18.05.2015 | Rettungsbericht

Von Schutzengeln begleitet

„Ein Hubschrauber? Warum?“ Es war der Augenblick, als Elisabeth Löschau erstmals realisierte, wie ernst die Lage war. Unter Schock, am Boden liegend, hatte sie sich zuvor noch einzureden versucht, dass alles schon nicht so schlimm sein würde. Trotz der unerträglichen Schmerzen, die ihren Körper quälten. „Gleichzeitig beruhigte es mich sehr, als ich den Hubschrauber heranfliegen sah“, beschreibt die 17-Jährige den damaligen Moment. „Ich wusste, dass ich gleich in guten Händen sein würde.“

Es war der Nachmittag des 1. August 2014, Elisabeth hatte gerade ihre Mutter im Krankenhaus besucht. „Das Wetter war herrlich, ich wollte es nutzen, um noch ein Stückchen mit dem Motorrad zu fahren.“ Schon als Kind war sie regelmäßig bei ihren Eltern mitgefahren, sie liebt das Freiheitsgefühl, das sie auf dem Zweirad empfindet. Mit 16 Jahren hat sie daher gleich den Führerschein der Klasse A1 gemacht, mit dem sie kleine Motorräder, sogenannte Leichtkrafträder, fahren darf. Auf einer Landstraße bei Oelsa, rund 15 Kilometer südlich von Dresden, sollte ihre Fahrt an diesem Tag jedoch jäh enden: „Ein etwas breiteres Fahrzeug näherte sich auf der Gegenfahrbahn. Plötzlich tauchte dahinter ein Motorradfahrer auf, der es überholen wollte.“ Ein Ausweichen war nicht mehr möglich, die beiden Krafträder prallten mit einer Geschwindigkeit von 140 km/h zusammen. Während der Motorradfahrer stürzte und auf der Fahrbahn entlang in ein Feld rutschte, flog Elisabeth mehrere Meter weit durch die Luft und schlug auf dem Asphalt auf.

„Im ersten Moment konnte ich nicht realisieren, was gerade passiert war“, erinnert sich die junge Sächsin. „Die Schmerzen waren höllisch, ich bekam kaum noch Luft. Dann kam ein Ersthelfer – ein Autofahrer, der den Unfall beobachtet hatte – und nahm mir den Helm ab.“ Kurz darauf traf der Rettungswagen ein. „Sie wollten meine Lederkombi aufschneiden, doch ich weigerte mich. Ich hatte sie ja erst neu gekauft.“ Elisabeth fragte nach ihrem Motorrad, wollte es sehen, doch der Rettungsassistent versuchte sie abzulenken. „Er testete meine Zehen, die ich zum Glück bewegen konnte. Dann erfuhr ich von der Alarmierung des Hubschraubers, der kurz darauf eintraf.“

"Alles deutete auf eine schwere Wirbelsäulenverletzung hin"

Elisabeth erinnert sich nicht an die Gesichter ihrer Retter, in ihrem Gedächtnis geblieben sind jedoch die Stimmen und das Gefühl der Sicherheit, das in ihr wuchs, als die Dresdner Besatzung der DRF Luftrettung die Versorgung übernahm. Heiko Roth, Rettungsassistent an Bord von Christoph 38, weiß noch genau, wie die Patientin damals reagierte: „Ihre ersten Worte waren: ‚Da wird sich meine Mama ja freuen, die liegt auch gerade im Krankenhaus.‘ Wir befreiten sie vorsichtig von ihrer Lederkombi und machten einen Bodycheck. Bei einem Hochgeschwindigkeitstrauma – und das beginnt bereits bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 km/h – ist die Gewalteinwirkung auf den Körper immens. Daher wird ein Patient vollständig untersucht, um Verletzungen erkennen beziehungsweise ausschließen zu können.“ Hubschraubernotarzt Dr. Sebastian Gableske verabreichte der Patientin Schmerzmittel und kreislaufstabilisierende Medikamente. Anschließend fixierte die Besatzung Elisabeth auf einem Spineboard – eine spezielle Trage, die zur Stützung der Wirbelsäule dient und einen schonenden Transport ermöglicht. „Ich weiß noch, dass sie sehr vorsichtig mit mir umgegangen sind“, erzählt die 17-Jährige. „Das war auch absolut notwendig“, ergänzt Heiko Roth, „denn alles deutete auf eine schwere Wirbelsäulenverletzung hin.“ Wie schwer, das sollte sich später im Krankenhaus herausstellen.

Während des Flugs an Bord von Christoph 38 schossen der Schülerin tausend Gedanken durch den Kopf. „Einer davon war, dass ich nur Prellungen hätte und meine Eltern wegen mir nicht auf ihren geplanten Urlaub verzichten müssten. Dabei mussten sie das ja schon wegen meiner Mutter.“ Nach einer Flugzeit von nur sieben Minuten landete Pilot Peter Flor den Rettungshubschrauber auf dem Dachlandeplatz des Dresdner Universitätsklinikums, schnell konnte die Patientin an die Ärzte übergeben werden.

Knapp an der Querschnittslähmung vorbei

Ein dreifacher Beckenbruch, eine Quetschung der Lunge und ein abgeknickter, gesplitterter Brustwirbel – so lautete die Diagnose. „Gerade Letzteres ist sehr gefährlich und kann zu einer Querschnittslähmung führen“, weiß Rettungsassistent Heiko Roth. Elisabeths Operation dauerte mehrere Stunden, ein Fixateur wurde eingesetzt, damit der gebrochene Wirbel wieder ordnungsgemäß anwachsen kann. Bei einer zweiten Operation vier Tage nach dem Unfall wurde zusätzlich eine Titanplatte zur Stabilisierung der Brustwirbelsäule eingesetzt. „Das Thema Querschnittslähmung stand von Anfang an im Raum“, erzählt Elisabeth Löschau. „Erst zwei Wochen nach der Operation, als ich mich zum ersten Mal aufsetzte, war mir klar, dass ich knapp daran vorbeigeschrammt bin.“

Elisabeth machte schnelle Fortschritte. Ende August konnte sie bereits die ersten Schritte gehen, es folgten eine vierwöchige Reha und regelmäßige Besuche eines Physiotherapeuten. Im Februar schließlich wurde der Fixateur entfernt, die Titanplatte zur Stabilisierung hingegen wird bleiben. „Ich habe täglich Schmerzen, die ohne Schmerzmittel nicht auszuhalten sind. Aber ich bin guter Dinge und hoffe sehr, dass alles wieder so wird wie früher. Dafür kämpfe ich jeden Tag.“ Elisabeth weiß, wie viel Glück sie hatte: „Erst neulich fragte mich mein Arzt, ob ich wüsste, wie viele Schutzengel mich an diesem Tag begleitet hätten. Fast alle Unfallopfer wären nach einem solchen Unfall querschnittsgelähmt. Ich bin vor allem der Besatzung der DRF Luftrettung unendlich dankbar! Wer weiß, ob ich noch laufen könnte, hätte mich nicht der Rettungshubschrauber transportiert.“

Aufs Motorrad will die 17-Jährige eines Tages wieder steigen. „Das darf ich auch, ich möchte mir nur noch etwas Zeit lassen.“ Angst vor diesem Moment hat sie nicht, „nur davor, wieder unschuldig in eine solche Situation zu geraten.“ Zunächst möchte sich die Schülerin auf ihr Abitur konzentrieren und sich anschließend einen langersehnten Wunsch erfüllen: „Ich möchte in der Luftfahrt mitwirken, zum Beispiel als Pilotin, sofern mein Körper dies noch zulässt.“

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