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21.06.2017 | Rettungsbericht

„Was bleibt, ist eine 13 cm lange Narbe am Bein“

  • Einmal in der Woche schließen Harald Spayda und seine Frau Franziska ihre Praxis und verbringen die Zeit bewusst zu zweit.
    Einmal in der Woche schließen Harald Spayda und seine Frau Franziska ihre Praxis und verbringen die Zeit bewusst zu zweit.

Weihnachten steht vor der Tür. Seit jeher ist es Tradition, dass Harald Spayda den Tannenbaum schmückt und Weihnachten einläutet. Kugel für Kugel nimmt er in die Hand, doch dieses Jahr fällt es ihm schwer. Die Schmerzen im linken Bein werden immer schlimmer und auch das Atmen bereitet ihm Schwierigkeiten. Schon seit Wochen leidet er darunter. „Aber ich bin für gewöhnlich kein Mensch der jammert, denn Schmerzen gehören zum Leben und ich habe schon einiges erlebt“, so der ehemalige Fallschirmjäger. „Doch diese waren unerträglich. Ich konnte nicht mehr gehen, lag anschließend nur noch im Bett.“ So verbringt er die Feiertage liegend in der Hoffnung, es würde ihm mit etwas Ruhe besser gehen. Doch es wird schlimmer: hohes Fieber, Unruhe, Verwirrtheit suchen ihn heim. Am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags ruft seine Frau den Notarzt.

„Eine Blutvergiftung ist eine komplexe, lebensbedrohliche Immunreaktion, die durch eine Infektion mit Krankheitserregern ausgelöst wird. Dabei handelt es sich meist um Bakterien, es können aber auch Viren, Pilze oder Parasiten eine sog. Sepsis auslösen. Ausgangspunkt ist dabei in vielen Fällen eine Lungenentzündung, aber auch Wundinfekte können sie auslösen“, erklärt Dr. Gregor Lichy, Hubschraubernotarzt der DRF Luftrettung. Was die Krankheit dabei so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass sie oft nicht rechtzeitig erkannt wird. Die beschriebenen Symptome sind vor allem im frühen Stadium der Sepsis sehr vieldeutig und lassen eher an einen einfachen Infekt denken.

Geringe Überlebenschancen

Auf der Intensivstation des Sigmaringer Krankenhauses wird Harald Spayda ins künstliche Koma versetzt. Die folgenden Tage liegen für ihn im Dunkeln. „Am Morgen des 6. Januar erhielt ich einen besorgniserregenden Anruf“, erzählt seine Frau Franziska Spayda. „Mir wurde gesagt, dass sich sein Zustand stark verschlechtert hat und er an akutem Lungenversagen leidet. Man könne ihm in Sigmaringen nicht mehr helfen. Daraufhin habe ich mich sofort aufgemacht und bin ins Krankenhaus zu meinem Mann gefahren.“

„Schweres Lungenversagen, in der Fachsprache Acute respiratory distress syndrome genannt, kurz ARDS, wird nur in großen Zentren behandelt und weist in der Regel ohne eine zügige, zielgerichtete Therapie eine geringe Überlebenschance auf“, erklärt Dr. Gregor Lichy. Als Besatzungsmitglied des Stuttgarter Intensivtransporthubschraubers Christoph 51 war er an jenem Abend im Einsatz. „Der Gasaustausch in der Lunge ist massiv gestört. Die Abgabe von Kohlenstoffdioxid ebenso wie die Aufnahme von Sauerstoff ist beeinträchtigt, wodurch es zu einer Unterversorgung der Organe kommt. Das gesamte Problem breitet sich dabei immer weiter im ganzen Körper aus, bedingt durch die Verschiebung im Säuren-Basen-Haushalt, entzündliche Reaktionen und die Sauerstoffunterversorgung. Die Leberfunktion lässt nach, die Nierenfunktion ist gestört, der Kreislauf versagt.“

Die Zeit drängt, daher soll der Transport über die Luft mit Christoph 51, dem rot-weißen Intensivtransporthubschrauber aus Stuttgart, erfolgen. Über die geschwungenen Straßen der Schwäbischen Alb wäre dies ein zeitintensiveres Unterfangen.

