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Rettungsassistent | Interview

Dirk Gockeler

Wenn man 50 bis 100 Meter über dem Boden bei offener Tür arbeitet und Personen an einem Seil ablässt und wieder aufnimmt, muss jeder Handgriff sitzen.

Im Februar 1998 kam Dirk Gockeler zur DRF Luftrettung. Kurz darauf entschied die gemeinnützige Organisation die Ausschreibung des Standorts Nürnberg für sich, wo der Rettungsassistent und ausgebildete Windenführer seither regelmäßig im Einsatz ist. Seit Januar 2016 ist Dirk Gockeler leitender Rettungsassistent der Station Leonberg, bleibt aber weiterhin Ausbildungsleiter für den Windenbetrieb der DRF Luftrettung. Im Interview berichtet er von den Besonderheiten und Herausforderungen, die ein Einsatz mit der Rettungswinde mit sich bringt.

Rettung am sicheren Seil

Der Nürnberger Rettungshubschrauber Christoph 27 verfügt über eine fest installierte Rettungswinde. Wann kommt sie zum Einsatz?

Dirk Gockeler: Die Winde kommt immer dann zum Einsatz, wenn eine Rettung vom Boden aus nicht möglich ist, oder nur mit großer Zeitverzögerung und hohem Risiko. Also wenn die Feuerwehr beispielsweise mit einer Drehleiter den Patienten nicht erreichen oder der bodengebundene Rettungsdienst per Pkw oder zu Fuß nicht schnell genug zu einem Patienten gelangen kann. Bei der Windenrettung muss der Zugriff aus der Luft allerdings gewährleistet sein, ein hindernisfreier Raum von etwa zwei auf zwei Metern wird dafür mindestens benötigt.

Bei der Windenrettung werden Personen an einem Seil von einem fliegenden Hubschrauber herabgelassen – das klingt nach einer wackeligen Angelegenheit.

Dirk Gockeler: Das erfordert in der Tat etwas Fingerspitzengefühl. Unsere Piloten und Windenführer sind hervorragend ausgebildet und werden regelmäßig geschult, sodass sie auch bei großer Höhe einen Notarzt und einen Berg- oder Höhenretter problemlos und zielgenau zum Patienten herablassen können.

Der Pilot sitzt im Cockpit rechts, der Windenführer steht an der linken Seite des Hubschraubers, wo die Winde fest installiert ist. Kann der Pilot überhaupt sehen, was an der Winde passiert?

Dirk Gockeler: Nein, das kann er nicht. Und auch deshalb sind die regelmäßigen Schulungen so wichtig. Windenrettung ist Teamarbeit in Reinform. Die Aufgaben aller vier Beteiligten – das sind der Pilot, der Windenführer, der Notarzt sowie ein Berg- oder Höhenretter – greifen eng ineinander und sind daher in besonderem Maße sicherheitsrelevant. Wir müssen uns vollständig aufeinander verlassen können und eine einheitliche Sprache sprechen, d. h. wir haben standardisierte Verfahren mit eindeutigen Kommandos, die jeder versteht.

Die Besatzungsmitglieder sind also aufeinander angewiesen?

Dirk Gockeler: Genau. Der Pilot fliegt beispielsweise zunächst über den Einsatzbereich, um die Gegebenheiten abzuschätzen und mögliche Hindernisse zu erkennen. Die Maschine muss später ja über dem Patienten ruhig und sicher in der Luft stehen können. Bei der Zielfindung beobachtet der Pilot seine Instrumente und das Gelände, sieht die Einsatzstelle selbst jedoch bald nicht mehr. Der Windenführer ist sein Auge. Dieser steht draußen auf der Kufe in Höhe der Rettungswinde, gesichert von einem Gurt, und der Patient muss am Schluss genau unter seiner Fußspitze liegen, denn nur dann gelangt der Windenhaken beim Abwinchen an sein Ziel. Auch zwischen Windenführer, Notarzt und Höhen- bzw. Bergretter gibt es standardisierte Kommandos und erforderliche Freigaben. Wenn man 50 bis 100 Meter über dem Boden bei offener Tür arbeitet und Personen an einem Seil ablässt und wieder aufnimmt, müssen viele Kleinigkeiten beachtet werden, jeder Handgriff muss sitzen.

