06.06.2016 | Rettungsbericht

„Ich spürte einen lauten Knall im Kopf. Die Schmerzen waren kaum auszuhalten.“

  • Als ein Aneurysma in ihrem Kopf platzt, steht Christina Plaths Leben auf der Kippe. Dass sie heute wieder lachen kann, verdankt sie auch der schnellen Hilfe der DRF Luftrettung.
    Als ein Aneurysma in ihrem Kopf platzt, steht Christina Plaths Leben auf der Kippe. Dass sie heute wieder lachen kann, verdankt sie auch der schnellen Hilfe der DRF Luftrettung.

Nur noch wenige Minuten bis zu ihrem Vortrag, Christina Plath geht gedanklich noch einmal alles durch. Seit Tagen leidet sie unter anhaltenden Kopfschmerzen, doch sie glaubt, dass diese Teil ihrer Erkältung wären. Plötzlich erfasst sie ein starker Schmerz, wie ein lauter Knall in der rechten Gehirnhälfte. Die 41-Jährige ist erschrocken, doch sie versucht, sich zusammenzureißen. Eine halbe Stunde wird ihr Vortrag dauern, sie möchte ihn unbedingt halten. Sie ahnt nicht, dass sie bereits in akuter Lebensgefahr schwebt.

„Rehabilitation am Lebensende – ein Widerspruch?“, so lautet das Thema der Physiotherapeutin. Christina Plath ist spezialisiert auf die Palliativmedizin, die auf die Linderung von Symptomen unheilbarer Erkrankungen abzielt. Bei den Internationalen Sylter Palliativtagen ist die Göttingerin als Rednerin eingeladen.

Und tatsächlich: Sie hält den Vortrag – und sich selbst auf den Beinen. „Ich spürte, dass ich immer wackeliger wurde. Und als ich fertig war, konnte ich nicht mehr richtig stehen. Es war wie ein starkes Krankheitsgefühl, das mich komplett erfasst hatte.“

Hotelzimmer statt Notruf

Sie sucht zunächst den Weg ins Hotelzimmer, dann ruft sie einen der Ärzte an, der ebenfalls an der Tagung teilnimmt. „Er machte sich gleich auf den Weg. Als er mich dann sah und ich ihm meine Schmerzen beschrieb, wählte er sofort die 112. Heute kann ich mir nicht erklären, warum ich das nicht selbst getan und so lange gewartet habe. Aber wer wählt bei Kopfschmerzen gleich den Notruf?“

Ein bodengebundener Notarzt aus Westerland trifft ein. Er weiß bereits, dass die Uhr für Christina Plath tickt. Im Rettungswagen geht es zügig zur nördlichsten Klinik Deutschlands, der Asklepios Nordseeklinik Westerland/Sylt. „Die Schmerzen wurden immer schlimmer und waren kaum auszuhalten“, beschreibt die 41-Jährige ihren Zustand. Die medizinische Skala zur Einordnung von Schmerzen reicht von 1 bis 10, Christina Plath liegt bei 9. „Ich habe drei Kinder ohne Schmerzmittel auf die Welt gebracht. Das war ein Spaziergang im Vergleich zu den Kopfschmerzen an diesem Tag.“

Nach der Computertomographie entscheiden die Ärzte: In Westerland kann die Patientin nicht bleiben. Eine arterielle Erweiterung in ihrem Kopf, ein sogenanntes Aneurysma, ist geplatzt. Die Hirnblutung muss zügig in einer Spezialklinik behandelt werden. Diese ist in Flensburg – ein Fall für den Rendsburger Hubschrauber der DRF Luftrettung. Draußen dämmert es schon, doch der Hubschrauber steht auch nachts bereit, um Menschen in Not zu helfen. „Und gerade für die Inseln und Halligen ist die Luftrettung von besonderer Bedeutung“, weiß Tobias Ring, Pilot an Bord von Christoph 42. „Anders kommt man nachts dort nicht schnell weg. Ein Transport am Boden wäre eine kleine Odyssee gewesen.“

In besten Händen

Die Luftretter machen sich sofort auf den Weg nach Westerland, wo Christina Plath leicht aufrecht auf einem Krankenhausbett liegt und Kopf und Körper möglichst still halten muss. „Als die Luftretter aus Rendsburg ankamen, begrüßten sie mich freundlich und erklärten mir ruhig, was nun auf mich zukommen würde. Ich fühlte mich sofort in besten Händen.“ Es sind die Hände von Hubschraubernotarzt Dr. Ole Krautwald, Rettungsassistent Jörg Naguschewski, Pilot Tobias Ring und Copilot Daniel Hülsing.

