19.04.2012 | Rettungsbericht

Wer hoch springt, kann tief fallen

Toni Rottweiler hat sein Hobby zum Beruf gemacht, denn er kitet* für sein Leben gern. Im Dezember 2011 hat er es bei einem Sturz fast verloren. Er muss schnellstmöglich in eine Spezialklinik gebracht werden. Doch die Straßen im Schwarzwald sind schneebedeckt und spiegelglatt. Ein Wettrennen gegen die Zeit beginnt.

Der erste Schnee

In der Nacht zum 17. Dezember 2011 hatte es im Schwarzwald geschneit. Das nahm Toni Rottweiler zum Anlass, die Wintersaison zu eröffnen: „Der Schnee kam gerade recht, denn ich wollte für einen Kite-Hersteller verschiedene Prototypen testen“, erzählt der 29-Jährige, der vor 9 Jahren seinen Beruf als Elektroinstallateur für das Kiten aufgegeben hatte. Seit März 2007 betreibt er im Schwarzwald eine Kiteschule. Gerade hatte er sich mit ein paar Sprüngen aufgewärmt, als sich bei einem großen Sprung im Moment des Überschlags das Segel in rund acht Metern ausgeklinkt und er kopfüber zu Boden stürzt. „Bei dem Aufprall wurde mein rechtes Schulterblatt von Oberarm und Schlüsselbein getrennt, das Kreuzband am linken Knie war gerissen und einige Rippen gebrochen. Dabei wurde ein Lungenflügel verletzt, was mir massive Atemprobleme bereitete“, berichtet der Funsportler, dem das Ausmaß seiner Verletzungen anfangs nicht bewusst ist: „Dass mir nach einem Sturz mal die Luft wegbleibt, ist nichts Dramatisches.“ Doch Rottweilers Zustand bessert sich nicht, das Atmen fällt ihm zunehmend schwerer, sodass seine Begleiter einen Notruf absetzen.

Schnelles Handeln ist gefragt

Bis jedoch Hilfe an der Talstation des Skilifts in Schwärzenbach eintrifft, vergeht einige Zeit. Die Straßen sind verschneit und rutschig, sodass die Einsatzkräfte mit dem Rettungswagen nur langsam vorankommen. Beim Patienten eingetroffen wird den Rettungsassistenten schnell klar, dass ein Notarzt erforderlich ist. Sie alarmieren Christoph 11 aus Villingen-Schwenningen über die Leitstelle Freiburg. Die Crew übernimmt den Einsatz um 14:09 Uhr. Auf dem Flug zum 20 km Luftlinie entfernten Einsatzort schwört Pilot Frank-Michael Jaenke die medizinische Besatzung auf die Wettersituation ein: „Da kommt viel Schnee, wir müssen uns beeilen.“ Nach kurzem Suchflug landet Jaenke den rot-weiß lackierten  Rettungshubschrauber in der Nähe des Unfallortes. „Behaltet die Zeit im Auge“, ruft er Dr. Sebastian Kern und Heiko Freyer hinterher, die schon unterwegs zum Patienten sind. Als beide dort eintreffen, haben die Rettungsassistenten vor Ort Toni Rottweiler bereits auf eine Trage gelegt, in den Rettungswagen verbracht und an den Überwachungsmonitor angeschlossen. Ein Blick auf die angezeigten Vitalwerte genügt und Hubschraubernotarzt Dr. Sebastian Kern weiß, dass der Zustand des Patienten kritisch ist. Wir müssen handeln, schnell“, informiert er Rettungsassistent Heiko Freyer und die Einsatzkräfte im Rettungswagen. Der Notarzt möchte vom Patienten wissen, ob er Gefühl in den Füßen hat, um gravierende Rückenmarksverletzungen auszuschließen. „Spüren Sie das? Und das?“ Dr. Kern zwickt Rottweiler in die Zehen, der Patient nickt. Das Atmen fällt ihm zunehmend schwerer, er röchelt nach Luft. Der Hubschraubernotarzt verabreicht ihm starke Schmerz- und Beruhigungsmittel, um ihn künstlich zu beatmen und für den Transport vorzubereiten. Anschließend wird er in das Schwarzwald-Baar-Klinikum nach Schwenningen geflogen, das auf Patienten mit einem Polytrauma spezialisiert ist. Die Wettersituation lässt dies gerade noch zu, der Flug dauert nur wenige Minuten. Bodengebunden hätte der Transport über die verschneiten Schwarzwaldstraßen an diesem Tag ein Vielfaches an Zeit beansprucht. Zeit, die Toni Rottweiler nicht hatte.

"Ich hatte großes Glück"

Erst am Abend kommt er auf der Intensivstation kurz zu sich. Seine Frau Nicole sitzt weinend an seinem Bett, was er nur im Halbschlaf wahrnimmt, bevor er in einen tiefen, traumlosen Schlaf fällt. Erst am nächsten Morgen wird er wieder wach. Noch einige Tage muss er zur Beobachtung in der Klinik bleiben, Weihnachten feiert er bereits im Kreise seiner Familie. Bis Toni Rottweiler wieder ganz der Alte ist und wieder kiten kann, wird jedoch noch einige Zeit ins Land gehen. Sein Knie musste mehrfach operiert werden. „Die Ärzte sagten mir, dass ich großes Glück hatte“, erzählt Rottweiler, der sich bei seinem Unfall das Genick hätte brechen können. „Mir war das nie so bewusst, aber ich bin meinen Rettern und all jenen, die für mich da waren und sind, unendlich dankbar.“

*Kiten ist ein Trendsport bei dem sich der Sportler auf einem Board oder Ski von einem Lenkdrachen ziehen lässt.

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