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Leiter Einsatzzentrale | Interview

Michael Zürn

Es ist wichtig, gleich im ersten Gespräch so viele Informationen wie möglich zu erhalten...

Ein Rad greift ins andere

In der Einsatzzentrale der DRF Luftrettung am Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden gibt es viel zu tun. Während ein Mitarbeiter die Landegenehmigungen für einen Flug nach Namibia einholt, mailt ein anderer erste Informationen an den diensthabenden Arzt, der die medizinische Notwendigkeit einer Rückholung abklären soll. An 365 Tagen im Jahr nehmen die Einsatzkoordinatoren rund um die Uhr Notrufe entgegen. Binnen weniger Stunden organisieren sie die weltweite Rückholung von verletzten oder erkrankten Menschen. Im Interview gewährt Michael Zürn, Leiter der Einsatzzentrale, Einblicke in die tägliche Arbeit und erzählt, welche Logistik hinter einer Repatriierung steckt und worauf sich die Patienten verlassen können.

Unsere Frage: Die Einsatzzentrale der DRF Luftrettung ist rund um die Uhr besetzt. Wie viele Einsatzkoordinatoren sind dort täglich im Dienst?

Michael Zürn: Tagsüber sind wir maximal zu dritt, um einerseits weltweite Ambulanzflüge, andererseits Patiententransporte zwischen Kliniken innerhalb Baden-Württembergs zu koordinieren. In der Nacht, wenn z. B. Notrufe aus Übersee eingehen, ist die Einsatzzentrale mit einem Einsatzkoordinator besetzt.

Unsere Frage: Ob bei Tag oder Nacht – wie gehen Sie vor, wenn ein Notruf eingeht?

Michael Zürn: Es ist wichtig, gleich im ersten Gespräch so viele Informationen wie möglich zu erhalten, das heißt, wir fragen nach Name, Alter und Heimatadresse des Patienten. Ebenso erkundigen wir uns nach der Klinik, in der er sich befindet, und notieren die Kontaktdaten der behandelnden Ärzte sowie des Klinikpersonals. Wichtig ist auch, dass wir uns möglichst umfassend über Erkrankung oder Verletzungen des Patienten informieren. Während des Telefonats überträgt der Einsatzkoordinator am Computer alle Daten in ein Formular und benachrichtigt anschließend per E-Mail die Ärzte, die für das Arzt-zu-Arzt-Gespräch zur Verfügung stehen, bei dem die medizinische Notwendigkeit der Rückholung abgeklärt wird.

Unsere Frage: Wäre ein schneller Anruf in diesem Fall nicht sinnvoller?

Michael Zürn: Nein, denn gerade durch die Übermittlung der Daten per E-Mail sparen wir letztlich Zeit und garantieren, dass alle Informationen korrekt kommuniziert werden. Der beratende Arzt bekommt das vollständig ausgefüllte Protokoll. So kann er sich ohne Verzögerung mit den behandelnden Klinikärzten in Verbindung setzen und klären, ob eine Rückholung medizinisch notwendig ist und inwieweit der Patient transportfähig ist. Dies geschieht in aller Regel telefonisch.

Unsere Frage: Und wie verständigen sie sich mit den Kollegen im fernen Ausland?

Michael Zürn: Unsere Ärzte sprechen mehrere Sprachen. Mit Spanisch, Italienisch, Russisch, Französisch und Englisch lassen sich die meisten Sprachbarrieren überwinden. Ist Türkisch gefragt, steht uns eine Übersetzerin hilfreich zur Seite. Bei der inhaltlichen Verständigung gibt es keine Probleme. Da unsere beratenden Ärzte regelmäßig Patiententransporte an Bord unserer Ambulanzflugzeuge begleiten, wissen sie genau, welche Versorgungsmöglichkeiten in einem Learjet der DRF Luftrettung bestehen.

Unsere Frage: Wie bereitet sich die medizinische Besatzung auf einen Einsatz vor?

Michael Zürn: Wir wenden uns zunächst an den Rettungsassistenten vom Dienst. Er entscheidet nach medizinischen Kriterien, welche der diensthabenden Crews alarmiert wird – in aller Regel sind drei medizinische Besatzungen in Bereitschaft. Handelt es sich beim Patienten um ein Kind, begleitet idealerweise ein Kinderarzt den Transport. Damit sich die Besatzung auf den Patienten vorbereiten und die medizinische Ausrüstung an Bord anpassen kann, erhalten Notarzt und Rettungsassistent alle Daten, die seit Eingang des Notrufs zusammengetragen wurden. Dazu zählen natürlich auch die Protokolle, die der beratende Arzt bei seiner Korrespondenz mit den behandelnden Ärzten und dem Patienten angefertigt hat.

Unsere Frage: Werden Flugkapitän und Copilot zeitgleich mit der medizinischen Besatzung alarmiert?