„Ich erinnere mich gut an Christina Plath. Trotz der lebensbedrohlichen Situation machte sie einen ruhigen, fast unbesorgten Eindruck“, berichtet Notarzt Dr. Ole Krautwald. „So fühlte ich mich auch“, ergänzt die Göttingerin. „Ich hatte totales Vertrauen und zu keiner Zeit Angst, dass etwas schief gehen könnte. Sorgen machte ich mir nur um meine Familie und wie sie wohl mit der Situation umgehen würde.“

Zum Zeitpunkt des Transports kämpft Christina Plath bereits mit einer Überempfindlichkeit ihrer Augen und Ohren. „Eine erhöhte Licht- und Lärmempfindlichkeit sind neben ungewöhnlich starken Kopf- und Nackenschmerzen, neurologischen Ausfällen und einer Schonhaltung des Körpers wie ein ungeborenes Baby typische Symptome für diese Erkrankung“, erklärt Dr. Ole Krautwald. „Wer solche Symptome bemerkt, sollte schnellstmöglich einen Arzt konsultieren.“

Schnell und schonend zur lebensrettenden Operation

Vor dem Start des Hubschraubers erhält die Göttingerin einen Kapselgehörschutz. „Tatsächlich machte mir der Lärm des Hubschraubers dann gar nichts aus. Die spätere Fahrt im Rettungswagen dagegen war ein Horror für meinen Kopf, vor allem wegen der Erschütterungen, die man im Hubschrauber nicht hat.“ Nur 30 Minuten dauert der Transport von Westerland nach Flensburg. „Unterwegs deutete der Notarzt dann auf das Fenster. Ich blickte hindurch und sah die Sonne im Meer versinken – ein wunderschöner Anblick. Es passte merkwürdigerweise zum Gefühl, das ich von Anfang an und auch später noch hatte: Als läge ich sanft in einer schützenden Hand.“

Nach der Landung am Flensburger Klinikum erfolgt die Übergabe an die Ärzte der Neurochirurgie. Dort entscheidet man sich für einen operativen Eingriff am frühen Morgen. „Bei leichten Blutungen ist dies oft nicht nötig. Wenn das Gehirn aber wie bei Christina Plath zu stark einblutet, kann dies die Hirnmasse quetschen und Blutgefäße abdrücken“, erklärt Dr. Ole Krautwald, Notarzt der DRF Luftrettung. „Das wiederum kann zu bleibenden Schäden führen, zum Beispiel zur Beeinträchtigung von Funktionen wie Sprache oder Bewegung.“ Die Entscheidung fällt auf das sogenannte Coiling, eine Katheterbehandlung, bei der winzige Metallspiralen (Coils) ins Aneurysma geschoben werden, um die Innenwand der Aussackung abzudecken. Dies führt zu einer Stagnation des Blutflusses, das Blut gerinnt und ein Thrombus entsteht, der das Aneurysma verschließt.

Ein Muss, ein Glück

Der Eingriff gelingt ohne Komplikationen. Schon zweieinhalb Wochen später geht es für die Göttingerin in die Reha, unweit ihrer Heimatstadt. „Meine Augen und meine körperliche Fitness sind noch nicht wie vorher, außerdem schlafe ich schlecht, fühle mich immer wie aufgedreht, wenn ich im Bett liege. Aber es geht mir gut und es wird von Tag zu Tag besser. Ich weiß, dass dies auch der Schnelligkeit des Hubschraubers zu verdanken ist. Dass es die Luftrettung gibt, ist ein Muss und ein Glück. Ich bin sehr dankbar dafür und habe deshalb auch die DRF Luftrettung mit einer Spende unterstützt.“

Dass es für Christina Plath so gut ausgegangen ist, ist keine Selbstverständlichkeit, wie Dr. Ole Krautwald weiß: „Viele Menschen sterben an einer starken Hirnblutung oder bleiben danach schwer behindert. Bei Christina Plath war die optimal funktionierende Rettungskette, aber auch ein wenig Glück, entscheidend.“

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