spiel. Sie entstehen, wenn Gülle unter Sauerstoffausschluss abgebaut wird. Kohlendioxid, Methan und Ammoniak werden kontinuierlich freigesetzt, beim Bewegen der Gülle auch Schwefelwasserstoff. „Während Kohlendioxid erstickend und lähmend auf das Atemzentrum wirkt, können bereits wenige Atemzüge von Schwefelwasserstoff zur Bewusstlosigkeit oder zum Tod führen“, erklärt Hubschraubernotarzt Dr. Jörg Hanusch. Vater und Sohn benötigen schnellstmöglich notärztliche Hilfe. Vor Ort wählt Thomas‘ Schwägerin Helena die 112. Gleichzeitig werden drei kräftige Männer vom nächsten Hof herbeigerufen. Der Landwirt vom Nachbarhof bindet sich ein Seil um die Hüfte, holt tief Luft und steigt mit dem Pulli über Mund und Nase den Schacht hinab. Die beiden anderen Männer stehen bereit, um ihn jederzeit am Seil hochziehen zu können.

Als der Notarztwagen auf dem Hof eintrifft, beugen sich Mutter und Schwägerin gerade über den bewusstlosen Thomas Hermann. Sie drücken auf seine Brust und versuchen, ihn zu reanimieren. Landwirt Konrad Hermann dagegen zeigt zumindest geringe Lebenszeichen und öffnet kurz die Augen. Der bodengebundene Notarzt erkennt sofort, dass hier die schnelle Hilfe der Luftrettung benötigt wird.

Alarm bei Christoph 11 und Christoph 54

An der höchstgelegenen Station der DRF Luftrettung in Villingen-Schwenningen schrillt der Alarm. Kurz darauf hebt der rot-weiße Rettungshubschrauber Christoph 11 mit Pilot Thomas Carl, Hubschraubernotarzt Dr. Christoph Maier und Rettungsassistent Michael Werner ab. Wenige Minuten später landet die Besatzung auch schon auf der zugeschneiten Wiese oberhalb des Hofes. Schnellen Schrittes stapfen Dr. Christoph Maier und Michael Werner durch den Schnee und übernehmen die medizinische Versorgung des verunglückten Landwirts. Nur sehr langsam reagiert er auf Ansprachen. Sofort beginnen Notarzt und Rettungsassistent, ihn von der ätzenden Gülle zu befreien. Dabei stellen sie fest, dass diese auch in Augen, Nebenhöhlen und Lunge gelangt ist. Konrad Hermann muss unverzüglich in eine Spezialklinik geflogen werden.

Kurz nach Christoph 11 landet ein zweiter rot-weißer Hubschrauber: Christoph 54 aus Freiburg. Während Pilot Reinhard Drescher noch das Triebwerk drosselt, eilen Hubschraubernotarzt Dr. Jörg Hanusch und Rettungsassistent Marc Schwehr schon dem Sohn zu Hilfe, der durch den bodengebundenen Notarzt inzwischen erfolgreich reanimiert wurde. Der Kreislauf von Thomas Hermann ist mittlerweile wieder stabil.

Doch plötzlich beginnt er, wild zu zucken und um sich zu schlagen. „Er erlitt einen hypoxischen Krampfanfall. Sein Gehirn bekam nicht mehr ausreichend Sauerstoff, weswegen wir ihn durch eine Narkose in ein künstliches Koma versetzen und ihn beatmen mussten“, erklärt Dr. Jörg Hanusch. Anschließend wird Thomas Hermann schnellstmöglich mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik in Freiburg gebracht. „Sein Gehirn drohte durch den Sauerstoffmangel anzuschwellen und hätte dadurch einen hohen Druck gegen die Schädelwand erzeugt. Um sein Gehirn davor zu schützen, wurde sein Kopf in der Klinik für 24 Stunden auf 32 Grad gekühlt“, so der Hubschraubernotarzt der DRF Luftrettung.

Die Maßnahme führt zum Erfolg: Nach seinem Erwachen aus dem künstlichen Koma ist Thomas Hermann wieder bei vollem Bewusstsein und kann sich an alle Einzelheiten erinnern. „Als ich im Krankenbett aufwachte, galt mein erster Gedanke meinem Vater. Umso mehr freute ich mich, als er mich schon zwei Tage später im Krankenhaus besuchen konnte.“ Zwar spüren Vater und Sohn noch mehrere Wochen die Auswirkungen ihres Unfalls, doch beiden geht es von Tag zu Tag besser. „Von ganzem Herzen möchte ich mich bei allen Helfern bedanken! Dass es meinem Vater und mir wieder so gut geht, liegt an der schnellen und richtigen Reaktion der Ersthelfer, des Notarztes und der Besatzungen der DRF Luftrettung“, so Thomas Hermann. Hubschraubernotarzt Dr. Jörg Hanusch ergänzt: „Auch die Verwandten der beiden Verunglückten haben goldrichtig reagiert. Bei Atemstillstand gilt: Je früher der Betroffene reanimiert wird, desto besser. Hier kann man auch als Laie nur eines verkehrt machen: Nichts zu unternehmen!“ Wie leicht die Laienreanimation ist, zeigt das Video der Initiative 100 Pro Reanimation.

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