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29.09.2016 | Rettungsbericht

Schlagartig steht das Leben still

  • Überglücklich feiert Hans Götz zusammen mit seiner Frau den 29. Hochzeitstag.
    Überglücklich feiert Hans Götz zusammen mit seiner Frau den 29. Hochzeitstag.

Mit zwei Küssen verabschiedet sich Hans Götz an diesem Morgen von seiner Frau. „Sie wunderte sich, aber ich spürte, dass dieser Tag anders werden sollte. Und wenn ich heute an den 31. März dieses Jahres zurückdenke, bekomme ich Gänsehaut“, erzählt der 57-Jährige mit zittriger Stimme. Der Immobilienverwalter fährt wie jeden Morgen zur Arbeit nach Asperg, setzt sich an seinen Schreibtisch und telefoniert mit seinen Kunden. Er bemerkt einen Druck in der Brust. „Ich dachte, ich hätte ein wenig zu viel Mineralwasser getrunken. Denn durch Räuspern wurde der Druck leichter.“ Doch plötzlich sackt er auf seinem Bürostuhl zusammen, läuft blau an und um seinen Mund bildet sich blutiger Schaum.

Sein Herz bleibt stehen, es kommt zum Kreislaufstillstand! „Bis zu diesem Tag dachte ich immer, dass mein Herz das am besten funktionierende Organ ist“, betont der frühere Leistungssportler. „Jahrzehntelang spielte ich voller Begeisterung in der Bezirksklasse Tischtennis. Ich war fit und ein absoluter Schaffer, getreu dem Motto ‘Geht nicht, gibt´s nicht.’“ Aber an diesem frühlingshaften Donnerstag verschließen sich seine Gefäße und das Blut kann nicht mehr zirkulieren. Schlagartig steht sein Leben still.

Glück aus Glas

„Mein Büro ist rund herum aus Glas, das war mein großes Glück“, erzählt Hans Götz. Zwei seiner Kollegen erkennen den Ernst der Lage. Sie zögern keine Sekunde und beginnen sofort mit der Reanimation. Einer der beiden Kollegen setzt einen Notruf ab. Der Disponent in der Leitstelle Ludwigsburg weiß sofort, was zu tun ist. Die Kollegen aktivieren den Lautsprecher des Telefons und der Leitstellendisponent weist sie durch das Telefon an, wie sie Hans Götz reanimieren. Gleichzeitig sieht der Disponent auf seinem Bildschirm, dass der Stuttgarter Hubschrauber der DRF Luftrettung am schnellsten vor Ort sein kann.

„Nach nur vier Minuten landeten wir auf einer freien Parkfläche inmitten eines Wohngebietes, die Firma des Patienten befand sich genau gegenüber“, erinnert sich Dr. Gregor Lichy an den zeitkritischen Einsatz. Der erfahrene Notarzt läuft in das Büro und übernimmt sofort die weitere Reanimation. Nach zehn Minuten beginnt das Herz des Patienten wieder zu schlagen, sein Kreislauf funktioniert wieder. Doch dann plötzlich erneut Kammerflimmern. Notarzt Dr. Gregor Lichy gibt nicht auf und kämpft gemeinsam mit Notfallsanitäter Christof Pfeiffer und den Kollegen des bodengebundenen Rettungsdienstes um das Leben des Mannes.

Die Minuten verrinnen, die Retter drücken den Brustkorb des Patienten mit ihren Händen, immer weiter. Und tatsächlich passiert das Unglaubliche: Das Herz von Hans Götz beginnt erneut zu schlagen. Sein Kreislauf stabilisiert sich so weit, dass der Patient in eine Klinik transportiert werden kann. Gemeinsam mit den bodengebundenen Kollegen schieben die Luftretter den Patienten auf einer Trage in den Rettungswagen. „Da sich das Klinikum Ludwigsburg in direkter Nähe zum Einsatzort befand, entschied ich mich für den Transport im Rettungswagen“, erklärt Dr. Gregor Lichy. „Der Patient war bereits an den medizinischen Geräten aus unserem Hubschrauber angeschlossen. Daher nahmen wir diese auch beim Transport im Rettungswagen mit, um Überwachungslücken zu vermeiden. Dank unseres Elektrokardiogramm-Gerätes (EKG) konnten wir, noch bevor wir die Klinik erreicht hatten, dem diensthabenden Kardiologen in der Klinik in Ludwigsburg bereits den Befund übermitteln. So waren die Spezialisten optimal auf den Patienten vorbereitet.“

