Menschen

Wenn das Leben an einem Seil hängt

Seit mehr als acht Jahren widmet sich Sebastian Schneider bei der DRF Luftrettung der Windenrettung. Seine Devise: Train hard, winch easy. Auf gut Deutsch gesagt: Alles eine Frage des Trainings und des Teams.
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Portrait von Sebastian Schneider, Ausbildungsleiter Winde bei der DRF Luftrettung.
Sebastian Schneider spricht zu Teilnehmer*innen eines Windentrainings. (Quelle: DRF Luftrettung / Florian Wagner)

Sebastian Schneider ist in den Bergen zu Hause. Egal ob Sommer oder Winter. Das ganze Jahr über sucht er den sportlichen Ausgleich in der Höhe. Skifahren, Eisklettern, Trail Running, Bergsteigen. Die Liste seiner Outdoor-Aktivitäten kennt kein Ende. Als gebürtiger Franke begleitet ihn die Liebe zum Gebirge bereits von klein auf. Kein Wunder also, dass er seine private Leidenschaft mit seiner beruflichen Tätigkeit als Ausbildungsleiter Winde bei der DRF Luftrettung verbindet. Neben regelmäßigen Diensten als Windenoperator – auch Winch-Operator genannt – an den Windenstationen Bautzen, Freiburg und Nürnberg ist er für die Grundausbildung und Trainings der Kolleg*innen zuständig. Ein Job, der ihm psychisch viel abverlangt, ihm aber auch unheimlich viel zurückgibt.

Windenrettung: Eine Multitasking-Aufgabe in der Luft

Bei offener Türe auf der Kufe des Hubschraubers stehen. Einen Windenspot von drei auf drei Meter lokalisieren, wenn unter einem nichts als Bäume zu sehen sind. Pilot*innen mündlich so einweisen, dass sie den Hubschrauber genau an der richtigen Stelle, die sie selbst nicht einsehen können, in der Luft halten. Ein bis zu 90 Meter langes Stahlseil mit einem Durchmesser von 4,6 Millimeter bedienen, an dessen Ende wortwörtlich ein Leben hängt. Wenn Sebastian von den Details einer Windenrettung erzählt, ist sofort klar: Jede noch so kleine Bewegung und jeder Handgriff muss sitzen. Es ist eine hohe, geistige Flexibilität erforderlich. Das Gehirn läuft auf Hochtouren. Nicht nur, um auf Änderungen entsprechend sicher zu reagieren, sondern auch im Umgang mit der Verantwortung. Es ist eine hochgradig anspruchsvolle Aufgabe für die gesamte Crew, die nur als Team und mit einem hohen Maß an Vertrauen gemeistert werden kann. Darum ist ihm seine Arbeit als Ausbildungsleiter auch so wichtig. Denn jeder Einsatz ist nur so gut, wie das schwächste Glied in der Kette. Nur gemeinsam und nur mit größtem Vertrauen in die Fähigkeiten aller, gelingt eine sichere und erfolgreiche Rettung per Seilwinde. Dafür verlangt er seinen Kolleg*innen in der Ausbildung und beim Training viel ab. „Der Einsatz mit Rettungswinde belegt eindeutig: Multitasking ist möglich. Sonst wäre eine Windenrettung nicht umsetzbar“, fügt der 39-Jährige mit einem kleinen Schmunzeln hinzu.

Für mich ist es eine Berufung, die ich mit Herzblut lebe.
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Sebastian Schneider spricht zu Teilnehmer*innen eines Windentrainings. (Quelle: DRF Luftrettung / Florian Wagner)
Sebastian geht zu 100 Prozent in seinem Beruf auf. (Quelle: DRF Luftrettung)
Vom Notfallsanitäter zum Windenexperten

Er selbst hat seine Weiterbildung zum Winch-Operator sowie seine medizinische Ausbildung in den USA während seiner 14-jährigen Dienstzeit für die Bundeswehr absolviert. Als Soldat und Hochgebirgsspezialist ist er unter anderem mehrere Jahre in den Vereinigten Staaten stationiert. 2011 kehrt er der Bundeswehr den Rücken und bewirbt sich initiativ bei der DRF Luftrettung als Notfallsanitäter und HEMS TC. Und es klappt! Zu Beginn ist er bundesweit als sogenannter Springer auf nahezu jeder Station im Einsatz und wird so mit allen Hubschraubermustern vertraut, die bei der gemeinnützigen Organisation eingesetzt werden. Drei Jahre später spezialisiert er sich komplett auf die Winde und arbeitet ausschließlich als Windenoperator an den DRF-Stationen mit Winde sowie an den Stationen der Tochtergesellschaft ARA Flugrettung in Österreich. 2018 dann der nächste Schritt: Er wird Ausbildungsleiter und übernimmt die volle Verantwortung für den Bereich Winde. Mindestens 800 Windenzyklen und einen Ausbilderschein der IHK musste er dafür vorweisen sowie zahlreiche andere Vorgaben des Luftfahrtbundesamtes und der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) erfüllen. Doch die vielen Etappen auf dem Weg dorthin haben sich ausgezahlt: „Heute kann ich mich vollblutmäßig und zu einhundert Prozent auf das Thema Winde fokussieren“, sagt Sebastian. „Das würde ich auch nicht mehr als einfachen Job bezeichnen. Für mich ist es eine Berufung, die ich mit Herzblut lebe.

