Menschen

Hand in Hand im Rettungsdienst

Wenn sein Einsatz als Notfallsanitäter HEMS TC beginnt, weiß er, was zählt: Teamarbeit und Konzentration.
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Porträt eines Notfallsanitäters der DRF Luftrettung vor einem Rettungshubschraubers
Mit seinem Engagement bei der Feuerwehr fing Lebensrettung für Sebastian Geißert an. (Quelle: DRF Luftrettung)

Sebastian Geißert ist einer, der sofort und beherzt zur Stelle ist, wenn jemand Hilfe braucht. Ein Mensch, den man gerne zum Freund hätte, weil er in allen Lebenslagen da ist. Bedingungslos. Es liegt ihm, in kritischen Notfallsituationen fokussiert zu bleiben. Und doch weiß auch er, dass er selbst Kraft tanken muss, um im Rettungsdienst der DRF Luftrettung als Leitender Notfallsanitäter und HEMS TC an der Station Karlsruhe vollen Einsatz bringen zu können. Dafür läuft er in seiner Freizeit oder fährt Fahrrad. Porträt eines Menschen, dessen Herz für die Notfallmedizin und den Rettungsdienst schlägt.

Mit dem Rettungshubschrauber „Christoph 43“ in einen neuen Einsatz

Wenn man Sebastian auf seine Berufung als Notfallsanitäter und HEMS TC anspricht, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er kennt sich mit medizinischen Fachbegriffen souverän aus, kann jeden Handgriff im Rettungsdienst aus dem Effeff abrufen und Hubschraubertypen genau identifizieren. Ein Multitasker, der es schafft, alle Disziplinen im Notfall – Rettungsflug, Medizin und Einsatz – im Blick zu behalten. Vor, während und nach dem Flug assistiert er dem Hubschrauberpiloten, checkt Fluginstrumente, überwacht die Navigation, die Wetterlage und die Landung am Einsatzort. Nach der Landung sondiert er gemeinsam mit dem Notarzt die medizinische Lage und versorgt den Patienten nach Dringlichkeit seiner Verletzungen. Parallel behält er mit dem Piloten das Wetter im Blick und legt gemeinsam mit der Crew zusammen die Einsatztaktik fest. Schließlich ist er es auch, neben dem Notarzt, der den Erstkontakt zu den nächsten Kliniken herstellt und immer in Verbindung mit der Leitstelle bleibt. Das erfordert eine hohe Konzentration, die Fähigkeit zur Priorisierung und Bereitschaft zur Teamarbeit. Alles Anforderungen, auf die Sebastian immer wieder seinen Fokus richtet und die er zum Teil auch in seinen Jobs vor der DRF Luftrettung gesucht hat.

Qualifizierte Ausbildung zum Notfallsanitäter

Die Kompetenzen dafür hat er sich in seinen Berufsjahren schrittweise aufgebaut. Seine Vita liest sich vielseitig, aus heutiger Sicht fügt sich jede seiner Erfahrungen zu einem Gesamtbild: Er hat gelernt, in kritischen Situationen den Überblick zu behalten und das Richtige zu tun. Vor seinem Einsatz bei der DRF Luftrettung war er als Notfallsanitäter im Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes Südpfalz (DRK) unterwegs. Davor lernte er beim Deutschen Wetterdienst der Bundeswehr, Wetter und Klima zu lesen und zu verstehen. Nach fast sieben Jahren bei der Bundesbehörde spürte er insgeheim, dass er einen Job machen wollte, der anspruchsvoller und fordernder ist, keine Routine aufkommen lässt. Er kündigte und finanzierte seine zweite Ausbildung als Rettungssanitäter selbst. Der 36-jährige Pfälzer lernte bei seinem zweiten Arbeitgeber viel Neues dazu und war sogar als Ausbilder tätig. Er war in der Rettungswache im Einsatz, arbeitete auf der Intensiv-Station und im OP, um fit zu werden für die Notfallmedizin, wie er sagt.  Aus dem Rettungssanitäter wurde schließlich der Rettungsassistent Geißert. Und dann kam der alles entscheidende Einsatz …

Hand in Hand im Rettungsdienst

Sebastian kannte den Hubschrauber „Christoph 43“, der in Karlsruhe und zurzeit in Baden-Baden/Airport stationiert ist, und die Luftretter*innen aus der Zusammenarbeit im bodengebundenen Rettungsdienst. Schon damals war er beeindruckt von der hohen Professionalität und der Teamarbeit der DRF-Besatzung. Sehr präzise erinnert er sich an den Moment, quasi die Initialzündung, seinen geliebten Job als Notfallsanitäter beim DRK gegen den bei der DRF Luftrettung einzutauschen. Es war ein Einsatz, bei dem ein Kind im vollen Schwimmbad in Not war. Noch heute hat er den Reanimationsversuch des vierjährigen Notfallpatienten durch die DRF-Einsatzkräfte vor Augen. Er selbst war mit dem Rettungswagen vorgefahren, als der Hubschrauber aus Karlsruhe eintraf. Die Luftretter*innen fügten sich blitzschnell in die Wiederbelebungsversuche des Bodenrettungsdienstes ein: „Die Crew bei ihrer Teamarbeit zu beobachten, wie alles nahtlos Hand in Hand ging und jeder alles gab, um das Kind medizinisch auf höchstem Niveau wieder zu beleben, das war so menschlich, das hat mir so gut gefallen, dass ich den Job im bodengebundenen Rettungsdienst an den Nagel gehängt habe“, sagt der HEMS TC. An dieser Stelle muss er selbst noch mal innehalten, denn ein Happy End gab es bei diesem Noteinsatz leider nicht. Auch wenn die Einsatzkräfte alles Mögliche getan hatten, überlebte der kleine Patient nicht. Was ihm bleibt, ist ein schwacher Trost, denn die Eltern waren dabei und konnten noch Abschied nehmen.

