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03.12.2016 | Rettungsbericht

„Ich wollte wegrennen, vor den Schmerzen davonlaufen, aber es ging nicht“

Es ist ein schöner Herbsttag in Baden-Baden. Der Himmel ist blau, die letzten Sonnenstrahlen gleiten über den abendlichen Horizont. Stephan Allgeier nutzt den Moment und dreht noch eine Trainingsrunde auf seinem Rennrad. Als leidenschaftlicher Sportler reizen ihn Extreme. Marathondistanzen mit bis zu 300 Kilometern am Stück sind „sein Ding“. Erst wenige Tage zuvor hat er am Schwarzwald Ultramarathon teilgenommen, und auch die Umrundung des schwedischen Vättern-Sees auf dem Fahrrad hat er im Sommer bereits geschafft.

Ein Moment ändert alles

An jenem Oktobertag vor zwei Jahren nimmt er ausnahmsweise eine Abkürzung durch Baden-Baden. „Für gewöhnlich habe ich die Stadt immer gemieden“, erzählt Stephan Allgeier. Viel lieber nutzt er Strecken in der Natur, umgeben von den Ausläufern des Schwarzwalds und abseits des Verkehrs. Diesmal aber fährt er auf der vielbefahrenen Vorfahrtstraße Richtung Innenstadt und nähert sich langsam einer Kreuzung. Rechts vor ihm taucht aus einer Stoppstraße kommend ein Auto auf, das links abbiegen will. „Ich kann mich noch genau an diesen Moment erinnern, als sich mein Blick mit dem der Fahrerin kreuzte.“ In dem Vertrauen, dass sie ihn bemerkt hat, fährt er weiter. Doch an der Kreuzung gibt das Auto plötzlich Gas und biegt ab. Völlig überrascht versucht Stephan Allgeier noch eine Notbremsung – zu spät. Er stürzt über den Lenker und wird von Vorder- und Hinterrad des Autos überrollt.

„Ich habe niemals zuvor solche Schmerzen verspürt. Schlagartig erfasste mich ein Fluchtreflex. Ich wollte wegrennen, vor den Schmerzen davonlaufen, aber es ging nicht. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Da begriff ich, dass etwas Schlimmes passiert war.“ Regungslos, aber noch bei Bewusstsein, liegt der 47-Jährige mit zertrümmertem Helm auf der Straße. Mehrere Wirbel und fast alle Rippen sind gebrochen und haben die Lunge regelrecht durchbohrt. Der Gesichtsknochen ist komplett vom Schädel getrennt, Ober- und Unterkiefer sind mehrfach gebrochen, wegen der zahlreichen Brüche ist das Gesicht nicht mehr kenntlich. „Bei den Verletzungen ist es eigentlich ein Wunder, dass ich überlebt habe“, staunt Allgeier, als er den Unfall Revue passieren lässt. In seiner Erinnerung sind die nächsten Sekunden und Minuten wie vernebelt. „Ich kann mich noch an zwei Helfer erinnern. Zuerst vernahm ich ihre Schritte, dann hörte ich ihre Stimmen. Es half mir zu wissen, dass jemand bei mir ist.“

Als der bodengebundene Notarzt kurze Zeit später an der Unfallstelle eintrifft, erkennt er sofort die Schwere der Verletzungen und fordert einen Rettungshubschrauber zum Transport an. Wenige Augenblicke später ist die Karlsruher Besatzung der DRF Luftrettung auch schon auf dem Weg nach Baden-Baden.

Nur wenige Minuten später treffen die Luftretter beim Patienten ein und bereiten ihn  umgehend auf den Transport vor: „Der bodengebundene Notarzt hatte ihn zuvor in Narkose gelegt, intubiert und beatmet. Durch das Überrollen des Pkw hatte er einen sogenannten Spannungspneumothorax erlitten, d. h. in seinem Brustkorb war ein lebensgefährlicher Überdruck entstanden, durch den die inneren Organe wie das Herz auf die Seite gedrückt wurden und die Lunge sich nicht mehr richtig entfalten konnte. Eine sofortige Druckentlastung war für den Patienten lebensnotwendig. Daher hat unser Notarzt Dr. Christoph Hirsch links und rechts zwei Thoraxdrainagen angelegt. Dabei wird ein Schnitt mit dem Skalpell im Zwischenrippenraum durchgeführt und die Drainage eingeschoben. Durch den Schlauch konnten die im Brustkorb befindliche Luft sowie Blut entweichen und die Lunge wieder ausreichend belüftet werden“, erklärt der erfahrene Notfallsanitäter.