Harald Spayda soll nach Tübingen verlegt werden, damit er dort an eine sog. ECMO angeschlossen werden kann. ECMO steht für „Extra Corporeal Membrane Oxygenation“. Die „künstliche Lunge“ erfüllt dabei die Funktion des Gasaustausches und entlastet somit die Lunge des Patienten, damit sie regenerieren kann und sich die Entzündungsreaktion zurückbildet.

Persönliche Worte des Piloten

„Als der Hubschrauber in Sigmaringen gelandet war, kam der Pilot direkt auf mich zu und hat ein paar persönliche Worte an mich gerichtet“, so Frau Spayda. „Ich wurde mit eingebunden und konnte die letzten Minuten vor dem Abflug bei meinem Mann sein. Da waren Leute, die jeden Handgriff kennen. Für mein Gefühl war das ungemein wichtig.“

Die medizinische Crew bereitet den Patienten in der Zwischenzeit auf den Transport vor. „In schwerwiegenden Fällen wie diesen, ist die Beatmung komplex. Der ganze Vorgang geht dabei über das hinaus, was wir sonst machen“, so Dr. Gregor Lichy. „Wir haben den Patienten vom Beatmungsgerät der Klinik an unser eigenes angeschlossen und mehrere Infusionsspritzenpumpen im Einsatz gehabt. Dies zeigt, was medizinisch möglich ist und wie wichtig es ist, dass Rettungsmittel optimal ausgestattet sind.“

Der 6. Januar 2015 ist ein sonniger Tag. Über der ganzen Schwäbischen Alb erstreckt sich strahlend blauer Himmel, der sich mit der untergehenden Sonne langsam in ein dunkleres Blau färbt. Als Christoph 51 mit Harald Spayda an Bord abhebt, denkt sich seine Frau nur: „Da hast du dir einen schönen Tag zum Fliegen ausgesucht.“ Für sie war es in dem Moment sehr wichtig, mit ihm in Gedanken zu sprechen, auch wenn er sie nicht hören konnte. „Ich hoffte nur, dass er es spürt, dass er als ehemaliger Fallschirmjäger nochmal Hubschrauber fliegen darf“.

Mehr Zeit für uns

Die Genesung in Tübingen verläuft wie geplant. Als Harald Spayda Ende Januar wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird, kann er jedoch lange Zeit nicht laufen. „Ich konnte mein Bein zu Beginn kaum belasten und musste wieder laufen lernen, aber die Krankheit war überwunden. Was bleibt, ist eine 13 cm lange Narbe am Bein.“ Kaum wieder zuhause setzen er und seine Frau das um, was sie sich während der schweren Zeit geschworen haben: künftig kürzer zu treten. „Wir haben uns dazu entschlossen, unser Geschäft mittwochs zu schließen und den Tag gemeinsam zu verbringen. Das ist unser Tag und unsere Zeit zu zweit!“

Auch bei einer anderen Sache hat das Ehepaar, das seit 46 Jahren verheiratet ist, nicht lange gezögert. „Den Luftrettern der Stuttgarter Station haben wir für ihren Einsatz mit einem Schreiben gedankt, aber für uns war es persönlich wichtig, dass wir auch darüber hinaus der DRF Luftrettung verbunden bleiben“, so Franziska Spayda. „Sie zu unterstützen und dabei zu helfen, dass Hubschrauber permanent im Einsatz sein können und dass überhaupt geeignetes und hochqualifiziertes Personal da ist, all dies waren für uns Gründe, die Luftretter zu unterstützen. Für uns ist es beruhigend zu wissen, dass es sie gibt.“

Im Gegensatz zu Harald Spayda, kann sich seine Frau an jeden einzelnen Tag ganz genau erinnern. Ihre Erinnerungen hat sie in einem Tagebuch niedergeschrieben und das liegt jetzt neben ihm am Bett. Da ihm die Tage, an denen er im Koma lag, fehlen, hat er nun die Möglichkeit, diese Lücken zu schließen und wenn er abends nicht schlafen kann, dann liest er über jene schwere Zeit, von der er fast nichts mitbekommen hat, und über die Gedanken seiner Frau zwischen Bangen und Hoffen.

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