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29.08.2017 | Rettungsbericht

„Es war unerträglich, nicht zu wissen, was kommt, was einen erwartet“

  • Eine besondere Verbindung: Lenny (hier vor Christoph 36 aus Magdeburg) nutzt jede Gelegenheit, seinen Helden der Lüfte nahe zu sein.
    Eine besondere Verbindung: Lenny (hier vor Christoph 36 aus Magdeburg) nutzt jede Gelegenheit, seinen Helden der Lüfte nahe zu sein.

Wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt, steht die Welt für die Eltern einen Moment lang still. In diesem Augenblick dreht sich alles um das neugeborene Glück. So ergeht es auch Daniela und ihrer Familie, als ihr Sohn Lenny auf die Welt kommt.

Doch inmitten dieser Glücksgefühle drängt sich diese eine Frage: „Ist mein Kind gesund?“ Nach Lennys Untersuchung suchen die Ärzte des Magdeburger Krankenhauses das Gespräch mit Daniela. Ihre Mienen lassen nichts Gutes erahnen. „Wenn ich an diesen Moment zurückdenke, bekomme ich noch immer ein mulmiges Gefühl“, so die junge Alleinerziehende.

Schwieriger Start ins Leben

Nach Lennys Geburt stehen die Kinderärzte vor einem Rätsel: Warum ist die Sauerstoffsättigung im Körper des Neugeborenen so schlecht ist? Bange Tage der Ungewissheit vergehen, ehe ein hinzugezogener Kinderkardiologe die Ursache und das komplexe Ausmaß der Erkrankung entdeckt. Der Arzt stellt eine angeborene Fehlbildung des Kreislaufsystems fest. „Er sprach von einem Herzfehler aufgrund komplizierter Gefäßmissbildungen an und um Lennys kleines Herzchen“, versucht die junge Mutter die Diagnose in Worte zu fassen. Akute Lebensgefahr ist nicht auszuschließen. „Das war ein Schock für mich“.

Während das Baby unter intensivmedizinischer Beobachtung im Magdeburger Klinikum bleibt, verschlechtert sich dessen Zustand zunehmend. Eine dringende Operation ist nötig, doch hierzu muss der Neugeborene in das rund 150 km entfernte Herzzentrum nach Berlin transportiert werden. Transporte von schwerkranken Säuglingen über größere Entfernungen sind eine Herausforderung – vor allem aber auch eine Belastung für die kleinen Patienten. Schonend und schnell muss es gehen, und es wird ein Inkubator benötigt. Für die Ärzte ist in diesem Moment klar: Es kann nur über die Luft gehen.

Um kurz vor halb zwei an jenem Tag geht bei Christoph Sachsen-Anhalt, dem in Halle stationierten Intensivtransporthubschrauber der DRF Luftrettung, der Alarm ein. „Dringender Patiententransport eines Neugeborenen von Magdeburg nach Berlin innerhalb der nächsten zwei Stunden“, so lautete der Auftrag für die rot-weißen Luftretter. „Der Hallenser Hubschrauber ist für Transporte von Intensivpatienten optimal ausgestattet. Denn für den Transport von Babys ist ein Inkubator nötig, ein Brutkasten, der die kleinen Patienten während des Fluges wärmen und notfalls auch beatmen kann“, erklärt Rettungsassistentin Yvonne Hackel-Mühl, die an jenem Tag im Dienst ist. „Die Inkubatoren sind dabei speziell für den Einsatz im Hubschrauber angepasst, was Funktionalität und Gewicht betrifft.“ Sofort beginnt Yvonne Hackel-Mühl den Hubschrauber auf den kommenden Einsatz vorzubereiten. Um Platz für den Inkubator zu schaffen, wird die Trage, die sonst für Patiententransporte genutzt wird, aus dem Hubschrauber entfernt. Nach kurzem Umbau geht es auch schon los. Pilot Steffen Kühn startet die Triebwerke. Die Rotorblätter drehen sich schneller und schneller, bis sie ineinander verschwimmen.