Realitätsnahe Ausbildung für den Einsatz mit Rettungswinde

Seine Ausbildertätigkeit bezeichnet er als abwechslungsreich und einzigartig. „Ich muss mich auf jeden Schüler individuell einlassen und dementsprechend vor allem die praktische Woche der Grundausbildung immer wieder anders strukturieren“, erzählt Sebastian. „Ich arbeite mit Menschen und nicht mit einem Rohstoff. Jeder hat unterschiedliche Lernprozesse und Fähigkeiten, die es zu berücksichtigen gilt.“ Dabei setzt er auf die richtige Mischung aus Eingreifen und Fehler passieren lassen. Ein schmaler Grat zwischen Fordern und Fördern. Auch wenn die Ausbildung und das Training noch so herausfordernd sind, für den tatsächlichen Einsatz sind dadurch alle bestens gerüstet. Frei nach seiner Devise: Train hard, winch easy. Ein besonderes Augenmerk liegt während des gesamten Prozesses auf dem Teamgedanken, der sich auch im Schulungskonzept widerspiegelt. Denn Windenrettung ist vor allem eins: Vertrauen. Vertrauen in die Technik, in die Materialien und in die Fähigkeiten jedes Teammitglieds. Und am Allerwichtigsten: Vertrauen untereinander. Mit seinen Kolleg*innen durchlebt er dabei alle Höhen und Tiefen. Sieht sie während der Ausbildung wachsen, bis der sprichwörtliche Knoten platzt. Dieser Erfolg gibt Sebastian das zurück, was der Job von ihm einfordert. Das erfüllt ihn mit Stolz und es verbindet. Für seine Schüler*innen ist er daher auch über die Grundausbildung hinaus und abseits der regelmäßigen Windentrainings da. Hat zu jeder Zeit ein offenes Ohr. Der Teamgedanke zählt für ihn auch außerhalb der Dienstzeiten. Sebastian ist mehr als nur ein Trainer. Er ist ein Teamplayer durch und durch. Er weiß: „Am Ende kann ich mich auf jeden Einzelnen und seine Fähigkeiten voll und ganz verlassen. Ich würde jeder und jedem blind mein Leben anvertrauen.“

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Zwei Personen hängen an einer Rettungswinde eines Hubschraubers der DRF Luftrettung.
Einmal pro Jahr trainiert jedes Crewmitglied die Windenrettung in Theorie und Praxis. (Quelle: DRF Luftrettung / Florian Wagner)
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Mehrere Personen stehen um die Rettungswinde an einem Hubschrauber der DRF Luftrettung.
Bevor es in die Luft geht, trainiert Sebastian mit den Teilnehmer*innen einzelne Verfahrensabläufe der Windenrettung am Boden. (Quelle: DRF Luftrettung / Florian Wagner)
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Hubschrauber der DRF Luftrettung mit Rettungswinde aus der Froschperspektive
Die DRF-Stationen in Bautzen, Freiburg und Nürnberg sind mit einer Seilwinde ausgestattet. (Quelle: DRF Luftrettung)
Auch als Spezialist lernt man nie aus

Neben Ausbildung und Training beschäftigt sich Sebastian auch konsequent mit der Weiterentwicklung der Windenrettung bei der DRF Luftrettung. Dabei fungiert er nicht nur als Knotenpunkt innerhalb der Organisation, sondern auch nach außen. Ein wesentlicher Aspekt seiner Tätigkeit ist die Vernetzung mit anderen Expert*innen auf dem Fachgebiet. Dafür steht Sebastian nach wie vor in einem regelmäßigen Austausch mit seinen eigenen Mentoren aus seiner Ausbildungszeit. Auch mit anderen Betreibern ist er europaweit gut vernetzt. Ein wertvoller Austausch auf Augenhöhe, der ihn auch vor Betriebsblindheit schützt. Dazu kommt die regelmäßige Zusammenarbeit mit den Bergwachten, die rund um die drei Windenstationen Bautzen, Freiburg und Nürnberg tätig sind. „Die gemeinsame Arbeit mit den ehrenamtlichen Spezialisten vor Ort ist für uns unheimlich wertvoll. Daher integrieren wir diese auch in unsere jährliche Windentrainings, damit alle Zahnräder im Ernstfall optimal ineinandergreifen“, erklärt der Windenexperte. Daneben ist Sebastian auch die Aufklärung ein wichtiges Anliegen – insbesondere im Bereich der unterschiedlichen Einsatzszenarien der Rettungswinde. Es sind nicht immer „nur“ verletzte Kletter*innen oder gestürzte Skifahrer*innen. Auch im Stadtgebiet kann die Rettungswinde von Vorteil sein. Zum Beispiel für die Aufnahme von Patient*innen von einem Hochhausdach aus, wenn das Treppenhaus zu eng und der Weg nach oben wesentlich kürzer als nach unten ist. Dafür steht Sebastian regelmäßig im Austausch mit den Kolleg*innen, die die Aufklärungsarbeit an den Leitstellen leisten. Denn dort werden die Notrufe entgegengenommen und entschieden, welche Rettungskräfte alarmiert werden.

Seit fünf Jahren zeigt sich für Sebastian, dass sich seine Arbeit und Hingabe auszahlen. Die Einsatzzahlen sind insgesamt stark angestiegen (2020: 129 Einsätze) und verdeutlichen für ihn einmal mehr: Man darf nie aufhören, selbst zu lernen und sich weiterzuentwickeln. „Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, dass ich bereits alles erlebt und gesehen habe, dann werde ich von jetzt auf gleich meinen Gurt an den Nagel hängen“, so Sebastian. Daumen drücken, dass es dazu nie kommt.

 

Autorin: Maren Wittmann – PR-Redakteurin

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