Wenn Kinder lebensbedrohlich erkranken oder schwer verletzt werden, zählt jede Minute. Die DRF Luftrettung und das Universitätsklinikum Tübingen haben jetzt mit Helipaed ein gemeinsames Pilotprojekt gestartet, um kritisch kranke und verletzte Kinder künftig noch schneller, gezielter und sicherer aus der Luft zu versorgen. Bestandteile des Projekts sind die Implementierung einer telemedizinischen Infrastruktur sowie gezielte Qualifizierungs- und Schulungsmaßnahmen der Besatzungen der DRF Luftrettung. Pilotstandorte sind die Luftrettungsstationen in Friedrichshafen, Stuttgart und Villingen-Schwenningen. Als erster Meilenstein des Projekts wurde jetzt eine standardisierte Ausrüstung für Hubschrauber für die Versorgung von Kindern erarbeitet.
Die notfallmedizinische Versorgung von Kindern ist besonders anspruchsvoll: Die medizinischen Besatzungen der DRF Luftrettung stehen in diesen Fällen trotz umfassender notfall- und intensivmedizi-nischer Expertise häufig vor vielschichtigen Herausforderungen. Besondere Einsatzsituationen oder Kinder mit komplexen Vorerkrankungen haben oftmals einen sehr speziellen Versorgungsbedarf. Im Notfall kann daher die Möglichkeit, einen erfahrenen pädiatrischen Fachspezialisten konsultieren zu können, sehr hilfreich sein und die Belastungen für die Crews reduzieren. Ein besonderer Fokus des Projekts liegt auf der Versorgung kritisch kranker Kinder während Interhospitaltransporten. Gerade bei seltenen oder komplexen Krankheitsbildern unterstützt die telemedizinische Einbindung pädiatrischer Spezialisten die Besatzungen bei wichtigen Entscheidungen zu Stabilisierung, Transport und weiter-führender Therapie.
„Unsere Crews bestehen aus erfahrenen Fachärzten und Notfallsanitätern, die in der Versorgung von Kindern bereits eine hohe Expertise besitzen. Bei sehr komplexen pädiatrischen Krankheitsbildern oder voroperierten Kindern ist die Begleitung durch spezialisierte Pädiatrie Teams sinnvoll und üblich. Doch solche Fachteams stehen aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels und der Umstrukturierungen im Zuge der Krankenhaus- und Notfallreformen nicht immer ausreichend und vor allem zeitgerecht zur Verfügung. Die telemedizinische Unterstützung durch spezialisierte Pädiater bietet hier zusätzliche Sicherheit und unterstützt die Luftrettungsteams in besonders anspruchsvollen Einsatzsitua-tionen. Unser Ziel ist es, die Versorgungsqualität für kritisch kranke Kinder nachhaltig zu verbessern und eine moderne, noch stärker kinderzentrierte Luftrettung mit gleichbleibend hoher Versorgungsqualität, unabhängig von Zeit und Einsatzort, zu erreichen“, unterstreicht Dr. Jörg Braun, Leiter Medizin und Geschäftsführer der DRF Luftrettung.
Kern des Projekts ist der Aufbau einer telemedizinischen Infrastruktur, über die pädiatrische Spezialisten der Universitäts-Kinder- und Jugendklinik Tübingen die medizinischen Crews der DRF Luftrettung, bestehend aus einem Notarzt und einem Notfallsanitäter, von der Einsatzvorbereitung über die Versorgung vor Ort bis hin zum Transport und zur Nachbereitung begleiten können. Weitere Bausteine sind gezielte Qualifizierungs- und Schulungsmaßnahmen sowie eine standardisierte, kindgerechte Ausrüstung der eingesetzten Rettungshubschrauber. Sämtliche Einsätze werden in geführten Ein-satz Nachbesprechungen evaluiert. Zudem erfolgt eine lückenlose Digitalisierung aller während der Versorgung erhobenen Daten, wodurch Medienbrüche vermieden und die einzelnen Behandlungs-schritte beschleunigt werden.
Als eines der führenden Zentren für pädiatrische Intensiv- und Notfallmedizin übernimmt die Universitäts-Kinder- und Jugendklinik Tübingen die telemedizinische fachliche Begleitung im Projekt Helipaed. Erfahrene Spezialistinnen und Spezialisten unterstützen die medizinischen Crews der DRF Luftrettung bei komplexen Kindernotfällen und Interhospitaltransporten.
