03.03.2015 | Rettungsbericht

„Mama, du bist ja da“

  • Ihr Hund Pepe ist immer an Michelles Seite. Der Tag ihres Unfalls war sein 1. Geburtstag.
    Ihr Hund Pepe ist immer an Michelles Seite. Der Tag ihres Unfalls war sein 1. Geburtstag.

„Wir sind gleich da“, tippt Michelle Giebler auf ihrem Handy und klickt anschließend auf Senden. Sekunden später erreicht die Nachricht ihre Schwester. Diese wartet bereits ein paar Kilometer weiter vor der Diskothek in Crailsheim, es ist kurz vor Mitternacht. Auch Minuten später harrt sie dort noch aus, das Auto, das sie abholen soll, ist nirgends zu sehen. Da Michelle nicht abnimmt, wählt sie schließlich die Nummer ihrer Mutter.

Sabine Giebler ist an diesem Abend noch wach. Als ihre älteste Tochter von der Diskothek aus anruft und abgeholt werden möchte, macht sie sich sofort auf. Michelle ist unterdessen immer noch nicht zu erreichen. Angst macht sich breit, sie versuchen es immer wieder. Sabine Giebler und ihre Tochter sind längst zu Hause angekommen, als sie Michelle erneut anrufen. Plötzlich entsteht eine Verbindung. Doch niemand antwortet. „Wir lauschten und hörten zwei männliche Stimmen im Hintergrund. Die eine sagte: ‚Wir brauchen die Personalien des Mädchens.‘“ Sabine Giebler ahnt Schreckliches und ruft laut in den Hörer des Telefons, doch am anderen Ende der Leitung reagiert niemand. Sogleich eilt sie zum Auto und macht sich auf den Weg zur Polizei. Dort fragt sie nach ihrer Tochter. „Das Gesicht des Polizisten verriet mir, dass er Bescheid wusste und etwas Schlimmes passiert sein musste“, erinnert sich die gebürtige Crailsheimerin. „Er bat mich in ein Nebenzimmer, dann hat er mir alles erzählt …“

Michelle Giebler sitzt am späten Abend des 11. Novembers 2011 gerade als Beifahrerin im Auto eines Freundes, als sie die SMS an ihre Schwester verschickt. Auf der Rückbank sitzt ein weiteres Pärchen. Kurz vor Crailsheim verliert Michelles Freund plötzlich die Kontrolle über das Fahrzeug. Er kommt von der Spur ab und kollidiert mit einem entgegenkommenden Fahrzeug. Der Wagen überschlägt sich und rutscht auf dem Dach drehend in den Wald. Der junge Mann auf dem Rücksitz wird aus dem Auto geschleudert, er hatte sich nicht angeschnallt, für ihn wird jede Hilfe zu spät kommen. Auf der Beifahrerseite, wo Michelle sitzt, knallt das Fahrzeug schließlich gegen einen Baum und kommt zum Stillstand.

„Ihr Zustand war lebensbedrohlich“

Es ist kurz nach Mitternacht, als der Alarm an der Nürnberger Station der DRF Luftrettung eingeht. Pilot Peter Kennemann erinnert sich noch gut an diesen Einsatz: „Die Straße schlängelt sich durch einen Wald südwestlich von Crailsheim. Die Unfallstelle befand sich genau dort, wo eine Schneise im Wald neben der Straße verläuft, die uns die Landung ermöglichte. Die Feuerwehr leuchtete für uns den Landeplatz aus.“ Erst zwei Wochen zuvor hatte der Pilot die Crailsheimer Feuerwehr im Vorbereiten und Ausleuchten von nächtlichen Landeplätzen geschult, Peter Kennemann ist einer der Piloten, die sich dafür einsetzen, dass diese Schulungen in den Einsatzgebieten der 24-Stunden-Stationen stattfinden. „Dies kam uns nun zugute, alles funktionierte reibungslos.“