Von all dem bekommt der Patient nichts mehr mit. In Narkose versetzt, liegt sein Leben nun in den Händen der rot-weißen Luftretter, die ihn auf einer Vakuummatratze fixieren und in den Hubschrauber schieben. Der lebensrettende Flug in das nächste Krankenhaus der Maximalversorgung in Karlsruhe legt die Besatzung von Christoph 43 in wenigen Minuten zurück.

Der Kampf zurück ins Leben

Eine Woche liegt Stephan Allgeier im Koma. Als er wieder die Augen öffnet, beginnt eine dreiwöchige Zeit auf der Intensivstation – und für ihn eine Suche nach den Fakten. „Da mein Kiefer mit Drähten stabilisiert werden musste und zur Beatmung ein Tracheostoma (mit Luftröhrenschnitt) angelegt war, konnte ich nicht reden, nur zuhören, und das habe ich gemacht. Ich habe jedes Arztgespräch aufgesogen, denn ich wollte ja wissen, was mit mir passiert war. Das war meine Art, die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen.“ Der erste Blick in den Spiegel war jedoch wie ein Schock: „Ich sah nur noch Haut und Knochen, mein Brustkorb war völlig deformiert.“

Auch heute, zwei Jahre später, lässt ihn der schreckliche Unfall, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte, nicht los. Täglich wird er von starken Schmerzen heimgesucht. „Wenn ich niese, habe ich das Gefühl, dass es mich innerlich zerreißt.“ Rund 65 Schrauben hielten nach der Operation damals sein Gesicht zusammen. Heute zeugen einzig die Narben von der Qual, die seelischen Narben lassen sich nur erahnen.

Die Suche nach den Helden

Ein weiterer Schritt, mit dem Geschehenen abzuschließen, war der Kontakt zu seinen Hlfern. „Ein Jahr habe ich gebraucht, um das alles zu verarbeiten und mich auf die Suche nach den Rettern zu machen. Das war für mich eine Art Abschiedstour.“ Nach dem Studium der Kranken- und Polizeiakten konnte Stephan Allgeier die beiden Ersthelfer – einen Mann und eine junge Mutter – ausfindig machen und ihnen für das danken, was sie am Unfalltag für ihn getan hatten.

„Erst im Nachhinein habe ich auch realisiert, dass ich mit einem Hubschrauber in die Klinik transportiert wurde, da die geeignete Klinik weit entfernt war. Daher war für mich klar, dass ich den Luftrettern einen Besuch abstatten wollte“, so Stephan Allgeier. „Gerade weil ich davor noch keine Berührungspunkte mit der Luftrettung hatte und nun weiß, dass ohne den Karlsruher Rettungshubschrauber meine Überlebenschancen rapide gesunken wären, wollten meine Partnerin, meine Tochter und ich unbedingt persönlich Danke sagen.“ Notfallsanitäter Marcus Sandrock und Notarzt Dr. Christoph Hirsch führten ihren ehemaligen Patienten erneut in den Hubschrauber, diesmal jedoch aufrecht. „Wir haben ihm das fehlende Puzzlestück gezeigt, an das er sich aufgrund der Narkose nicht erinnern konnte“, so Sandrock.

Von seinen schlimmen Erinnerungen möchte sich Stephan Allgeier trennen, von einer Sache jedoch nicht: „Der zertrümmerte Helm hat einen Ehrenplatz in der Wohnung erhalten. Ohne diesen hätte mit Sicherheit auch das gute Zusammenspiel aller Helfer nicht mehr viel bewirkt.“

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