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25.11.2016 | Rettungsbericht

„Meine Narben erzählen eine Geschichte meines Lebens, ich trage sie mit Stolz“

Mitte August 2015 auf einer Landstraße in der Uckermark: Wiebke Mothes sitzt auf einem Motorrad, es ist eine ihrer letzten Fahrstunden vor der geplanten Führerscheinprüfung. Alles läuft bestens – bis kurz nach einer Rechtskurve: „Irgendwas stimmte mit dem Motorrad nicht. Plötzlich verlor ich die Kontrolle über das Fahrzeug und kam von der Fahrbahn ab.“ Ihr Fahrlehrer, der hinter ihr fährt, warnt sie noch über Funk. Doch der Baum neben der Straße ist schon zu nah. Wiebke Mothes zieht den Lenker noch nach links, dann prallt sie mit etwa 70 km/h gegen den Baum. „Als ich da lag, dachte ich nur: Ich will nicht sterben. Und gleich darauf: Ich werde auch nicht sterben, das fühlt sich bestimmt anders an.“ Der Fahrlehrer läuft zu der verletzten Berlinerin, um ihr zu helfen, und wählt den Notruf.

Alarm an der Station Angermünde, die Besatzung der DRF Luftrettung eilt sofort zum Hubschrauber. Wiebke Mothes braucht dringend die schnelle Hilfe der Luftretter, die nur wenige Minuten später den Unfallort erreichen. „Ein Hubschrauber für mich? So schlimm kann es doch gar nicht sein“, erinnert sich Wiebke Mothes an ihre Gedanken in diesem Moment.

Die Luftretter aus Angermünde finden die Berlinerin am Boden liegend. „Sie hat ein lebensbedrohliches Polytrauma erlitten: eine starke Blutung am offenen rechten Unterschenkel mit großem Blutverlust, ein gebrochenes linkes Handgelenk, ein mehrfach gebrochener und stark blutender rechter Arm“, erinnert sich Martin Bosch, Notfallsanitäter der DRF Luftrettung.

„Die Schmerzen waren höllisch“

Die Luftretter reagieren sofort und beginnen mit der Versorgung der Verletzungen. Besonders gefährlich ist die stark blutende Wunde am Bein, wo sich Muskeln, Sehnen und Gefäße über eine große Fläche hinweg offenbaren. Die Patientin droht zu verbluten, ihr Kreislauf sackt bereits ab. Auch im rechten Arm kommt es zu Blutungen. Die Knochensplitter können zudem Blutgefäße und Nervenbahnen schädigen. Und auch die Wirbelsäule kann beim Aufprall schwer verletzt worden sein.

„Die Schmerzen nach dem Aufprall waren höllisch, ich konnte sie kaum aushalten“, erinnert sich Wiebke Mothes. Um ihr diese zu nehmen und den Körper möglichst ruhig zu halten, wird sie in Narkose gelegt. „Dabei wird das Bewusstsein ausgeschaltet, wodurch auch die Funktion des Atemzentrums im Gehirn beeinträchtigt wird. Die Medikamente zur Narkoseeinleitung führen zudem zu einer Entspannung von Muskeln, die die Atmung ermöglichen. Deshalb muss die Patientin bei einer Narkose maschinell beatmet werden“, erklärt der Angermünder Notfallsanitäter Martin Bosch.

Der Beatmungsschlauch muss nun zügig in Wiebke Mothes‘ Luftröhre gelegt werden. Dafür verwendet das Team der DRF Luftrettung ein Videolaryngoskop, das durch Spendengelder finanziert wurde. Mit dessen Spatel lässt sich die Zunge zur Seite schieben. Kamera und Monitor ermöglichen eine schnelle Sicht auf die Luftröhre, der Beatmungsschlauch kann dadurch sicher hineingelegt werden. „Der Kopf der Patientin muss dabei nicht einmal nach hinten gezogen werden, wie es bei einfachen Laryngoskopen der Fall ist. Gerade bei einer möglichen Wirbelsäulenverletzung in Folge des Verkehrsunfalls ist dies besonders wichtig“, so Martin Bosch.

Nach der Intubation beginnt das Beatmungsgerät sofort mit der künstlichen Beatmung. Der Oxylog 3000 plus ist eine komplexe Maschine, deren Beatmungsform sich individuell an die Bedürfnisse der Patientin anpassen lässt, z. B. den exakten Sauerstoffgehalt und das Atemvolumen. Binnen weniger Sekunden hat Hubschraubernotarzt Wladimir Wolfert die Parameter eingestellt, die Wiebke Mothes‘ Lunge optimal mit Sauerstoff und Atemluft versorgen. Auch das Beatmungsgerät konnte die DRF Luftrettung dank Spendengeldern finanzieren.

