16.03.2012 | Rettungsbericht

Tausend Mal ist nichts passiert

Sylvia Kmoch ist die Rechtskurve am Ortsausgang von Untersiggingen schon oft gefahren, sie kennt jede Unebenheit im Asphalt. Doch an jenem Samstagnachmittag ist ihr Schutzengel in der Garage geblieben...

Häufig sind ihre Kinder dabei, wenn Uwe Tobey und Sylvia Kmoch die Motorräder aus der Garage holen und auf Tour gehen. „Ich kann gar nicht sagen, warum wir Niklas (10) und Kevin (12) an diesem Tag nicht mitgenommen haben … vielleicht war es intuitiv“, sagt Mutter Sylvia nachdenklich. Beim Frühstück beschließt das Paar, am Nachmittag eine kleine Runde durchs Gäu zu drehen. Mit Stiefeln, Helm, Handschuhen und Schutzkleidung ausgestattet, schwingen sie sich auf die Sitzbank, drücken den Starterknopf – und los geht’s! „Wir sind bald wieder zurück“, rufen sie ihren Jungs zu. Eine gute Stunde ist vergangen, da hören Kevin und Niklas das Geräusch eines Hubschraubers, der näher kommt. Sie laufen ans Fenster und sehen, wie er Kurs auf den Nachbarort nimmt. „Was da wohl passiert ist?“, fragen sie sich. Ein Glück, dass sie nicht nachgeschaut haben ... denn der Hubschrauber ist unterwegs, um ihrer Mutter nach einem Unfall schnelle Hilfe zu bringen.

"Jetzt wird alles gut"

Am Ortsausgang von Untersiggingen will Uwe Tobey seiner Lebensgefährtin nach ihrem Sturz wieder auf die Beine helfen, doch sie keucht unter Schmerzen: „Nicht anfassen! Ich hab mir den Rücken gebrochen!“ Den Helm nimmt er ihr noch ab – „der Kinnriemen hat so gedrückt, ich habe nur sehr schlecht Luft bekommen.“ Dann darf sie niemand mehr bewegen. „Ich weiß nicht, warum mir das Motorrad plötzlich weggerutscht ist. Ich weiß nur, dass ich wahnsinnig Angst vor einer falschen Bewegung hatte, daher durfte mich auch niemand anfassen“, berichtet die Frau aus Oberschwaben, die 19 Motorradjahre lang unfallfrei geblieben ist. An diesem sonnigen Nachmittag sind viele Spaziergänger unterwegs, die sofort die 112 wählen und einen Notruf absetzen. Kurz darauf trifft der Friedrichshafener Hubschrauber der DRF Luftrettung als erstes Rettungsmittel am Unfallort ein. "Als ich den Hubschrauber am Himmel gesehen habe, wusste ich: Jetzt wird alles gut", erzählt die 41-Jährige bewegt. Kurz darauf sind Hubschraubernotarzt Dr. Jochen Schlenker und Rettungsassistent Stephan Klötzer bei ihr. "Wie geht es Ihnen? Können Sie Ihre Zehen bewegen?", möchte Dr. Schlenker wissen. Sylvia Kmoch bejaht und ist glücklich, dass sie ihre Beine spürt. Ein Gefühl, das ihr später in der Reha die Kraft geben soll, wieder laufen zu lernen.

Bloß keine falsche Bewegung

„Da die Patientin starke Schmerzen hatte, haben wir ihr entsprechende Medikamente verabreicht. Dann wurde sie mit Hilfe einer Schaufeltrage auf eine Vakuummatratze gebettet, um ihre Wirbelsäule zu stabilisieren“, erklärt Rettungsassistent Klötzer. Während sie die Besatzung in den Hubschrauber schiebt, ruft sie ihrem Partner zu: „Geh nach Hause und kümmre dich um die Kinder, ich bin versorgt!“ Wenige Minuten später landet Pilot Oliver Waldschmidt den rotweißen Rettungshubschrauber bereits am Klinikum Friedrichshafen. Diese Klinik bietet ein möglichst großes Leistungsspektrum und ist auf polytraumatische Verletzungen spezialisiert. Nach einer Computertomografie hat Sylvia Kmoch Gewissheit: Vier Brustwirbel sind gebrochen, darunter einer instabil. Eine falsche Bewegung hätte zu einer Beschädigung des Rückenmarks führen können. Eine Querschnittlähmung wäre eine mögliche Folge gewesen. Ein paar Tage nach dem schweren Unfall dürfen Kevin und Niklas ihre Mutter im Krankenhaus besuchen. Drei Wochen später wird sie aus der Klinik in die Reha entlassen.

Schutzengel an Board

Mittlerweile ist Sylvia Kmoch wieder bei ihrer Familie. „Zweimal in der Woche trainiere ich noch in der ambulanten Reha. Mein Ziel ist, wieder so fit zu werden, wie ich es vor dem Unfall war.“ Daran hindern sie vorläufig noch acht Titanschrauben und zwei Stangen, mit denen ihre Brustwirbel in einer mehrstündigen Operation fixiert wurden. Doch die kommen im Frühjahr 2013 raus. „Ich bin allen an meiner Rettung und Genesung Beteiligten so dankbar, dass ich wieder laufen kann. Mir ist bewusst, dass mein Unfall auch anders hätte ausgehen können.“ Offenbar hatte sie ihr Schutzengel doch nicht komplett im Stich gelassen ...