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19.12.2017 | Rettungsbericht

Schritt für Schritt ins Leben zurück

  • Ein rotes Herz als Symbol für Annas Zuversicht.
    Ein rotes Herz als Symbol für Annas Zuversicht.
  • Mit der DRF Luftrettung fühlt sich die junge Frau nach ihrem Unfall tief verbunden.
    Mit der DRF Luftrettung fühlt sich die junge Frau nach ihrem Unfall tief verbunden.

Eine Landstraße in Brandenburg. An einem Baum leuchtet schon von weitem sichtbar ein rotes Herz. Tag für Tag zaubert es den vorbeifahrenden Autofahrern ein Lächeln ins Gesicht. Die Geschichte dahinter erzählt von Angst, Schmerz und Kampfgeist. Und von der DRF Luftrettung.

Rückblick 2015: Der Tag bricht eben heran in Brandenburg. Sonnenstrahlen tauchen die Landschaft rund um Angermünde in warmes Licht. „Perfekt für einen Trip an die Ostsee“, denkt sich Anna, die für ein Praktikum einige Wochen im Nordosten Deutschlands zuhause ist. Die angehende Landschaftsarchitektin möchte das Wochenende an der Küste verbringen. Schnell sind die Sachen gepackt und im Auto verstaut. Los geht’s. Ein Baum nach dem anderen zieht auf der Landstraße an ihr vorbei. In Gedanken versunken freut sie sich auf die bevorstehenden, erholsamen Tage. Doch plötzlich gerät sie ins Schlingern, kommt von der Straße ab und prallt frontal gegen einen Baum. Eingeklemmt in ihrem Wagen und stark benommen von dem Aufprall realisiert sie: „Nichts geht mehr.“ Um sie herum macht sich eine unheimliche Stille breit. Dann spürt sie schlagartig starke Schmerzen, kann nicht mehr klar denken. Wenige Augenblicke später eilt eine ältere Frau zu ihrer Hilfe. Schnell ist das Handy gezückt und die 112 gewählt. Am anderen Ende der Leitung entscheidet die Leitstelle sofort, die Angermünder Luftretter zu alarmieren. Kaum geht der Notruf dort ein, heben Pilot, Notärztin und Notfallsanitäter auch schon mit Christoph 64 ab, um der schwerverletzten Anna lebensrettende Hilfe zu bringen. In der weitläufigen Seenlandschaft Brandenburgs sind auch große Entfernungen mit dem Hubschrauber in nur wenigen Minuten überbrückt.

„Als ich die Rotoren aus der Entfernung hörte, schöpfte ich neuen Mut“, schildert Anna. Sie nimmt wahr, wie der Hubschrauber unweit der Unfallstelle auf der Straße landet und Notärztin und Notfallsanitäter herbei eilen. Um noch näher bei der Patientin zu sein, klettert die Notärztin auf den Beifahrersitz und behandelt sie von dort. Jeder Handgriff sitzt routiniert. Die Erfahrung der Besatzung beruhigt Anna sofort. Währenddessen arbeiten Rettungskräfte der Feuerwehr mit schweren Geräten daran, die Patientin aus dem Wrack zu befreien. Ein schwieriges und zeitraubendes Unterfangen. Doch schließlich gelingt es ihnen, das Dach aufzuschneiden.

Durch den Aufprall hat sich Anna die Sprung- und Kniegelenke zertrümmert und den Brustkorb schwer verletzt. Die Atmung fällt ihr schwer. Ihr Zustand ist lebensbedrohlich. „Die wichtigste Maßnahme bei einem solchen Polytrauma ist es, die Vitalfunktionen – also Atmung und Kreislauf – zu sichern. Außerdem sind Blutungen durch Kompressionsverbände zu stillen und der Umfang der Verletzungen zu analysieren“, weiß Notfallsanitäter Sebastian Liebig, der die Notärztin unterstützt. Anna wird intubiert, beatmet und weitgehend von ihren Schmerzen befreit.

Mit Sauerstoff und Schmerzmitteln versorgt erhält Anna etwas, das in solchen Momenten ebenso wichtig ist, wie die medizinische Versorgung: Einfühlsam und beruhigende Worte. Sebastian Liebig spricht mit ihr durch das offene Fenster und nimmt ihr die Angst. „Er hat sich mit mir über Gott und die Welt unterhalten, damit ich bei Bewusstsein bleibe. Das hat mir sehr geholfen und mir so zum einen die Furcht genommen vor dem, was passiert ist,  mich aber auch abgelenkt. Denn die Minuten, eingeklemmt im Auto, fühlten sich an wie eine Ewigkeit“, schildert Anna ihre Eindrücke. „Aber ich wusste mich in guten Händen.“  