Rot-weißer Besuch am Krankenbett

In der Klinik wird bei Hans Götz sofort eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt und ein sogenannter Stent eingesetzt, um die verschlossenen Gefäße wieder zu erweitern. Von all dem bekommt der 57-Jährige nichts mit, er liegt im künstlichen Koma: „Mein Gehirn wurde für 24 Stunden auf 33 Grad Celsius heruntergekühlt“, erzählt er mit bewegter Stimme. Dadurch werden die Nervenzellen im Gehirn geschützt und vor weiteren Schäden bewahrt. „Als ich nach einer Woche dann aufwachte, waren meine Frau und ein weiteres Familienmitglied bei mir. Ich hatte fürchterlich Durst und keine Ahnung, was passiert ist.“

An diesem Tag erfährt Dr. Gregor Lichy, der auch als Oberarzt im Klinikum Ludwigsburg tätig ist, dass sein Patient aus dem Koma erwacht ist. „Ich bin direkt zu ihm auf die Intensivstation gegangen. Es ist uns als Hubschrauberbesatzung immer wichtig, nach unseren Patienten zu sehen.“ Erst im Gespräch mit dem Notarzt wird Hans Götz bewusst, dass er einen Herzinfarkt hatte. „Ich konnte es nicht fassen, ich war doch so fit.“ Die beiden sprechen lange miteinander, denn Hans Götz will genau wissen, was passiert ist.

Der 57-Jährige erfährt bei diesem Gespräch auch, dass ihn seine Kollegen reanimiert haben. „Das war entscheidend“, weiß Dr. Gregor Lichy. „Wir waren mit dem Hubschrauber bei diesem Einsatz zwar sehr schnell vor Ort, aber die Zeit, die seine Arbeitskollegen mit der Reanimation überbrückt haben, war lebensrettend für ihn. Er hätte es sonst wohl nicht geschafft“, erzählt der erfahrene Notarzt nachdenklich und hebt auch die hervorragende Zusammenarbeit mit der Leitstelle Ludwigsburg hervor.

Ein harter Kampf zurück

Nach zwei Wochen auf der Intensivstation geht es Hans Götz schon deutlich besser und er kann auf die Normalstation verlegt werden. In dieser Zeit hört er immer wieder den rot-weißen Hubschrauber Christoph 51 auf dem Dach des Klinikums landen. „Ich bin dann immer zum Fenster gelaufen. Denn ich weiß, dass ich auch dank seines Einsatzes überlebt habe.“

Hans Götz kämpft sich jeden Tag ein Stück mehr zurück in sein Leben. Er kann nach nur drei Wochen im Klinikum Ludwigsburg in die Reha entlassen werden. In Bad Krozingen machen ihm noch Wortfindungsstörungen zu schaffen. Doch er macht schnell weitere Fortschritte und nur drei Monate nach seinem Herzinfarkt kehrt er an seinen Arbeitsplatz zurück. „Vom Kopf her ist es heute noch schwer zu akzeptieren, nicht mehr alles machen zu können. Leider kann ich nicht mehr meiner Leidenschaft, dem Tischtennis, nachgehen.“

Doch Hans Götz ist zutiefst dankbar: „Ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen. Zukünftig kann ich Jahr für Jahr am 31. März meinen zweiten Geburtstag feiern.“ Dass er im nächsten Jahr den 30. Hochzeitstag mit seiner Frau feiern kann, ist für ihn das größte Geschenk. „Meine Frau leistete in den drei Wochen, in denen ich in der Klinik lag, Außergewöhnliches für mich und ich bin ihr von ganzem Herzen dankbar.“ Gemeinsam möchten sie die Lebensretter der DRF Luftrettung, Pilot Reinhard Ehrmann, Notarzt Dr. Gregor Lichy und Notfallsanitäter Christof Pfeiffer, an der Station in Stuttgart besuchen. „Ohne ihren unbeschreiblichen Einsatz wäre ich heute nicht mehr am Leben.“

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