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20.10.2016 | Rettungsbericht

Letzte Hoffnung Luftrettung: das Wunder vom Kandel

  • Ein besonderer Moment: Unfallopfer Martin Lurker besucht einen seiner Retter, den Freiburger Notfallsanitäter Florian Kramer.
    Ein besonderer Moment: Unfallopfer Martin Lurker besucht einen seiner Retter, den Freiburger Notfallsanitäter Florian Kramer.

Über 100 Einsätze leistet die DRF Luftrettung täglich – und auf jeden einzelnen kommt es an. Denn oftmals zählt jede Sekunde. So auch Martin Lurker. Bei einer Radtour im Sommer hat der sportliche Offenburger sein Ziel schon fest vor Augen: den Gipfel des Kandel. Seit acht Stunden ist er an diesem Tag bereits im Südschwarzwald unterwegs, 180 Kilometer Strecke und 4.500 Höhenmeter stecken in seinen Beinen. Sein Körper ist in Höchstform, seit Monaten trainiert er, um sich seinen großen Traum zu erfüllen: eine fünftägige Fahrt über die Alpen ans Mittelmeer.

Doch plötzlich überrollt ihn von hinten ein Omnibus, der Reifen trifft dabei direkt sein Becken. Als das Fahrzeug zum Stehen kommt, liegt der damals 43-Jährige genau unter der hinteren Einstiegstür. Ein Ersthelfer wählt den Notruf und kümmert sich dann um den Verletzten. „Er hat mich bei Bewusstsein gehalten, bis der Hubschrau­ber kam. Mein Blick glich einem verschwommenen Tun­nel, klar konnte ich nur den Notarzt sehen, als er zu mir lief“, beschreibt Martin Lurker die Situation. „Da hatte ich keine Zweifel mehr, dass alles gut gehen wird.“

Florian Kramer erinnert sich noch genau an diesen Mo­ment: „Als wir Martin Lurker erblickten, war uns sofort klar: Heute besteht die Möglichkeit, dass wir diesen Patienten verlieren. Er hatte mehrere massive Verlet­zungen, die in der Summe kaum zu überleben sind“, so der Freiburger Notfallsanitäter der DRF Luftrettung. „Wir mussten schnellstmöglich die kritischen Blutungen stoppen, allen voran die am Becken und am Unter­schenkel. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sein rechtes Bein verlieren würde, war zu diesem Zeitpunkt groß. Größer war nur die Gefahr, dass er diesen Tag nicht überlebt.“

Ein Kampf ums Überleben

Mehrfache Beckenfraktur, Darmdurchbruch, schwere in­nere Blutungen, offene Fraktur am Unterschenkel, gebro­chene Hüftpfanne, dazu eine Gehirnerschütterung und viele Wunden – Martin Lurker hat zahlreiche lebensbedrohliche Verletzun­gen. „Sein Blutdruck war so niedrig, dass er sich nicht einmal messen ließ“, erinnert sich der erfahrene Notfallsanitäter Florian Kramer. Die Zeit drängt, der Patient muss sofort in eine geeignete Klinik. In Narkose versetzt, an Monitoring und Beatmungsgerät angeschlos­sen, wird Martin Lurker auf der Trage in den rot-weißen Hubschrauber geschoben.

Wenige Minuten später landet Pilot Oliver Barth den Hub­schrauber sicher am Ziel, dem Universitätsklinikum in Frei­burg. Die Ärzte dort erwarten bereits die Besatzung der DRF Luftrettung und ihren Patienten. Alles ist vorbereitet für den weiteren Kampf um Martin Lurkers Leben. Einer, der diesen Kampf an der Uniklinik Freiburg fortführt, ist Oberarzt Dr. Jo­hannes Kalbhenn der Klinik für Anästhesiologie und Intensiv­medizin, der regelmäßig auch als Notarzt der DRF Luftrettung in Freiburg im Einsatz ist. „Die ersten Operationen hatten nur ein Ziel: dass unser Patient nicht stirbt“, erinnert er sich. „Wir mussten die schweren Blutungen stoppen und seinen Kreis­lauf stabilisieren. Dafür benötigten wir insgesamt zwei Tage und etwa 40 Blutkonserven.“

