21.03.2018 | Rettungsbericht

„Der Vogelwärter von Hallig Habel steckt im Schlick fest“

  • Wiedersehen zwischen Luftretter Carsten Dummmann (li.) und dem Gerettetem, Uwe Rath. Foto: Uwe Schmalenbach
    Wiedersehen zwischen Luftretter Carsten Dummmann (li.) und dem Gerettetem, Uwe Rath. Foto: Uwe Schmalenbach
  • Erst durch diesen Zwischenfall wurde ein Herzproblem bei Vogelwart Uwe Rath (li.) diagnostiziert. Foto: Uwe Schmalenbach
    Erst durch diesen Zwischenfall wurde ein Herzproblem bei Vogelwart Uwe Rath (li.) diagnostiziert. Foto: Uwe Schmalenbach
  • Was treibt einen Menschen an, allein auf einer Hallig zu sitzen, interessiert sich Notfallsanitäter Carsten Dummmann (re.). Foto: Uwe Schmalenbach
    Was treibt einen Menschen an, allein auf einer Hallig zu sitzen, interessiert sich Notfallsanitäter Carsten Dummmann (re.). Foto: Uwe Schmalenbach

Der einstündige Weg war für ihn nicht unbekannt. „Schon vier- oder fünfmal“ hatte er die Distanz zwischen der Hallig Habel und dem Dorf Ockholm auf dem nordfriesischen Festland zu Fuß durchs Wattenmeer zurückgelegt. Auch an jenem 13. August vergangenen Jahres traf Uwe Rath erst alle üblichen Vorsichtsmaßnahmen, ehe er losging. Das Wetter war gut, die Sicht perfekt, der Abmarsch eine Stunde vor Hochebbe rechtzeitig – und doch steckte der Rendsburger plötzlich auf halber Strecke fest, in einer überaus bedrohlichen Lage! Auf einmal ging es nur noch acht oder zehn Meter weiter,  die Beine wollten einfach nicht mehr. Bis zu den Oberschenkeln im Schlick eingesunken, erschöpft („Mir wurde komisch“), ohne Aussicht auf einen Weg aus der gefährlichen Situation – bald würde die Flut wieder auflaufen…

Wenn Uwe Rath heute ganz nüchtern und sachlich von jenem Schreckensmoment erzählt, schwingt in seiner Stimme etwas Unverständnis mit. Darüber, dass ihm „so eine Sache“ passiert ist. Trotz seiner guten Verfassung. Geistig und körperlich fit ist der pensionierte Kriminalbeamte mit seinen 76 Lenzen, regelmäßig beim ärztlichen „Check Up“, dreimal wöchentlich geht er laufen. Sorgenvolle Gedanken über seine Aufenthalte auf Habel habe er sich vormals nie gemacht, selbst wenn er nunmehr zähneknirschend einräumen muss, dass seine Frau schon immer gemahnt habe: „Wenn dann doch mal was ist…“

„Man denkt selbst nie daran, dass einem etwas zustoßen könnte – das ist normal“, entgegnet Carsten Dummann verständnisvoll. Dummann und Rath haben sich, ein halbes Jahr nach jenem Zwischenfall, in Rendsburgs hübscher Altstadt zum Kaffeetrinken getroffen, lassen den 13. August 2017 Revue passieren. Denn dieser Tag verbindet beide: Als der Wattwanderer Rath festsaß, konnte er zum Glück noch über sein Mobiltelefon den Notruf 112 wählen, auf seine Situation und Position vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste aufmerksam machen. Doch kein Rettungswagen hätte ihn auf dem extrem weichen Untergrund erreichen können, nicht die Feuerwehr, und ein Boot wäre zu diesem Zeitpunkt ebenso wenig in der Lage gewesen, zum 76-Jährigen zu gelangen, der sich zusehends schwächer fühlte!

Unterkühlt und mit Schmerzen im Brustbereich

Daraufhin rief die Rettungsleitstelle Christoph Europa 5 zur Hilfe. Auf dem Niebüller Hubschrauber der DRF Luftrettung fliegt Carsten Dummann als Notfallsanitäter und gehörte, neben Pilot Karl-Heinz Heitmüller und Notarzt Dr. med. Michael Mönk, im vergangenen Sommer zur Besatzung der rot-weißen BK 117, als Raths Notruf einging. „Wir waren in jenem Moment eigentlich auf dem Weg zu einem anderen Einsatz auf Amrum“, schildert Carsten Dummann. „Doch dann alarmierte uns die Leitstelle erneut: ‚Der Vogelwärter von Hallig Habel steckt zwischen Ockholm und Habel im Schlick fest!‘ Dieser Notfall, so die Leitstelle, sei vorrangig; darum änderten wir den Kurs und flogen in Ihre Richtung“, berichtet der Notfallsanitäter Uwe Rath. Nur ein paar Minuten später habe die Crew des Rettungshubschraubers Fußspuren im Schlick gesehen, erinnert sich Carsten Dummann; bald darauf den erschöpften und inzwischen unterkühlten Wattwanderer gefunden, der noch dazu Schmerzen im Brustbereich verspürte.