Die Besatzung fliegt also zunächst zum Einsatzort und schaut sich von oben die Gegebenheiten an. Sind weitere Maßnahmen notwendig, bevor der Windenhaken abgelassen werden kann?

Dirk Gockeler: Nachdem wir die Einsatzstelle geprüft haben, landen wir zunächst in der Nähe, um die für den jeweiligen Einsatz notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Windeneinsätze in der Nürnberger Umgebung finden meist im Mittelgebirge, aber auch an Gebäuden und technischen Anlagen statt, ein Zwischenlandeplatz ist daher in maximal einer Flugminute erreichbar. Die Kollegen der ARA Flugrettung in Österreich sind primär im Hochgebirge unterwegs, daher ziehen sie beispielsweise ihre Gurte schon morgens an und tragen sie den ganzen Tag über, um sofort einsatzbereit zu sein.

Auf die Vorbereitungen folgt das Einsprechen des Piloten durch den Windenführer. Wird der Windenhaken denn erst abgelassen, wenn der Patient genau unterhalb des Windenführers liegt?

Dirk Gockeler: Mit dem Ablassen des Windenhakens wird in der Regel bereits etwa 50 Meter vor dem Patienten begonnen, um die Schwebezeit über der Einsatzstelle möglichst kurz zu halten. Wir sparen uns dadurch Zeit und erhöhen zudem die Sicherheit. Meist befinden wir uns dabei auf einer Höhe von 30 bis 40 Metern, bei hohen Hindernissen steht uns eine Seillänge von maximal 90 Metern zur Verfügung.  

Wie wird der Patient schließlich gerettet?

Dirk Gockeler: Das hängt von den Gegebenheiten ab. Wir haben drei Möglichkeiten: Wenn es schnell gehen muss und akute Gefahr für einen Patienten besteht – etwa ein drohender Absturz beim Klettern –, dann nutzen wir eine Rettungsschlinge. Das ist ein Gurt, der in wenigen Sekunden um den Brustkorb des Patienten herum angelegt wird. Die Rettung erfolgt immer im Doppelwinch, der Retter drückt die Arme des Verunglückten an dessen Körper und fixiert sie damit nach unten. Wir setzen den Patienten dann schnellstmöglich an Land ab, wo er sofort medizinisch versorgt wird.

Ebenfalls schnell geht es mit einem Rettungssitz, einem großen, spitzwinkligen Dreieck, bei dem die vordere Spitze zwischen den Beinen durchgezogen wird. Mit einem Karabiner wird es an drei Enden zusammengefasst und über eine Bandschlinge und einem weiteren Stahlkarabiner an den Windenhaken eingehängt. Der Rettungssitz ist beispielsweise optimal bei Patienten mit isolierter Fußknöchel- oder Unterschenkelverletzung und ist auch für Kinder gut geeignet.

Bei allen anderen Fällen, wenn der Patient schwer verletzt ist, wenn er liegend und schonend transportiert werden muss, nutzen wir den Bergesack. Das ist ein überbreiter, fest vernähter Kunststoffsack, von dem Seile abgehen, die an einem Zentralkarabiner zusammenlaufen. In diesen Sack integriert ist eine Vakuummatratze mit Styroporkügelchen. Durch das Ansaugen wird die Matratze stabil wie ein mobiles Gipsbett, der Patient wird fest umhüllt und unbeweglich, was beispielsweise bei Wirbelsäulenverletzungen sehr wichtig ist.

Der Körperbau von Patienten, insbesondere die Größe, kann ja stark variieren. Wie gelingt es, dass der Bergesack in der Luft nicht in eine Richtung kippt?

Dirk Gockeler: Um eine Schieflage zu vermeiden, muss der Patient mittig liegen. Keinesfalls sollte er kopflastig oder seitwärts gekippt liegen, das wäre unangenehm beim Transport. Die richtige Lage des Patienten bzw. der Vakuummatratze wird durch gemeinsames Anheben durch Notarzt und Berg- bzw. Höhenretter überprüft.