Dr. Johannes Kalbhenn übernimmt Martin Lurkers intensivmedizinische Betreuung. Er entscheidet, wann der Patient stabil genug für weitere Operationen ist. Der zerrissene Enddarm wird schon frühzeitig wiederhergestellt. Das Be­cken hingegen kann erst nach fünf Tagen operiert, das Bein sogar erst nach 20 Tagen vollständig rekonstruiert werden. „Bis dahin war alles drin – von der Amputation des Unterschenkels bis zu einem Bein, das ein Leben lang steif bleibt. Dass Martin Lurker irgendwann vielleicht so­gar wieder Radfahren kann, hätten wir zu dieser Zeit nicht zu träumen gewagt.“

Bereit sich zu quälen

Doch genau das ist Martin Lurkers Ziel, er kämpft sich Stück für Stück zurück in ein Leben, das er ohne fremde Hilfe führen kann. „Von Anfang an hat ihn dabei seine Frau begleitet, die ihm immer zur Seite stand und täglich aufs Neue motivierte. Das ist Gold wert in einer Zeit, in der man unter solch starken Schmerzen leidet, dass man sich nachts nicht einmal auf die Seite drehen kann. Das kann einen zermürben“, so Dr. Johannes Kalbhenn. „Was Mar­tin Lurker geholfen hat, war seine unheimlich gute körper­liche Verfassung. Er war vor dem Unfall vollkommen ge­sund, hatte keinerlei Vorerkrankungen und war körperlich fast auf Profisport-Niveau. Und dann war da noch seine Bereitschaft, sich bei der Physiotherapie extrem zu quälen, trotz der großen Schmerzen. Was er geleistet hat, ist au­ßergewöhnlich und vorbildlich. Was er damit erreicht hat, hat er vor allem sich selbst zu verdanken“, so der erfahre­ne Intensivmediziner. „Sein Bein wird zwar nie wieder so beweglich wie vorher, aber laufen ohne Krücken, auf kei­ne Hilfe angewiesen sein, das kann und wird er schaffen, da bin ich mir sicher.“

Auch Martin Lurker weiß, dass seine körperliche Verfas­sung zum Unfallzeitpunkt entscheidend war: „So gut trai­niert wie damals war ich noch nie in meinem Leben, das war letztlich meine Lebensversicherung. Der Radsport hat mich in diese Situation gebracht, aber er hat mich auch gerettet. Ohne den Hubschrauber wäre das allerdings nicht möglich gewesen.“

Inzwischen sitzt der Offenburger auch schon wieder auf dem Fahrrad. Eine Nachricht, die auch bei Notfallsanitäter Florian Kramer große Freude auslöst: „Es ist einfach schön zu sehen, wie sehr es sich lohnt, bis zur letzten Sekunde sein Bestes zu geben – auch in scheinbar aussichtslosen Situationen. Dieser Einsatz hat uns alles abverlangt. Wir wussten, dass alles schnell und reibungslos funktionieren musste, damit Martin Lurker überhaupt noch eine Chance hat. Es war einer dieser Einsätze, bei denen die professio­nelle Distanz, die man in unserem Beruf haben muss, ein Stück weit einbricht. Er blieb uns tagelang im Kopf.“

Dass Martin Lurker seinen schweren Unfall überlebt hat, verdankt er der DRF Luftrettung – und deren Förderern und Spendern. Denn um Leben retten zu können, ist die gemeinnützig tätige Organisation auf Unterstützung an­gewiesen. „Die Krankenkassen erstatten nur die Kosten, die dem gesetzlich vorgeschriebenen Leistungsumfang entsprechen“, weiß Notfallsanitäter Florian Kramer. „Das Videolaryngoskop, mit dessen Hilfe wir Traumapatienten wie Martin Lurker schnell intubieren und dann beatmen können, mussten wir beispielsweise selbst bezahlen.“ Die DRF Luftrettung hat im Jahr 2015 insgesamt 26,1 Millionen Euro an Förderbeiträgen und Spendengeldern eingenommen – Geld, das u. a. in neuste Medizintechnik investiert werden kann.

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