Als die Besatzung von Christoph Nürnberg am Unfallort eintrifft, hatte die Freiwillige Feuerwehr den Fahrer und das Mädchen von der Rückbank bereits befreit, beide erlitten lediglich Prellungen und leichte Verletzungen. Schlimmer erging es Michelle, sie erlitt ein schweres Polytrauma. Beim Aufprall wurde ihre rechte Schädelhälfte zertrümmert, ihr Becken war beidseitig gebrochen. Dazu kamen Rippenbrüche, innere Blutungen, Verletzungen der Leber, Milz, Blase und Lunge. „Ihr Zustand war lebensbedrohlich“, erinnert sich Dr. Björn Lütcke, Notarzt der DRF Luftrettung. Als der Mediziner die Patientin vom bodengebundenen Rettungsdienst übernimmt, hängt ihr Leben am seidenen Faden. Dr. Lütcke verabreicht ihr kreislaufunterstützende Medikamente und beginnt eine sogenannte Volumenersatztherapie, um den enormen Blutverlust auszugleichen und so das Verbluten der Patientin zu verhindern. „Dies und der schnelle Transport ins Universitätsklinikum Würzburg an Bord des Hubschraubers waren mitentscheidende Faktoren, die Michelle das Leben retteten“, so der Notarzt.

„Fahren Sie erst einmal nach Hause“

„Fahren Sie erst einmal nach Hause“, sind die Worte des Polizeibeamten, nachdem er Sabine Giebler den Unfall geschildert und die Handtasche ihrer Tochter überreicht hat. „Aber welche Mutter würde sich in einem solchen Moment schon daran halten? Natürlich bin ich sofort ins Krankenhaus gefahren“, erzählt die 46-Jährige. Als sie gemeinsam mit ihrer ältesten Tochter dort eintrifft, wird Michelle noch immer notoperiert. „Erst erfuhren wir nur von den Verletzungen an den Organen und den inneren Blutungen. Später kam ein Arzt und berichtete, dass sie den völlig zertrümmerten Teil des Schädelknochens entnehmen mussten, auch wegen möglicher Schwellungen des Gehirns.“ Die Ärzte legen Sabine Giebler nahe, allen Leuten Bescheid zu geben, die Michelle wichtig sind, da die junge Patientin den folgenden Tag möglicherweise nicht überleben werde.

Doch Michelle überlebt. Sabine Gieblers Hoffnung steigt Tag um Tag, trotz der negativen Prognosen der Ärzte: Eine schwere körperliche und geistige Behinderung sei wahrscheinlich, sofern ihre Tochter wieder aufwache. Doch Genaueres werde sich erst in der Rehabilitation zeigen. „Für mich zählte, dass sie am Leben war“, sagt Michelles Mutter, „nichts konnte mir meine Hoffnung nehmen.“ Wenige Tage später beginnt die sogenannte Frührehabilitation. „Dies ist ein vielseitiges Konzept und besteht aus verschiedenen Disziplinen. Im Kern geht es darum, die Bewegung des Patienten schnellstmöglich wiederherzustellen, damit das Gehirn diese Funktionen nicht verlernt“, erklärt Dr. Björn Lütcke. „Dies geht auch im Schlafzustand des Patienten, etwa durch Krankengymnastik im Bett.“

Plötzlich öffnet sie die Augen

Während der Frührehabilitation bemerkt Sabine Giebler zunehmend Veränderungen bei ihrer Tochter: „Sie öffnete immer mal die Augen und sprach wirres Zeug, doch ihr Blick ging stets ins Leere. Fragen von Ärzten nach ihrem Alter beantwortete sie, allerdings war sie mal fünf, mal zehn Jahre alt. Eines Morgens dann schlief sie länger als sonst. Ich befand mich in ihrem Zimmer, als sie plötzlich die Augen öffnete, mich anschaute und sagte: ‚Mama, du bist ja da.‘“ Hoffnung wandelt sich in Zuversicht, erstmals verspürt Sabine Giebler eine große Erleichterung. „Schon kurz nachdem sie aufgewacht war, wollte Michelle aufstehen, wovon wir sie abhalten mussten. Es konnte ihr alles nicht schnell genug gehen.“

Die 16-jährige Patientin muss in den kommenden Tagen und Wochen viele Dinge neu erlernen – wie man läuft, sich anzieht, sich die Schuhe bindet. „Meine Tochter legte dabei einen ungemeinen Willen an den Tag, der sie bis heute auszeichnet.“ Der Weg zurück ist jedoch auch drei Jahre nach dem Unfall noch kein einfacher, die angefangene Ausbildung zur Erzieherin musste Michelle aufgeben, Schmerzen sind ihr ständiger Begleiter. Niemand weiß, ob sie normal arbeiten gehen können wird. „Eine wichtige Stütze in schwierigen Phasen ist ihr Hund Pepe“, erzählt Sabine Giebler, „er ist immer an ihrer Seite, sie muss für ihn da sein. Es ist einfach wichtig für Michelle, gebraucht zu werden und eine Aufgabe zu haben.“

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