Es war also beherztes – und sofortiges – Eingreifen gefordert! Denn obendrein hätte es nicht mehr lange gedauert, ehe das auflaufende Wasser bedrohlich ansteigen würde. „Wir mussten handeln! Wir konnten nicht warten“, betont der Notfallsanitäter. „Allerdings hatten wir in der brenzligen Lage in einem Punkt echt Glück: es war nicht so windig.“ Jener Umstand, erklärt Luftretter Dummann, habe den Einsatzverlauf entscheidend begünstigt: So konnte Pilot Heitmüller die Maschine der DRF Luftrettung nämlich auf der wetterabgewandten Seite behutsam und gefahrlos ganz nah an den immer noch im Schlick gefangenen Uwe Rath heranmanövrieren! Im Schwebeflug, vielleicht eine Handbreit über dem aufgeweichten Watt, in dem eine Landung völlig ausgeschlossen war, hielt Heitmüller die über drei Tonnen schwere BK 117 gekonnt auf der Position. „Dann haben der Doktor und ich die Tür aufgemacht und Sie an den Armen und am Rucksack, den Sie noch aufhatten, in die Maschine gezogen“, blickt Carsten Dummann zurück auf den ungewöhnlichen Einsatz.

Der Notfallsanitäter erzählt das erstaunlich „cool“ – dabei hat die Besatzung von Christoph Europa 5 dem Vogelbeobachter gewiss das Leben gerettet! Der dachte daraufhin zunächst, das Team werde ihn auf dem sicheren Festland, am Deich, zu dem er aufgebrochen war, nach erfolgter Rettung absetzen. Doch schon aus Vorsichtsgründen und ebenso, weil der Notarzt wie der Notfallsanitäter Hinweise fanden, dass Uwe Raths Gesundheitszustand nicht problemlos war, brachten sie ihn direkt ins Klinikum Niebüll.

Die Geschichte von der glücklichen Rettung des Uwe Rath sollte dort weiterhin nicht ihr Ende finden: Noch am selben Abend nämlich ließen die Niebüller Ärzte den pensionierten Kriminalpolizisten nach weiteren Untersuchungen per Rettungswagen ins Husumer Herzzentrum verlegen. Im Anschluss an die Rettung aus dem Watt hatten sie festgestellt, dass etwas mit dem Herz des 76-Jährigen nicht in Ordnung war. In Husum sollte im Herzkatheterlabor genauer nachgesehen werden. Die Mediziner in der Heimatstadt Theodor Storms fanden eine Engstelle in den Herzkranzgefäßen! Daraufhin setzten sie Uwe Rath gleich am nächsten Tag einen Stent ein, der den ausreichenden, lebenswichtigen Blutfluss trotz der Verengung sicherstellt.

Beide Männer nehmen bedächtig einen Schluck Kaffee, wie sie jetzt so  am Tisch in Rendsburg zusammensitzen, schütteln den Kopf. Uwe Rath sagt, durchaus erleichtert: „Schon komisch: Erst durch den Zwischenfall im Watt ist die Herzgeschichte herausgekommen – die wäre sonst vielleicht unentdeckt geblieben und nach einiger Zeit mitunter gefährlich geworden…“ „Möglicherweise ist das Herzproblem auch schon die Ursache für Ihre Erschöpfung auf der Wanderung gewesen; das kann sein“, erwidert Carsten Dummann. Noch etwas Kaffee. „Das meinten die Ärzte in Husum auch schon“, fügt Uwe Rath nach dem Runterschlucken an.

Treffen zwischen Luftretter und Gerettetem

Der 13. August 2017 hat für den Senior also gleich ein zweifach gutes Ende gefunden. Zufrieden schlemmen der Luftretter und der Gerettete von dem köstlichen Kuchen im kleinen Café, nach einigen ernsten Minuten ist die Stimmung jetzt geradezu heiter. „Der Hubschrauber und der Krankenhausflur in Niebüll waren ganz matschig, als ich dort war“, lacht Uwe Rath, „ich war ja von oben bis unten voll Schlick.“ „Ja, wir haben die Maschine ganz gut geschrubbt nach dem Einsatz“, schmunzelt der Notfallsanitäter der DRF Luftrettung.

Was einen Menschen denn antreibe, alleine auf einer Hallig zu sitzen, möchte Carsten Dummann gerne wissen. Noch dazu auf der mit sieben Hektar kleinsten der zehn Halligen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer, ohne Anschluss ans Wasser- und Stromnetz des Festlandes. Und Platz ist auf Habel im einzigen Haus immer nur für einen Bewohner.

„Es ist dennoch nie einsam dort! Ich bin nirgendwo sonst so nah an der Natur dran, man sieht den ganzen Tag etwas, wird von den Rufen der Vögel morgens geweckt“, gerät Uwe Rath bei seiner Entgegnung ins Schwärmen. Im Jahr 2000, als er mit 42 Dienstjahren als Vizechef der örtlichen Kriminalpolizei nach vielen abscheulichen Fällen von Schwerstkriminalität – Mord, Totschlag, Sexualdelikte – in den Ruhestand ging, begann Uwe Rath seine ehrenamtliche Tätigkeit im Verein „Jordsand“. Ahnung von Vogelkunde habe er seinerzeit noch nicht gehabt, sei „interessierter Laie“ gewesen.

