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Notarzt | Interview

Dr. Björn Lütcke

Die medizinischen Herausforderungen sind unterschiedlich, das macht es für mich als Notarzt so spannend.

Vom Nürnberger Flughafen aus starten täglich zwei rot-weiße Hubschrauber der DRF Luftrettung, um Menschen in Not zu helfen. Doch warum gleich zwei? Was unterscheidet Christoph 27 und Christoph Nürnberg? Einer, der es wissen muss, ist Dr. Björn Lütcke, der als Notarzt und Intensivmediziner auf beiden Hubschraubern im Einsatz ist:

Dr. Lütcke, warum stehen in Nürnberg gleich zwei Hubschrauber der DRF Luftrettung?

Weil das Land Bayern den Flughafen Nürnberg als Standort für zwei Hubschrauber auserkoren hat – einen Rettungshubschrauber, kurz RTH, sowie einen Intensivtransporthubschrauber, kurz ITH. Beide sind dazu da, um Menschen in Not zu helfen, jedoch auf unterschiedliche Weise.

Könnten Sie diesen Unterschied genauer erläutern?

Die Hauptaufgabe des RTH ist die Notfallrettung. Er wird durch die Integrierte Leitstelle Nürnberg und die umliegenden Rettungsleitstellen alarmiert, bei denen ein Notruf eingeht. Wenn der zuständige Disponent entscheidet, dass ein notarztbesetztes Rettungsmittel benötigt wird, kann er ein Notarzteinsatzfahrzeug oder einen RTH alarmieren. Das hängt in der Regel davon ab, wer schneller beim Patienten sein kann.

Der RTH wird also nicht nur bei sehr schweren Verletzungen und Erkrankungen alarmiert?

Oft sind die Verletzungen und Erkrankungen unserer Patienten lebensbedrohlich, aber grundsätzlich hängt die Entscheidung zwischen Fahrzeug und Hubschrauber nicht von der Schwere der Verletzungen ab. Wichtig ist, dass der Notarzt schnellstmöglich zum Patienten kommt. Und häufig ist Christoph 27 der schnellste Notarztzubringer im Einsatzgebiet rund um Nürnberg.

Wird der RTH also nur alarmiert, wenn er den Notarzt am schnellsten zum Patienten bringen kann?

Nein, es gibt noch weitere Alarmierungsgründe. Notfallpatienten müssen oft schnell und schonend in Spezialkliniken gebracht werden. Diese Kliniken können weit vom Einsatzort entfernt liegen. Deshalb wird unser RTH oft von einem bodengebundenen Notarzt zu einem bereits versorgten Patienten nachalarmiert, um den Transport zu übernehmen, der mit einem Rettungswagen zu lange dauern könnte. Außerdem wird die Besatzung von Christoph 27 immer wieder zu zeitkritischen Intensivtransporten alarmiert, zum Beispiel bei einer akuten Hirnblutung.

Was genau ist ein Intensivtransport?

Dabei handelt es sich um einen Transport von kritisch kranken Patienten, die zur weiteren Behandlung von einem Krankenhaus in eine Spezialklinik gebracht werden müssen. Dafür kommen in Deutschland Intensivtransportwagen oder Intensivtransporthubschrauber wie Christoph Nürnberg zum Einsatz. Für die Organisation dieser Transporte haben einige Bundesländer Koordinierungsstellen eingerichtet, in Bayern ist die Koordinierungszentrale für Intensivtransporthubschrauber München zuständig. Dort meldet die abgebende Klinik über die örtliche Leitstelle den Bedarf eines Transports an.

Sie arbeiten als Anästhesist am Universitätsklinikum Erlangen und begleiten oft Patienten im Intensivtransportwagen des Klinikums. Wo liegt der wesentliche Unterschied zum Transport im ITH?

Wie bei der Notfallrettung ist auch hierbei der Faktor Zeit häufig der entscheidende Vorteil des Hubschraubers. Allerdings geht es beim Intensivtransport nicht immer darum, schnellstmöglich beim Patienten zu sein, da dieser bereits vorversorgt wird. Ziel ist vielmehr, ihn nach der Übernahme schnellstmöglich einer verbesserten klinischen Versorgung zuzuführen. Die Transporte an Bord von Christoph Nürnberg sind meist weniger zeitintensiv als die im Intensivtransportwagen, auch über deutlich größere Entfernungen.