Durch die enge Anbindung an die Universitäts-Kinder- und Jugendklinik Tübingen wird eine durchgän-gige fachliche Begleitung entlang der gesamten Versorgungskette möglich, und zwar vom Einsatzort oder der erstversorgenden Klinik bis zur Aufnahme in einem spezialisierten Zentrum.
„Schwere Notfälle bei Kindern stellen Rettungsteams vor besondere Herausforderungen – umso wich-tiger ist es, wenn nötig auf spezialisierte pädiatrische Expertise zurückgreifen zu können“, erläutert Dr. Oliver Heinzel, Ärztlicher Leiter der Pädiatrischen Notaufnahme der Universitäts-Kinder- und Ju-gendklinik am Universitätsklinikum Tübingen, die Zielsetzung des Projekts. „Mit der telemedizinischen Anbindung bringen wir unsere Erfahrung aus der Kinderintensiv- und Notfallmedizin ohne zeitliche Verzögerung an den Einsatzort oder direkt in laufende Transporte von intensivpflichtigen Kindern. Dadurch können wir Teams bereits in einer frühen Phase bei komplexen Entscheidungen unterstützen und die Versorgung schwer kranker Kinder über die gesamte Rettungs- und Transportkette hinweg verbessern. Mit der DRF haben wir einen starken Partner in der Luftrettung gefunden, der schon jetzt sehr viel in die Ausbildung und Ausrüstung für Kindernotfälle investiert.“
Mit dem Projekt wird erstmalig die Möglichkeit geschaffen, das spezielle Wissen und die Erfahrung von Kindernotfall- und Intensivmedizinern zeit- und ortsunabhängig direkt verfügbar zu machen. Bis-her stehen spezielle Kindernotarzt-Systeme nur in wenigen Großstädten zur Verfügung. Durch die telemedizinische Anbindung kann pädiatrische Expertise künftig auch dort eingebunden werden, wo kein spezialisierter Kindernotarzt unmittelbar verfügbar ist.
Helipaed startet als Pilotprojekt an den Stationen der DRF Luftrettung in Stuttgart, Friedrichshafen und Villingen Schwenningen. In einem ersten Schritt wurde hier die Ausrüstung der Hubschrauber auf ein-heitliche, an die Versorgung schwerstkranker Kinder mit komplexen Erkrankungen angepasste Stan-dards gebracht. Nächste Meilensteine sind die Qualifizierung der medizinischen Besatzungen in simu-lationsgestützten Schulungen, die für den Jahresbeginn 2027 geplant sind, sowie der Aufbau eines überregionalen telemedizinischen Konzepts.
Von dem Projekt profitieren mehrere Ebenen des Rettungssystems: Kritisch kranke oder verletzte Kinder und ihre Familien profitieren von einer konsistenten, hochqualitativen und kinderzentrierten Versorgung. Luftrettungsbesatzungen erhalten bei Bedarf frühzeitig fachliche Unterstützung, mehr Sicherheit im Einsatz und klar strukturierte Versorgungsstandards.
Kliniken – insbesondere Kinderkliniken – können personelle Ressourcen besser planen, sich frühzeitig auf die Übernahme vorbereiten und Transportverzögerungen vermeiden. Leitstellen gewinnen zusätzli-che Dispositionsmöglichkeiten durch telemedizinische Expertise.
Das übergeordnete Ziel des Projekts Helipaed ist die nachhaltige und ressourcenschonende Optimie-rung der Kindernotfallversorgung in der Luftrettung in Baden Württemberg. Langfristig soll das Projekt als Modell für eine bundesweite Regelversorgung dienen.
Über die Universitäts-Kinder- und Jugendklinik Tübingen
Die Universitäts-Kinder- und Jugendklinik Tübingen ist Teil des Universitätsklinikums Tübingen, einem der führenden Zentren der deutschen Hochschulmedizin. Sie zählt zu den renommierten Einrichtungen für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen und verfügt über besondere Expertise in der pädiatrischen Intensiv- und Notfallmedizin. Durch die enge Verbindung von Patientenversorgung, Forschung und Lehre entwickelt sie innovative Diagnose- und Therapiekonzepte und trägt dazu bei, die Versorgung schwer kranker Kinder kontinuierlich zu verbessern. Weitere Informationen unter: www.medizin.uni-tuebingen.de