Wird der Patient dann im Bergesack hochgezogen und in der Luft verladen?

Dirk Gockeler: So machen es die Kollegen der ARA Flugrettung in Reutte und Fresach, wenn sie im Hochgebirge unterwegs sind. In Nürnberg fliegen wir mit dem Patienten an der Winde zur nächsten Landemöglichkeit, d. h. maximal eine Minute. Dort setzen wir ihn ab. Anschließend wird der Patient versorgt und bei Bedarf mit dem Hubschrauber in die nächste geeignete Klinik transportiert.

Benötigen alle Besatzungsmitglieder eine spezielle Ausbildung für die Windenrettung?

Dirk Gockeler: Ja. Piloten und Rettungsassistenten absolvieren sogar eine gemeinsame Grundausbildung, was allein wegen des notwendigen Teamworks wichtig ist. Innerhalb von zwei Wochen erhalten sie zunächst eine theoretische Ausbildung, daran schließt ein Praxisteil an mit 50 Windengängen, inklusive An- und Abflugverfahren. Insgesamt sind das rund zehn Flugstunden, was diese vorgeschriebene Ausbildung teuer macht. Die Kosten dafür muss die DRF Luftrettung selbst tragen. Nach der Ausbildung sind die Piloten berechtigt, Windeneinsätze zu fliegen, und Rettungsassistenten dürfen als Windenführer agieren. Notärzte, Berg- und Höhenretter benötigen eine Windenzusatzausbildung, die aus einem Theorie- und einem Praxistag besteht. Darüber hinaus bieten wir zweimal jährlich ein Windentraining an, an dem Piloten und Windenführer immer teilnehmen müssen. Notärzte, Berg- und Höhenretter sind zu einem der beiden Termine verpflichtet.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Berg- und einem Höhenretter?

Dirk Gockeler: Der Bergretter ist ausgebildet für die Rettung im Gebirge und Gelände, d. h. im Wald, in Wander- und Klettergebieten usw. Der Höhenretter ist auf die Rettung von Personen spezialisiert, die sich auf hohen Gebäuden und Anlagen befinden, also auf einem Hochhaus, einem Sendemast, einem Kran, einem Windrad oder dergleichen. In Nürnberg arbeiten wir seit Jahren eng mit der BRK Bergwacht Bayern und den Höhenrettern der Berufsfeuerwehr Nürnberg zusammen. Sobald wir zu einem Windeneinsatz alarmiert werden, nehmen wir den jeweils benötigten Retter mit an Bord.

Wo werden sie aufgenommen?

Dirk Gockeler: Zwei Flugminuten von uns entfernt ist die Feuerwache der Berufsfeuerwehr. Ein Höhenretter steht uns dort während unserer Dienstzeit zur Verfügung. Ebenso ist es mit den Bergrettern, wo wir in jeder Himmelsrichtung innerhalb weniger Minuten eine Aufnahmestelle erreichen können. Wenn sich am Einsatzort bereits ein auf Luftrettung trainierter Bergretter befindet, fliegen wir natürlich direkt hin. Die Anzahl an Windeneinsätzen ist geringer als die der übrigen Einsätze, daher sind wir im Alltag nur zu dritt unterwegs. In Reutte und Fresach, wo die Winde öfter benötigt wird, sind dagegen immer schon alle vier Besatzungsmitglieder an Bord.

In welchem Einsatzgebiet steht Christoph 27 für die Windenrettung zur Verfügung?

Dirk Gockeler: Im Prinzip haben wir einen Einsatzradius von rund 60 Kilometern, wie jeder andere Rettungshubschrauber der DRF Luftrettung auch. Da unser Hubschrauber in Deutschland jedoch einer der wenigen ist, der mit einer fest installierten Winde ausgestattet ist und einen Notarzt an Bord hat, stellen wir unsere Expertise auch überregional zur Verfügung. Wir können über die Integrierte Leitstelle Nürnberg alarmiert werden. Das ist vielerorts noch nicht bekannt, aber wir merken bereits, dass sich das allmählich ändert.

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