Christoph 27 ist also ein Rettungshubschrauber mit Schwerpunkt Notfallrettung, die Hauptaufgabe von Christoph Nürnberg ist der Transport von Intensivpatienten …

… das stimmt, wobei grundsätzlich beide Hubschrauber beides können und entsprechend medizintechnisch ausgestattet sind.

Christoph Nürnberg wird also auch zu Notfalleinsätzen alarmiert?

Ja, das kommt vor, etwa wenn Christoph 27 gerade unterwegs ist. Oder nachts, denn Christoph 27 ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang einsatzbereit, Christoph Nürnberg hingegen rund um die Uhr. Der neue Hubschrauber des Typs H 145, den wir im April erhalten haben, eignet sich ideal für den Einsatz bei Nacht. Beide Piloten können NVGs nutzen – das sind Nachtsichtbrillen, die das vorhandene Restlicht massiv verstärken. Die H 145 verfügt über eine spezielle Auslegung der Cockpit- und Kabinenbeleuchtung, um bei Einsätzen in der Nacht die Sicht der Piloten nicht zu beeinträchtigen.

Gibt es weitere Unterschiede zwischen den beiden Hubschraubern?

Christoph 27 verfügt über eine Rettungswinde, die dann zum Einsatz kommt, wenn Patienten in sehr schwer zugänglichem Gebiet verunglückt oder schwer erkrankt sind, z.B. nach Freizeit- und Kletterunfällen in den Felswänden der fränkischen Schweiz. Das Verfahren der Windenrettung muss regelmäßig trainiert werden. Erst Ende September fand ein solches Training wieder in Nürnberg statt.

Wie unterscheidet sich denn der Alltag eines RTH-Notarztes von dem eines ITH-Notarztes in medizinischer Hinsicht?

Beide bringen große medizinische Herausforderungen mit sich. Beim ITH liegt sie darin, die intensivmedizinische Versorgung des Patienten während des Transports aufrecht zu erhalten. Der Innenraum ist größer, sodass wir besser an den Patienten herankommen. Das ist von Bedeutung während des Fluges, der meist länger dauert als mit einem RTH, da größere Entfernungen zu überbrücken sind. Wesentlich ist zudem die Patientenübernahme an der abgebenden Klinik.

Wie läuft diese ab?

Sie beginnt im Prinzip mit der Anforderung des Hubschraubers. Wenn wir einen solchen Auftrag übernehmen können, führe ich ein Gespräch mit dem Arzt der Klinik und kläre Details. Manche Intensivpatienten benötigen beim Transport bestimmte Geräte, z. B. einen Inkubator bei Säuglingen, oder eine große Menge an Sauerstoff. Manchmal müssen wir auch Spezialisten abholen, die den Transport begleiten, z. B. einen Kinderarzt. Auch die Distanz zur Zielklinik, das Wetter und viele weitere Faktoren müssen beachtet werden. Jeder Intensivtransport muss also gut geplant sein und vorher einmal durchgesprochen werden, damit im Einsatz die Abläufe reibungslos sind. Die Koordination dieser Abläufe bedarf meistens nur weniger Minuten.

Und was sind die Besonderheiten beim Einsatz mit dem Rettungshubschrauber?

Aus medizinischer Sicht ist es die Befunds- und Verdachtsdiagnose. Wenn man zum Notfallort kommt, weiß man oft noch nicht, welcher Verletzungen oder Erkrankungen der Patient genau hat. Eine Bewusstlosigkeit zum Beispiel kann sowohl kreislaufbedingt sein als auch einen Hirninfarkt als Ursache haben. Man untersucht den Patienten daher systematisch, überprüft die Vitalfunktionen, schließt aus, und leitet die ersten Therapieschritte ein. Manches ist durch die Krankheitsgeschichte eingrenzbar, aber nicht alles lässt sich eindeutig feststellen. Beim Intensivpatienten dagegen liegt in aller Regel eine Diagnose vor. Die medizinischen Herausforderungen sind unterschiedlich, das macht es für mich als Notarzt so spannend.

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