Wärme und Geborgenheit

Gerade bei Polytraumata ist es wichtig, den Patienten sicher und ruhig zu transportieren, sodass keine zusätzlichen Bewegungen den Zustand oder die Genesungschancen beeinträchtigen. Gleichzeitig muss die Körpertemperatur stabilisiert werden, damit Stoffwechselvorgänge und Organfunktionen aufrechterhalten werden können. „Wenn Patienten narkotisiert sind, kühlen sie sehr schnell aus, da das Kältezittern ausbleibt. Eine lebensgefährliche Situation“, weiß Sebastian Liebig. Um dies zu verhindern gibt es speziell für Hubschrauber entwickelte Thermo-Schutzhüllen, die vor allen bei kühleren Temperaturen ein Auskühlen des Körpers während des Transports verhindern. „Eng umschlungen und wärmeisoliert gibt die Schutzhülle dem Insassen aber auch das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit“, erklärt der erfahrene Notfallsanitäter. „Diese Entspannung wirkt sich wiederum positiv auf die Vitalfunktionen aus. Sie geben den Patienten zudem eine gewisse Privatsphäre. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir des Öfteren dazu gezwungen sind, die Klamotten der Patienten zu entfernen, um den Körper nach weiteren Verletzungen abzusuchen und sie besser medizinisch behandeln zu können.“

Der Flug in ein neues Leben

Die Besatzung hat die junge Frau zwischenzeitlich für den Transport vorbereitet und in den Hubschrauber gebracht. Kurz darauf hebt die rot-weiße Maschine ab und entfernt sich mit jeder Sekunde weiter von der Unglücksstelle. Auf der Intensivstation angekommen, kämpfen die Ärzte um Annas Leben.
Und es wird ein langer Weg, bis Anna wieder fest auf dem Boden steht: dreieinhalb Wochen im Krankenhaus, vier Monate im Rollstuhl. Monate der Rehabilitation und Krankengymnastik, Steh- und Balanceübungen, Laufen mit Krücken. „Meine Eltern haben gleich zu Beginn ihr Haus behindertengerecht umgebaut, um mich pflegen zu können. Das hat mir sehr geholfen“, blickt die junge Frau zurück. „Die ersten Wochen waren schwer. Ich konnte kaum laufen, hatte überall Schmerzen, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Die Schritte wurden sicherer, die Schmerzen weniger. Treppen zu steigen oder bergab zu laufen fällt mir zwar auch heute noch schwer und sportliche Aktivitäten sind weiterhin tabu, aber Schritt für Schritt fühle ich mich besser. Ich kann heute fast fehlerfrei gehen und die Folgen sind von außen kaum mehr sichtbar “, lässt Anna einen Blick in ihr Seelenleben zu. „Das hatte sich zu Beginn der Behandlung nicht angedeutet.“ „Anna wird ihr Leben lang humpeln“, so damals die Meinung der Ärzte.

Ein Herz symbolisiert den Neustart

Ein Jahr nach dem Unfall fasst Anna den Mut und kehrt zurück an die Stelle, an der ihr noch junges Leben beinahe geendet hätte. „Für mich war der Besuch dieses Ortes wichtig, um mit der Geschichte ein Stück weit abzuschließen“, erklärt Anna. Seit dem Unfall hat sich viel geändert in ihrem Leben. Symbol dieser neuen Zuversicht: Sie malt ein Herz an den Baum, an dem der Unfall geschehen ist. Das Herz zeugt von dem Mut und der wiederentdeckten Liebe zum Leben.

„Mir fällt es nicht schwer, heute über den Unfall zu reden, da ich meine Geschichte schon vielfach erzählt habe. Ich schätze das Leben heute noch viel mehr. Ich schaue, wie ich die Tage sinnvoll gestalte, mit wem ich sie verbringen will, denn nichts ist selbstverständlich! Auch freue ich mich mehr über die kleinen Dinge des Lebens. In dem ich mich auf das Wesentliche konzentriere und mir überlege, wie ich mein Leben gestalten will, welche Werte mir wichtig sind und auf meine Umwelt und Mitmenschen achte, renne ich nichts und niemandem mehr hinterher, was nicht wirklich zu mir gehört“, so die heute 24-Jährige. „Zum Beispiel habe ich wieder angefangen zu zeichnen, wofür ich mir davor nie Zeit genommen habe, obwohl es mich total ausgleicht.“

Mit der DRF Luftrettung fühlt sich die junge Frau tief verbunden: „Ich wusste zwar, dass es die Luftrettung gibt, habe mir aber nie explizit Gedanken gemacht, wie sie organisiert ist. Das hat sich geändert. Heute bin ich Fördermitglied bei der DRF Luftrettung, um auf diese Weise ein Stück weit Danke zu sagen und die Luftretter weiter zu unterstützen. Sie haben mir das Leben gerettet und ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass sie auch zukünftig die Mittel haben, Patienten im Notfall medizinisch optimal zu versorgen – so wie mich damals.“

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