Als Pilot Steffen Kühn und Rettungsassistentin Yvonne Hackel-Mühl nach kurzem Flug am Magdeburger Klinikum landen, werden sie vom Ärzteteam erwartet. Statt eines Notarztes steht ein Pädiater an Lennys Seite. „In solchen Fällen wird auf einen Notarzt verzichtet und ein spezieller Kinderarzt mitgenommen, um die Betreuung der kleinen Patienten während des Fluges zu übernehmen“, erklärt Yvonne Hackel-Mühl. Auch Mutter Daniela ist an Lennys Seite, aufgelöst und den Tränen nahe. „Panik machte sich in mir breit, dieser Moment war für mich wie in einem Horrorfilm. Ich konnte nur tatenlos zusehen und wollte meinen kleinen Sohn ungern hergeben. Es war unerträglich, nicht zu wissen, was kommt, was einen  erwartet. Sofort kam einer der Luftretter auf mich zu und erklärte mir ruhig und präzise, wie der Flug verlaufen würde und dass sie gut auf Lenny aufpassen würden“, erzählt sie. „Ich sollte mir keine Sorgen machen.“ Einfache Worte, vertrauensvolle Worte, die im richtigen Moment, im richtigen Ton dazu beigetragen haben, den Schmerz besser zu ertragen. Der kleine Patient im Inkubator wird an die Sauerstoffzufuhr angeschlossen und der Monitor zur Überwachung der Vitalfunktionen aktiviert. Eine Kinderkrankenschwester nimmt gemeinsam mit dem Pädiater im Hubschrauber Platz, ganz nah am kleinen Lenny. Die Blicke der jungen Mutter verfolgen den Flug des rot-weißen Hubschraubers noch für die wenigen Sekunden, ehe er am Horizont verschwindet.

Ein Flug ins neue Leben

Über Felder, Wiesen und den Verkehr der Autobahnen und Landstraßen hinweg steuert Pilot Steffen Kühn die fliegende Intensivstation direkt Richtung Berlin. In nur 40 Flugminuten legen sie die weite Strecke in die Bundeshauptstadt zum Deutschen Herzzentrum zurück. Was jetzt kommt, liegt nicht mehr in den Händen der rot-weißen Retter. Es folgt eine komplexe Herzoperation, die über Gesundheit und Leben des kleinen Lenny entscheiden wird.

Drei Jahre nach diesem schwierigen Start ins Leben hält die Besatzung der Hallenser Station einen Dankesbrief mitsamt einem Bild in der Hand. Auf ihm ist der kleine Lenny zu sehen, wie er stolz einen kleinen Hubschrauber in die Kamera streckt: Es geht ihm gut. Die ersten Lebensmonate hat er dank seiner eigenen Stärke und der Hilfe aller beteiligten Ärzte, Krankenschwestern, den Luftrettern und des in Halle stationierten Hubschraubers gut überstanden. „Ich bin davon überzeugt, dass ohne den Hubschrauber seine Überlebenschancen gering gewesen wären“, blickt Mutter Daniela zurück. „Die ersten Wochen in Lennys Leben haben tiefe Spuren in mir hinterlassen und ich denke auch heute noch oft an diese Zeit zurück, auch wenn ich von Glück sprechen kann, dass alles gut ausgegangen ist. Für Lenny sind alle Hubschrauber Helden der Lüfte. Der Hubschrauber aus Halle ist zu einem wichtigen Puzzleteil in unserem Leben geworden. Und jedes Mal, wenn wir den Hubschrauber sehen, fühlt es sich vertraut an und ich spüre dabei eine große Dankbarkeit.“

Die Erkrankung hat auch heute noch Auswirkungen. Auch wenn sein Immunsystem eigentlich normal ist, sind bei einem Infekt absolute Vorsicht und engmaschige ärztliche Kontrollen angesagt. Denn dann geht es mit Lennys Gesundheitszustand schnell bergab: Die Sauerstoffsättigung im Körper sinkt, die Lunge und Bronchien werden angegriffen, Herzgeräusche und hohes, andauerndes Fieber suchen den kleinen Jungen heim. „Im Februar 2016 kam es sogar so weit, dass er nicht mehr laufen konnte und seine Sprache wochenlang schwammig war. Doch das hat sich zum Glück wieder gelegt. Jetzt kann er wieder lachen und herumtollen.“ Wenn Lenny im Klinikum Magdeburg ist, nutzt er jede Gelegenheit, den dort stationierten Rettungshubschrauber Christoph 36 zu besuchen. Bei seinem letzten Besuch ging für ihn ein Traum in Erfüllung. „Als er strahlend am Zaun stand, kam ein Pilot auf ihn zu und fragte, ob er nicht reinkommen mag. Er war so glücklich. Wenn er etwas älter ist, werde ich mit ihm auch mal nach Halle fahren, um ‚seinen‘ Christoph wiederzusehen. Denn Lenny ist sein größter Fan.“

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