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Notfallsanitäter der DRF Luftrettung hält einen Vortrag in einer Grundschule
Sebastian in einer Grundschule in Wörth: Sein Vortrag lässt Kinderherzen höherschlagen. (Quelle: DRF Luftrettung)
Notfallsanitäter und HEMS TC sind eine Lebensaufgabe

Als er dann 2018 eine Fortbildung zum Thema Blutungsmanagement als externer Dozent bei der DRF Luftrettung leitete, sprach ihn ein ihm bekanntes Gesicht der Luftretter, Marcus Sandrock, Regionalleiter West der gemeinnützigen Organisation, an. Daraus wurde mehr, er bewarb sich und ist seit Dezember 2018 bereits 800 Einsätze (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung) reicher. Ein glücklicher Zufall, da kam eins zum anderen, wie er es heute in der Rückschau reflektiert. Der Weg der Entscheidung lag offenbar in der Luft. Er scheint angekommen zu sein in dem, wofür er brennt. Vor allem fühlt er sich bei den Luftretter*innen angenommen, was er aus tiefstem Herzen so ausspricht. Durch und durch ist er authentisch und spricht in jedem zweiten Satz von seiner Lebensaufgabe, dem Team und dem hohen Professionalisierungsgrad bei der DRF Luftrettung. Etwas, was ihm im Berufsleben sehr wichtig ist, wie er betont. Während der Ausbildung beim Deutschen Wetterdienst der Bundeswehr lernte er, wo sprichwörtlich der Wind her weht. Das Wetter zu lesen, hilft ihm auch heute in seiner Tätigkeit als Notfallsanitäter und HEMS TC.

Zehn Sekunden lang im Team innezuhalten, schenkt dir zehn Minuten, um das Richtige für den Patienten zu tun.

Und nicht nur das: In stressigen Situationen schafft er es, einen kühlen Kopf zu behalten. Denn das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um den komplexen Anforderungen eines Einsatzes gerecht zu werden. Dabei greift er auf einen der selbstverständlichsten Vorgänge im Körper zurück, das richtige Atmen. Wer längere Zeit emotionalen, körperlichen oder geistigen Belastungen ausgesetzt ist, muss seinen Atem steuern können. Oder Werkzeuge, wie das Team-Timeout, beherrschen. „Zehn Sekunden lang im Team innezuhalten, schenkt dir zehn Minuten, um das Richtige für den Patienten zu tun“, verrät er. Auch das hat er als HEMS TC in vielen Lehrgängen zur Luftfahrt im Crew Ressource Management (CRM) gelernt. Der „Faktor Mensch“ ist die wichtigste Fehlerquelle sowohl in der Luftfahrt als auch in der Medizin. Sich und seine Grenzen und Möglichkeiten, aber auch die des Teams ganz genau zu kennen, genau zu beobachten, exakt zu kommunizieren, das schafft Sicherheit. Sebastian selbst spricht von einem inneren Kompass, der ihn leitet, um routiniert und sicher Menschen zu helfen. Diese Haltung hat ihm auch den Weg zu mehr Verantwortung innerhalb der DRF Luftrettung geebnet: Seit August 2020 ist er Leitender Notfallsanitäter auf dem „Christoph 43“. Dass er darin aufgeht, ist spürbar. Sebastian ist einer, der Verantwortung trägt, im Team und nicht als Einzelkämpfer.

