10.07.2015 | Rettungsbericht

Plötzlich fallen die Augen zu

„Mach dir keine Sorgen, wir werden nur ein bisschen später ankommen. Ich muss mich kurz hinlegen und etwas schlafen.“ Diese Worte richtet Christiane Kötter noch an ihren Mann, ehe sie das Telefonat beendet. Nach einem Schwimmbadbesuch ist die hochschwangere Frau aus Herford gemeinsam mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter Elisabeth auf dem Weg nach Bremen. Doch die hohen Temperaturen machen ihr an diesem 26. Mai 2014 zu schaffen, die Müdigkeit zwingt sie zu einer Pause.

„Als ich nach einer halben Stunde wieder aufwachte, fühlte ich mich fit. Ich habe sogar extra darauf geachtet, viel zu trinken“, erzählt die 30-Jährige rückblickend. „Dann setzte ich die Fahrt fort.“ Rund zwei Stunden dauert es, um mit dem Auto von Herford nach Bremen zu kommen. Doch auf einer Landstraße in der Nähe von Twistringen endet die Fahrt vorzeitig: „Ich erinnere mich noch, wie ich die Straße entlangfuhr, vor mir ein Lkw, hinter mir ein Pkw. Was dann passierte, weiß ich nur aus Erzählungen von Augenzeugen. Vermutlich hatte ich einen Sekundenschlaf.“

Der Sekundenschlaf – von vielen Autofahrern gefürchtet und doch immer wieder unterschätzt. „Er kommt ganz plötzlich: Man schließt nur mal kurz die Augen, die dann einfach nicht mehr aufgehen“, erklärt Michael Schwarz, Rettungsassistent der DRF Luftrettung in Bremen. „Im besten Fall zuckt man gleich wieder hoch und nichts ist passiert. Doch bei einer Geschwindigkeit von rund 80 km/h, mit der auch Christiane Kötter unterwegs war, bedeuten nur fünf Sekunden Fahrt im Schlaf eine Strecke von über 100 Metern. Wenn ein Auto in dieser Zeit nicht von der Spur abkommt oder irgendwo dagegen fährt, ist das großes Glück.“

Dieses Glück bleibt Christiane Kötter verwehrt: Kaum sind ihre Augen zugefallen, zieht das Fahrzeug auf gerader Strecke nach links, überquert die Gegenfahrbahn und prallt frontal gegen einen Baum am Straßenrand. Von dort rutscht es leicht den Graben hinunter. Augenzeugen wählen sofort den Notruf.

„Ich dachte, dass alles gleich in die Luft fliegt“

Die Bremer Besatzung der DRF Luftrettung befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Rückflug von einem Einsatz. Als sie der Alarm durch die regionale Leitstelle erreicht, ändert Pilot Dennis Lauterberg sofort den Kurs und fliegt Richtung Twistringen zum Unglücksort. Dort erlangt Christiane Kötter kurz nach dem Aufprall wieder das Bewusstsein. Ihr erster Blick wandert zu ihrer Tochter, die angeschnallt in einem Kindersitz auf der Beifahrerseite liegt. „Sie rührte sich nicht, lag einfach nur da. Aber dann bemerkte ich, dass sie atmete und zu schlafen schien.“

Im selben Moment entdeckt die Herforderin den aufsteigenden Rauch aus der völlig lädierten Motorhaube. „Mir gingen sofort die Bilder durch den Kopf, die man aus Actionfilmen kennt. Ich dachte, dass alles gleich in die Luft fliegt.“ Panisch versucht sie, Elisabeth zu wecken und die Tür auf deren Seite zu öffnen, um die Tochter nach draußen zu schicken. Doch dir Autotür klemmt. „Dann versuchte ich es auf meiner Seite, nur mein linker Arm wollte nicht richtig funktionieren, er hing merkwürdig nach unten.“

Eine Frau, die im Pkw saß, der hinter Christiane Kötter fuhr, steht plötzlich an der Beifahrertür und reißt diese von außen auf. Dann nimmt sie vorsichtig die kleine Elisabeth aus ihrem Sitz und bringt sie in Sicherheit. Auch Christiane Kötter müht sich aus dem Auto. Der bodengebundene Rettungsdienst trifft ein und beginnt mit der medizinischen Versorgung. Wenig später landet der Bremer Hubschrauber am Unfallort.

Glück und ein großes Fragezeichen

Sofort eilen Notarzt Dr. Fabian Lieber und Rettungsassistent Michael Schwarz zu den Verunglückten. „Elisabeth war äußerlich unverletzt und hatte nur eine Stauchung im Halswirbelbereich erlitten“, so Michael Schwarz. „Sie war beim Aufprall zum Glück ordentlich gesichert.“ Auch Christiane Kötter kommt verhältnismäßig glimpflich davon: Elle und Speiche am linken Arm sind gebrochen, dazu hat sie ein paar oberflächliche Verletzungen. „Beide hatten riesiges Glück, denn wenn ein Auto bei dieser Geschwindigkeit auf einen Baum prallt, sind die Insassen meist in Lebensgefahr“, weiß der Rettungsassistent der DRF Luftrettung. „Die dicke Knautschzone und der Aufprallwinkel haben in diesem Fall aber Schlimmeres verhindert. Manchmal entscheiden nur wenige Zentimeter.“

Doch eine letzte Unsicherheit bleibt: Wie geht es dem ungeborenen Baby? Um das herauszufinden, muss die Patientin mit dem Hubschrauber schnellstmöglich in ein geeignetes Krankenhaus gebracht werden. Auch die kleine Elisabeth darf mit an Bord. „Wir wollten Mutter und Tochter nicht voneinander trennen, unser Notarzt hat sich dann um beide gekümmert“, so Pilot Dennis Lauterberg. Christiane Kötter ergänzt: „Ich fand es so toll, dass meine Tochter mit durfte. Die Besatzung schenkte ihr auch noch einen Teddybären, der die Wochen danach immer mit in den Kindergarten musste, um als Schutzengel auf sie aufzupassen.“

In der Klinik in Bremen angekommen, übergeben die Luftretter die Patientinnen an die Ärzte. „Alle drei kamen dann extra nochmal zu Elisabeth und mir, um sich von uns zu verabschieden“, erinnert sich die Herforderin. „Ich fühlte mich die ganze Zeit in Sicherheit, sie haben sich so toll um uns gekümmert und mir Mut gemacht.“ Zwei Tage verbringt Christiane Kötter insgesamt im Krankenhaus, auch danach wird die Schwangere noch fortlaufend untersucht. „Obwohl alles in Ordnung zu sein schien, war mir klar, dass ich mein Baby erst im Arm halten musste, um wirklich zu wissen, dass es ihm gut geht.“

Rund zweieinhalb Monate später, am 9. August 2014, kommt die kleine Katharina auf die Welt. Sie ist kerngesund.

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