„Jordsand“ engagiert sich schon mehr als 100 Jahre lang im Naturschutz an den Küsten von Nord- und Ostsee, ebenso im Raum Hamburg. Der Schutz von See- und Küstenvögeln ist ein wesentliches Anliegen der Organisation. So auch auf Habel: Die Hallig liegt in der Zone I des „Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“ und ist als wichtiges Rast-, Brut- und Nahrungsgebiet für zahlreiche Seevögel streng geschützt. Entsprechend ist die Hallig für den Tourismus vollständig gesperrt.

Führungen, wochenlange Seeadlerhorstbewachungen aus einem getarnten Wohnwagen heraus und anderes mehr: Uwe Rath ging in der nach der Pensionierung neu übernommenen Aufgabe in dem Verein auf. Doch die Aufenthalte auf Habel scheinen ihn besonders fasziniert zu haben. Dort sei man Selbstversorger, beschreibt der Ehrenamtler, müsse eine gut gefüllte Verpflegungskiste mitbringen. Im Gebäude gebe es neben einem Schlaf- und Wohnzimmer sogar einen Werkstatt- und selbstverständlich den Funkraum. Denn alle Halligen sind über Sprechfunk mit dem Festland verbunden.

Strom liefere eine Solaranlage, „das reicht auch für den Rasierapparat und um das Handy aufzuladen“, zwinkert Rath. Eine Lampe zum Lesen gebe es, „es fehlt mir dort an nichts“. Fertiggerichte seien während der Aufenthalte tabu, er „brutzele gern“ in der kleinen Küche. Das Wasser müsse ohnehin stets abgekocht werden. Und dann das Frühstück! Das habe er auf der Hallig oftmals vor die Tür verlegt, hebt Uwe Rath mit leuchtenden Augen hervor. „Da hat man einen herrlichen Blick übers Wattenmeer, erlebt die aufgehende Sonne über der Nordsee – da kann das Frühstück schon einmal zwei Stunden lang dauern!“

Daneben achte ein Vogelwart auf Habel darauf, dass das Betretungsverbot eingehalten wird, sich kein Boot zu sehr nähert. Die Warft zu mähen und das Gras kurz zu halten, damit das Wasser weniger Angriffsfläche habe, sei ebenso eine Aufgabe wie das Führen eines Tagebuchs und die regelmäßige „Spülsaumkontrolle“, bei der nach angeschwemmten Gegenständen gesucht wird. „Land unter“? Ja, habe er bereits erlebt! Das sei aber unproblematisch gewesen. Und allabendlich gehöre ein Sicherheitsanruf bei der „Jordsand“-Station in Schüttsiel ohnehin gleichermaßen zur täglichen Routine, „um zu sagen, dass alles okay ist“, führt Vogelwärter Rath begeistert aus.

Der letzte Einsatz des Vogelwärters

Gleichwohl: „Vogelwärter a. D“, müsste man korrekt formulieren. Denn nach dem Zwischenfall im letzten Sommer habe er seiner Frau versprechen müssen, dass nun aber Schluss sei mit dieser Art Einsätzen. „Das habe ich auch meinem Referenten im Verein mitgeteilt, dass ich dafür nicht mehr zur Verfügung stehe“, sagt Uwe Rath, und man meint, einen seufzenden Unterton zu hören.

Allerdings bedeutet das nicht, dass der rege Senior fürderhin nur noch in Rendsburg säße und Kaffee tränke! Seit bereits 17 Jahren ist er ebenfalls ehrenamtlich in der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ aktiv. Diese Aufgabe versieht er weiterhin.

Und wie das Leben so spielt: Für ein Engagement in diesem Bereich hatte sich Carsten Dummann seinerseits ebenfalls schon länger interessiert. Durch die schicksalhafte Begegnung mit Uwe Rath wurde daraus der inzwischen umgesetzte Entschluss, dass der Luftretter jetzt ebenfalls Mitglied beim „Weißen Ring“ ist und nunmehr in seiner Freizeit auch in dieser Organisation anderen Menschen hilft.
So, wie er mit seinen Crew-Kollegen Dr. med. Michael Mönk und Karl-Heinz Heitmüller Uwe Rath beruflich zur Hilfe eilte. Der hebt zum Abschied nach dem Kaffeetrinken gerührt an: „Man ist unendlich dankbar – Wahnsinn…“

Seine Frau und er, das schiebt der aus dem Schlick befreite Wattwanderer nach, seien einige Tage nach der Rettung mittels Hubschrauber der DRF Luftrettung selbstverständlich Mitglieder im Förderverein DRF e. V. geworden (der die Luftrettung mit Fördermitteln auf dem heutigen Ausbildungs- und Ausrüstungsniveau erst möglich macht). „Wir wollen etwas zurückgeben“, unterstreicht der 76-Jährige.

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