Michael Zürn: Ganz genau. Wir informieren den Flottenchef vom Dienst, der unter Berücksichtigung der vorgeschriebenen Flugdienst- und Ruhezeiten die fliegerische Besatzung für den Einsatz festlegt.

Unsere Frage: Parallel dazu treffen Sie die Vorbereitungen für den anstehenden Flug. Welche sind das genau?

Michael Zürn: Zunächst erstellen wir den Flugplan mit der voraussichtlichen Flugroute und senden ihn an Eurocontrol. Diese internationale Organisation koordiniert den gesamten europäischen Luftraum und vergibt je nach Verkehrslage Zeitfenster für Starts und Landungen von Flugzeugen. Nach Planung der Flugroute mit entsprechenden Tankstopps holen wir Überflug- und Landegenehmigungen ein. Außerdem überprüfen wir die aktuelle Wetterlage und rufen die sogenannten NOTAM (Notices to Airmen, dt. Informationen für Luftfahrer) online ab. Sie beinhalten Informationen über eventuelle Einschränkungen an unserem Start- und Zielflughafen oder auf der Flugstrecke. Ergänzend zur Flugvorbereitung sorgen wir dafür, dass Besatzung und Patient reibungslos ein- und ausreisen dürfen, beispielsweise indem wir Visa besorgen.

Unsere Frage: Und wie bereitet sich die fliegerische Crew auf den bevorstehenden Flug vor?

Michael Zürn: Wir verfahren hier nach dem Vier-Augen-Prinzip, das heißt, der Flugkapitän überprüft sämtliche Informationen, die wir ihm liefern, von der Flugroute mit Tankstopps über die Wetterdaten und Visa bis hin zu den NOTAM – so werden auch kurzfristige Änderungen nicht übersehen. Flugkapitän und Copilot führen zudem vor jedem Flug eine Vorflugkontrolle durch, um den technischen Zustand des Flugzeugs zu überprüfen. Auch die Schwerpunkts- und Gewichtskontrolle gehört zur Routine. Dabei wird festgestellt, ob das Flugzeug richtig beladen ist.
Kurz vor dem Abflug findet in der Einsatzzentrale ein Briefing mit der kompletten Besatzung statt. So stellen wir sicher, dass alle Besatzungsmitglieder auf dem gleichen Informationsstand sind.

Unsere Frage: Das klingt alles sehr zeitaufwändig...

Michael Zürn: Es ist aufwändig, aber nicht zeitintensiv. Innerhalb von zwei bis drei Stunden sind unsere Ambulanzflugzeuge startbereit.

Unsere Frage: Wie schaffen Sie das?

Michael Zürn: Zum einen bringen wir alle langjährige Berufserfahrung bei der Koordination weltweiter Rückholflüge von Klinikbett zu Klinikbett mit. Zum anderen können wir weltweit auf ein Netz an Partnern zurückgreifen, die uns bei der Organisation behilflich sind. Örtliche Ambulanzunternehmen regeln beispielsweise den Transport des Patienten zum Flugplatz. Auch an den Airports haben wir Kooperationspartner, die sich um die weitere Beförderung bis zur Maschine kümmern.

Unsere Frage: Und wie erfährt der Patient den aktuellen Stand der Dinge?

Michael Zürn: Im Idealfall sind er bzw. seine Angehörigen über ein Mobiltelefon erreichbar. Sollte er Zugang zum Internet haben, informieren wir ihn auch per E-Mail. Ist beides nicht möglich, kontaktieren wir den Patienten über den Telefonanschluss der Klinik oder lassen ihm über das Pflegepersonal eine Nachricht zukommen. In jedem Fall sorgen wir dafür, dass er jederzeit informiert ist.

Unsere Frage: Wie kann ein Fördermitglied der DRF Luftrettung zu seiner schnellen Rückholung beitragen?

Michael Zürn: Fördermitglieder haben bei bezahltem Jahresbeitrag die Sicherheit, dass sie von uns im Notfall aus dem Ausland zurückgeholt werden, wenn dies medizinisch sinnvoll ist. Dafür muss man uns lediglich zeitnah alarmieren, um alles Weitere kümmern wir uns. Um Verzögerungen zu vermeiden, sollten wir stets über Veränderungen auf dem Laufenden gehalten werden.

Unsere Frage: Sie bewältigen also eine Vielzahl unterschiedlichster Aufgaben in sehr kurzer Zeit.

Michael Zürn: Ja, und genau darin liegt die Herausforderung. Jeder Einsatzkoordinator muss sich täglich auf neue Situationen einstellen. Die Einsätze ähneln sich, doch keiner ist gleich. Da wir mit unserer Tätigkeit zur Rettung von Menschenleben beitragen, erfüllt es mich jedes Mal mit einer großen Zufriedenheit, wenn wieder einmal alle Rädchen ineinander gegriffen haben und eine Rückholung reibungslos abgelaufen ist.

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