Der Glaube an sich selbst

Im Rettungshubschrauber mit dem Funkrufnamen Christoph 64 wird die damals 28-Jährige ins Unfallkrankenhaus Berlin gebracht. Dort kann sie rechtzeitig operiert und ihr Leben gerettet werden. Doch für Wiebke Mothes beginnt eine schwierige Zeit. „Ich hatte aber von Anfang an den starken Willen, schnellstmöglich wieder alles alleine machen zu können“, erinnert sich die Berlinerin. „Dafür hab ich tagtäglich hart gekämpft und unter Schmerzen trainiert.“ Dabei half  ihr die Familie, die in Karlsruhe lebt. „Dort wohnte ich nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus mehrere Monate, denn ich war auf Hilfe angewiesen, war abhängig wie ein Baby, konnte mich weder allein waschen noch alleine essen. In solchen Momenten merkt man, wie wichtig der familiäre Zusammenhalt ist. Ich bin meiner Familie unglaublich dankbar, denn es waren auch keine leichten Zeiten für sie.“

Es ist Wiebke Mothes‘ Optimismus, der sie durch diese schweren Monate trägt: „Und ich konnte viel Positives daraus ziehen. Heute weiß ich, wie ich mein Leben leben möchte. Ich kann mich nun auch an kleinen Dingen erfreuen, lebe bewusster und habe noch mehr Spaß. Und ich habe den Sport für mich entdeckt, fahre zum Beispiel täglich mehrere Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit und wieder nach Hause. Ich bin aktiver und ausgeglichener geworden und beweise mir trotz meiner Einschränkungen, was ich kann. Und vor allem reduziert regelmäßiger Sport meine Schmerzen.“ 

Wiebke Mothes hat einen Teil ihrer Wadenmuskulatur verloren. Sie hat Schmerzen, wenn sie z. B. in die Hocke geht oder Treppen hinabsteigt. Und auch ihre beiden Arme lassen sich nicht mehr vollständig bewegen. Laut ärztlicher Prognose wird Wiebke Mothes ihre ursprüngliche Beweglichkeit nicht gänzlich wieder erreichen. „Dennoch werde ich weiterhin daran glauben. Es ist wichtig, nicht zu verzweifeln, sondern sich ins Leben zurückzukämpfen. Ohne diesen Ehrgeiz wäre ich nicht da, wo ich jetzt bereits bin.“

Die Frage nach dem Warum

Mehrere Narben zieren ihren Körper, manche sind bis zu 25 cm lang. „Gestört haben sie mich aber nie. Im Gegenteil: Sie erzählen eine Geschichte meines Lebens, daher trage ich sie mit Stolz. Sie erinnern mich positiv an das, was ich geschafft habe.“ Doch eine Last wiegt bis heute schwer: die Frage nach dem Warum. „Ich weiß einfach nicht, warum dieser Unfall passiert ist. Niemand konnte es mir erklären, auch mein Fahrlehrer nicht. Ich war nicht zu schnell und die Kurve lag bereits hinter mir. Das Motorrad zog einfach weg von der Straße.“

Um den Unfall und seine Folgen aufzuarbeiten, nimmt Wiebke Mothes ein Jahr danach Kontakt mit den Luftrettern in Angermünde auf. „Sie besuchte uns an der Station, um sich zu bedanken. Wir sprachen dann über das, was damals und seither geschehen ist, und zeigten ihr auch den Hubschrauber“, so Notfallsanitäter Martin Bosch. „Für uns sind es immer besondere Momente, wenn wir sehen, dass es ehemaligen Patienten wieder gut geht und wir mit unserer Arbeit dazu beitragen konnten. Eine größere Motivation gibt es nicht.“

Auch für Wiebke Mothes hat sich der Besuch gelohnt: „Für mich war es ein schönes Gefühl, die Leute zu treffen, die mir geholfen haben. Und es war beeindruckend zu erfahren, was mit dem Hubschrauber alles möglich ist. Erst jetzt ist mir klar, wie wichtig die Luftrettung ist. Und wann immer ich am Himmel einen Rettungshubschrauber sehe, denke ich: Jetzt wird er einem Menschen helfen, wie er mir damals geholfen hat.“

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