Erster Einsatz als HEMS TC bei der DRF Luftrettung

Tief durchatmen, das hat ihm auch bei einem seiner ersten Einsätze bei der DRF Luftrettung geholfen. Er wird ihn so schnell nicht aus dem Gedächtnis streichen können, möchte er auch nicht. Es ist ein Teil von ihm und geschah an einem der ersten, extrem heißen Sommertage im Juni 2019, als die DRF-Einsatzkräfte von der Station Karlsruhe starteten. Ein junger Motorradfahrer war auf der Schwarzwaldhochstraße B 500 verunglückt. Die B 500 ist eine der unfallträchtigsten Strecken. Auf seinem Rückweg vom Mummelsee war der damals 19-Jährige von der Fahrbahn abgekommen, hatte mehrere lebensbedrohliche Verletzungen und Frakturen gleichzeitig. Seine Lunge war schwerverletzt, eine Blutung im Bauchraum musste behoben und Brüche stabilisiert werden. Noch auf der Straße musste der junge Fahrer narkotisiert und intubiert werden. Eine äußerst komplexe Situation, bei der Sebastian nach dem ABC-Einsatzschema (Luftwege, Atmung und Blutzirkulation) vorging, gleichzeitig die Feuerwehr koordinieren und die nächste Spezialklinik anfragen musste. Keine leichte Aufgabe, denn die umliegenden Krankenhäuser hatten keine freien Kapazitäten mehr. Er schaffte es dennoch, gemeinsam mit der Notärztin, den Patienten sicher bis nach Stuttgart zu transportieren, danach noch den Helikopter neu zu betanken, weil sie bereits zum nächsten Einsatz gerufen wurden. Dabei noch die vorgeschriebenen Flugzeiten von maximal elf Stunden zur eigenen Sicherheit einzuhalten, ist eine logistische Meisterleistung. Die Flugdienstzeit beginnt vom Start der Maschine und endet eine Stunde nach der Landung. Wird diese Stunde durch einen Einsatz unterbrochen, läuft die Flugdienstzeit weiter. Ob der Patient überlebt hat, weiß er nicht. Er weiß aber, dass er gemeinsam mit den Luftretter*innen, der Feuerwehr und dem Rettungswagen alles getan hat. Und das gibt ihm tiefe Befriedigung. Eine Erfahrung, die ihn immer wieder antreibt.

Wir sind jetzt da, kümmern uns um Sie und passen auf Sie auf!

Anderen helfen und sich gesellschaftlich engagieren, macht er nicht erst seit seinem Dienstantritt als HEMS TC. Verantwortung zu übernehmen, gefährliche Situationen zu meistern und Menschen zu retten, kennt er genauso durch die Einsätze als Feuerwehrmann. Er ist seit 24 Jahren bei der Feuerwehr, da lernt man, brenzlige Situationen zu bewerten und den Überblick zu behalten, gerade dann, wenn ziemlich viel Adrenalin durch den Körper fließt. Notfallsanitäter und HEMS TC Sebastian ist der Mustertyp eines hilfsbereiten Lebensretters, ein junger Mann, der seine Liebe für das wichtigste Organ – das Herz – mit klaren Worten zum Ausdruck bringt. Empathie könnte sein zweiter Vorname sein. Dass er sich in Menschen in Not hineinversetzen kann, ist mehr als glaubhaft. Er spricht von der Überwindung, die es Menschen kostet, die 112 anrufen zu müssen, von Hilflosigkeit und Überforderung, wenn man in Not ist. Aber auch von Hoffnung und Perspektive, die er den Notleidenden gibt. Sein „Wir sind jetzt da, kümmern uns um Sie und passen auf Sie auf!“ wirkt sicher bereits wie Medizin. Es ist ihm wichtig, dass sich Patient*innen auf ihn verlassen können, dass er den Durchblick behält, auch in unübersichtlichen Situationen: „Wenn ich diesen Gedanken immer mit mir trage, dann kann ich Menschen helfen“, sagt der Notfallsanitäter.

Soziale Kontakte sind für mich lebenswichtig.

Der Luftretter steckt neben dem Sport sehr viel Energie und Zeit in seine weitere Qualifizierung. Beim Dauerlauf sortiert er seine Gedanken, das Erlebte. Er möchte weiter hoch hinaus, noch besser sein in der Notfallmedizin, betont er. „Ich möchte mich immer weiter professionalisieren und mein Wissen auch als Dozent an andere weitergeben.“ Seine wachen Augen bestätigen diese Ziele. Eine Herzensangelegenheit sind ihm auch die kleinen Projekte, für die er neben der Luftrettung noch Zeit findet. So durfte er auf Wunsch der benachbarten Grundschule in Wörth am Rhein einen Vortrag halten, weil die Kinder den Hubschrauber immer wieder vom Pausenhof sehen konnten. Dafür hatte er sogar extra ein Video von Start und Landung eines Hubschraubers für die Kleinen aufgezeichnet. „Damit sie auch eine Gänsehaut bekommen“, strahlt er aus seinen wachen Augen. Man braucht nicht viel Phantasie, sich Notfallsanitäter und HEMS TC Geißert vor großen fragenden Kinderaugen vorzustellen. Wie er von den medizinischen Abläufen erzählt, dem Knattern der Heli-Rotoren schwärmt und die Wucht des Auftriebs beim Start beschreibt. Er ist sicher in seinem Element. Die Kraft dazu geben ihm seine Frau, Familie und der Freundeskreis. „Soziale Kontakte sind für mich lebenswichtig“, sagt er. Und das klingt authentisch. Sebastian Geißert ist tatsächlich einer, den man gerne als Freund in allen Lebenslagen hätte.

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Notfallsanitäter der DRF Luftrettung sitzt in einem Rettungshubschrauber
Er ist angetrieben davon, sein Bestmögliches für Menschen in Not zu geben. (Quelle: DRF Luftrettung)

Autorin: Emel Tahta-Lehmann - Pressereferentin 

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